Das perfekte Buch für den Moment …… wenn du eigentlich was anderes willst

Ein kleiner Junge, ein Kindermädchen und eine missglückte Entführung: Aus diesen Elementen setzt Zhang Yueran in ihrem Roman "Schwanentage" ein Porträt der chinesischen Gesellschaft zusammen. Und dann ist da noch diese Gans.

Yu Ling liegt in ihrem Bett. Sie liebt das Bett. Sie liebt den lavendelfarbenen Stoff, den zarten Duft nach Sandelholz, die weiche Decke, das perfekte Kissen. Seit vier Jahren schläft sie in diesem Bett. Um sie herum ist alles vertraut. Das Dunkel des Zimmers, der eigentümliche Geruch, das Ticken des Weckers. Yu Ling liegt da und möchte schlafen. Aber es geht nicht. Eigentlich sollte sie nicht hier liegen. Sie wollte anderswo sein.

Vor vierundzwanzig Stunden hatte sie sich – genau wie jetzt auch – auf dem Laken hin und her gewälzt, in der Gewissheit, ihre letzte Nacht in diesem Bett und in diesem Haus zu verbringen. Kurz hatte sie sogar überlegt, das Kissen mitzunehmen. Stattdessen liegt sie jetzt darauf, als wäre gar nichts passiert.

Am falschen Ort

Dabei ist alles passiert. Das Zimmer nebenan ist leer. Und das daneben auch. Die Menschen, die eigentlich hier leben, haben sich in nichts aufgelöst. Dafür sind die, die jetzt woanders sein sollten, plötzlich hier.

"Yu Ling, der Junge Kuan Kuan – und ein falscher Schwan."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Buchrezensentin

Als Yu Ling so klein war wie Kuan Kuan, hatte sie oft geträumt, dass alle Menschen um sie herum mit einem Mal verschwanden und nur sie zurückblieb. Ganz langsam war sie durch die Straßen in ihrer Stadt gegangen. In einem Restaurant hatte sie gedämpfte Baozi aus einem Körbchen gegessen, und sich dabei Zeit gelassen, weil niemand sie antrieb oder auf sie wartete. Sie hatte alle Zeit der Welt, und diese Welt gehörte ihr.

Die Gans und der Edelteppich

Jetzt fühlt es sich wieder so an. Yu Ling ist allein. Niemand treibt sie an oder wartet auf sie. Mit dem Unterschied, dass sie 30 Jahre alt ist, ein Verbrechen geplant hat und nicht schläft. Das Haus gehört ihr nicht. Nicht einmal das gemütliche Kissen gehört ihr. Kuan Kuan ist nicht ihr Sohn oder Bruder. Yu Ling ist nur ein Kindermädchen. Und der falsche Schwan kackt vermutlich genau jetzt auf den wertvollen Tibetteppich unten im Wohnzimmer.

"'Schwanentage' heißt die unglaubliche Geschichte um die Entführerin Yu Ling, die nicht ertappt wird, weil die Entführung, die sie so sorgsam geplant hat, niemanden interessiert."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Buchrezensentin

Zhang Yuerans Roman spielt die meiste Zeit in einem reichen Viertel von Peking und beginnt damit, dass das Kindermädchen Yu Ling mit dem Jungen Kuan Kuan zu einem Picknick aufbricht. Dass sie Essen für drei Tage dabeihaben, stört niemanden. Die Familie ist reich und Überfluss gewöhnt. Kuan Kuan liebt Yu Ling und würde mit ihr überall hingehen.

Und sie würde ihm jeden Wunsch erfüllen, wenn auch manche mit Widerwillen, wie den, unterwegs einen Schwan zu kaufen, der eigentlich eine Gans ist, was sie ihm aber nicht sagt. Sie sagt ihm auch nicht, dass der Kette rauchende Mann am Steuer des klapprigen Kastenwagens ihr Freund und Komplize ist. Und dass Kuan Kuan sie in drei Tagen nie wieder sehen wird, verschweigt sie auch. Dann, wenn das Lösegeld gezahlt und der Junge zurück bei seiner Familie ist.

Zurück zum Anfang

Wenn nicht plötzlich alles ganz anders kommen würde. Erst erfährt Yu Ling aus dem Autoradio, dass Kuan Kuans Großvater festgenommen und Kuan Kuans Vater zum Verhör abgeholt wurden. Es wird ermittelt. Die Mutter des Jungen ist auf einer ihrer Kunstreisen in Hongkong und nicht erreichbar. Die Großmutter liegt im Krankenhaus. Yu Lings Freund findet die ganze Sache plötzlich sehr anstrengend und macht sich aus dem Staub. Immerhin fährt er vorher sie, den Jungen und den falschen Schwan zurück zum Haus.

Und da liegt sie jetzt. Zurück in dem Leben, dass sie eigentlich nicht mehr wollte. Genau: Eigentlich.

Das Buch:
"Schwanentage" von Zhang Yueran, aus dem Chinesischen übersetzt von Karin Betz, erschienen bei ecco, Verlagsgruppe Harpercollins, 222 Seiten, Hardcover: 24 Euro, eBook: 19,99 Euro; erschienen am 23.09.2025.

Die Autorin:

Zhang Yueran (*1982) ist eine der einflussreichsten chinesischen Autorinnen. Ihre Romane und Erzählungen wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. "Cocoon" aus dem Jahr 2016 wurde von der New York Times zu den besten Büchern 2022 gewählt und gewann den französischen Prix Transfuge 2019 für den besten asiatischen Roman. Er befasst sich unter anderem mit dem Erbe der chinesischen Kulturrevolution.