Zwischen Hobby und SuchtSammeln macht Spaß - bis es zu viel wird
Panini-Sticker, Pokémon-Karten oder limitierte Sneaker: Sammeln kann Spaß machen, Struktur geben und Menschen verbinden. Doch wann kippt ein Hobby? Vier Warnzeichen zeigen, ob aus Sammelleidenschaft ein echtes Problem werden kann.
Psychiater und Psychotherapeut Bastian Willenborg sagt, dass uns Sammeln unter anderem Struktur gibt. Es gibt ein Ziel, auf das wir hinarbeiten können. Gleichzeitig kann eine Sammlung Zugehörigkeit schaffen, etwa wenn sich Fans untereinander austauschen oder seltene Stücke zeigen. Ist ein Album irgendwann komplett, kommt noch das gute Gefühl dazu, etwas abgeschlossen zu haben.
"Das gibt Struktur, du hast so ein Ziel, auch ein Gefühl von Zugehörigkeit, das ist eine Community, die sich austauscht."
Genau diesen Reiz nutzt auch Marketing. Begriffe wie „Limited Edition“, „nur kurz verfügbar“ oder der Hinweis auf besonders seltene Karten erzeugen Knappheit. Etwas, das nur begrenzt verfügbar ist, erscheint uns dadurch begehrenswerter und wertvoller. Das kann den Impuls verstärken, schnell zuzuschlagen.
Vier Warnzeichen, dass das Sammeln kippt
Grundsätzlich ist ein Sammelhobby erst einmal nichts Problematisches. Entscheidend ist laut Willenborg, welchen Platz es im eigenen Leben einnimmt. In seiner Arbeit schaut er dabei auf vier Punkte.
Der erste ist Kontrollverlust: Kaufe ich regelmäßig mehr, als ich mir eigentlich vorgenommen habe? Der zweite Punkt ist Leidensdruck. Dazu können Schuldgefühle und Scham gehören oder der Versuch, Käufe und die Größe der Sammlung vor anderen zu verheimlichen.
Hinzu kommen mögliche Probleme im Alltag. Kritisch kann es werden, wenn Beziehungen, Freundschaften oder die Arbeit unter dem Sammeln leiden. Als vierten Punkt nennt Willenborg den Verlust von Freiheit: Jemand weiß beispielsweise, dass die Sammlung viel zu viel Geld und Zeit kostet, schafft es aber trotzdem nicht, aufzuhören.
"Kann ich nicht mehr damit aufhören, auch wenn ich es mir vornehme, weil ich eigentlich weiß, ich gebe da viel zu viel Geld aus und ich habe gar keine Zeit mehr und trotzdem mache ich weiter?"
Solche Fälle erlebt Willenborg auch in seiner Praxis. Bei Patientinnen und Patienten seien etwa Partnerschaften durch das Verhalten kaputtgegangen. Ein anderer Patient bekam eine Abmahnung, weil er während seiner Arbeitszeit Sammelkarten verkauft hatte.
Wenn Sammeln Gefühle reguliert
Wenn aus dem Sammeln ein suchtartiges Verhalten geworden ist, versucht Willenborg zunächst herauszufinden, welche Funktion es erfüllt. Entscheidend ist beispielsweise, wann der Drang zum Kaufen besonders stark wird.
Steckt Langeweile dahinter? Stress? Einsamkeit? Oder die Angst, etwas zu verpassen? Nach Willenborg spielen bei Menschen, die wegen eines problematischen Sammelverhaltens zu ihm kommen, häufig Gefühle wie Einsamkeit, Traurigkeit oder das Gefühl, nicht dazuzugehören, eine Rolle.
Das Sammeln könne dann eine Art zweite Welt eröffnen, in der Bedürfnisse zumindest teilweise erfüllt werden. Im weitesten Sinne gehe es dabei häufig um Emotionsregulation.
"Viele der Menschen, die nicht stoffgebundene Suchtverhalten zeigen, erleben, dass das häufig mit Einsamkeit, mit Traurigkeit, nicht dazuzugehören zu tun hat."
Nicht einfach alles wegwerfen
Gerade wenn das Sammeln stark ausgeprägt ist, kann das Weggeben einzelner Gegenstände sehr schwerfallen. In manchen Fällen begleitet Willenborg Patientinnen und Patienten deshalb sogar zu Hause dabei.
Sie geben zunächst vielleicht nur ein oder zwei Dinge ab und lernen, das unangenehme Gefühl dabei auszuhalten. So können sie erfahren, dass nichts Schlimmes passiert, wenn sie sich von Gegenständen trennen, die sie eigentlich nicht mehr brauchen.
Denn eine große Sammlung allein macht noch keine Sammelsucht. Entscheidend ist, ob wir selbst noch bestimmen, wie viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit wir hineinstecken – oder ob irgendwann die Sammlung bestimmt.