GazaZwischen Riviera-Plänen und bitterer Realität

Seit vier Monaten gilt in Gaza Waffenruhe, doch die Bevölkerung kann nicht aufatmen. 170.000 Menschen wurden im Krieg verletzt, brauchen Therapien und Medikamente. Hoffnung hat hier kaum noch jemand, trotz der ersten Grenzöffnung Anfang dieser Woche.

Anfang 2025 entwirft US-Präsident Donald Trump eine Vision für den Gazastreifen. Sie klingt wie ein Exposé aus der Immobilienbranche. Da ist von Wolkenkratzern und Parks die Rede, außerdem von Ölplattformen vor der Küste. Die "Riviera des Nahen Ostens", so Trump, könne hier entstehen.

Trumps Fantasien vs. Realität in Gaza

Den Weg dahin soll Trumps Friedensplan ebnen. Doch zwischen Trumps Fantasien von der Riviera und der Realität im Gazastreifen klafft ein regelrechter Abgrund.

Zwar hat sich die Lage seit Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 leicht verbessert, berichtet ARD-Korrespondent Jan-Christoph Kitzler. Dennoch könne von Frieden keine Rede sein. Nach Angaben aus dem Gazastreifen gab es trotz Waffenruhe rund 500 Tote bei weiteren Angriffen.

"Riviera ist weit und breit nicht in Sicht. Es sind Hunderttausende Menschen, die in Zelten leben und auf Grundversorgung angewiesen sind."
Jan-Christoph Kitzler, ARD-Korrespondent für Israel und die palästinensischen Gebiete

Israels Angriffe haben massive Spuren hinterlassen: Laut palästinensischen Angaben, die auch UN-Organisationen für plausibel halten, wurden rund 170.000 Menschen verletzt. Nirgendwo auf der Welt leben pro Kopf so viele Kinder mit Amputationen wie hier.

Zaid Amali lebt in Ramallah im Westjordanland. In den Gazastreifen darf er nicht einreisen. Er bekommt aber Informationen von Teammitgliedern, mit denen er für Handicap International arbeitet – eine Organisation, die Menschen mit Behinderungen und Kriegsverletzungen unterstützt.

Medizinische Versorgung am Limit

Zaid Amali berichtet, dass deutlich mehr Menschen Hilfe suchen als sein Team versorgen kann. Im gesamten Gazastreifen gebe es nur acht Prothesen- und Orthesentechniker*innen. Eine davon arbeitet für Handicap International. Insgesamt ist das Team aus Expert*innen für Prothesentechnik, Physiotherapie und Psychotherapie zu sechst vor Ort. Doch mehr als zehn Patient*innen am Tag können sie nicht versorgen.

"Was mich am meisten trifft, sind Kinder, die uns sagen, dass ihre Beine ja eines Tages wieder nachwachsen werden."
Zaid Amali, Handicap International

Zaid Amali erzählt von einem Mädchen, das eine Prothese benötigte. "Nachdem Malak eine Prothese bekommen hatte, kam ihre Hoffnung zurück. Sie konnte wieder laufen, spielen, rennen." Gleichzeitig gebe es Menschen, denen das Team von Handicap International nicht helfen kann. "Wir haben nicht genug Material. Deswegen müssen wir auswählen, wem wir helfen. Das ist extrem schwer."

Auch insgesamt bleibt die medizinische Lage im Gazastreifen prekär, sagt Korrespondent Jan-Christoph Kitzler. Zwar funktionieren einige Gesundheitszentren wieder notdürftig. UN-Organisationen versorgen jede Woche Zehntausende Menschen. Doch gleichzeitig geraten Hilfswerke zunehmend unter Druck.

Israel wird nach aktuellem Stand zahlreichen Organisationen die Arbeitslizenz entziehen, darunter Ärzte ohne Grenzen, sagt Jan-Christoph Kitzler. Hintergrund sei, dass Israel von Hilfsorganisationen im Gazastreifen detaillierte Angaben zu ihren Mitarbeitenden verlangt habe, darunter Passkopien. Mehrere Organisationen lehnten das ab. Sie argumentieren: Das würde ihre Mitarbeitenden gefährden und verstoße darüber hinaus gegen das Völkerrecht. Die Folge könnte sein, dass 37 Organisationen ab März 2026 ihre Arbeit im Gazastreifen einstellen müssen.

"Israel wird Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen ab März wohl nicht mehr in den Gazastreifen lassen. Für Verletzte und Menschen mit Behinderungen dürfte sich die Lage dann weiter verschlechtern.“
Jan-Christoph Kitzler, ARD-Korrespondent für Israel und die palästinensischen Gebiete

Dramatisch bis lebensbedrohlich ist die Lage für Schwerverletzte und chronisch Kranke jetzt schon. Über 18.000 Menschen seien dringend auf Behandlungen im Ausland angewiesen, darunter rund 4.000 Kinder. Über den seit Montag (2. Februar 2026) zumindest eingeschränkt wieder geöffneten Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten konnten bislang etwas mehr als 135 Patient*innen ausreisen. Doch das ist nur ein Bruchteil derer, die Hilfe benötigen, fasst Jan-Christoph Kitzler die Situation zusammen.

Trumps glitzernde Bauprojekte sind also alles andere als in Reichweite. Was Gaza in absehbarer Zeit braucht, ist eine funktionierende Regierung, ein Gesundheits- und Bildungssystem, sagt unser Korrespondent. Und weiter: "So wie die Situation jetzt ist, haben die Menschen im Gazastreifen keine Perspektive."

Hoffnung im Kleinen

Handicap International bestätigt, dass es immer schwieriger wird zu helfen. Die Vorräte gehen zur Neige. Zaid Amali sagt offen, dass er Angst hat, bald niemandem mehr helfen zu können. "Seit März 2025 ist kein LKW von Handicap International nach Gaza reingelassen worden." Wenn das so bleibt, müssten sie künftig Prothesen aus Holzplanken bauen.

"Es ist wirklich inspirierend zu sehen, wie die Kolleg*innen in Gaza weiterarbeiten – trotz allem."
Zaid Amali, Handicap International

Und dennoch: Zaid Amali und sein Team wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Es sind diese Menschen, sagt Zaid, die ihm Kraft geben: die Helfer*innen vor Ort, die trotz allem weitermachen, und die Patient*innen, die mit fast nichts versuchen weiterzuleben.