KlimaanlageHidden Champion der Wirtschaftsgeschichte?
Gregor und Marcus glauben, ein heimliches Wirtschaftswunder-Gerät gefunden zu haben: die Klimaanlage. Ist kühle Luft womöglich ein uralter Business-Case und die Grundlage für den Erfolg ganzer Staaten?
Als das Wall Street Journal 1999 berühmte Politiker*innen, CEOs und Diplomaten fragt, was aus ihrer Sicht die wichtigste Erfindung des vergangenen Jahrtausends war, kamen Antworten wie der Buchdruck oder die Vereinten Nationen.
Lee Kuan Yew, der fast 30 Jahre Premierminister von Singapur war, schrieb etwas anderes: "Die schlichte Klimaanlage war es, die das Leben der Menschen in den tropischen Regionen verändert hat. Vor der Klimaanlage ließen die geistige Konzentration und mit ihr die Qualität der Arbeit nach, je heißer und schwüler der Tag wurde."
Klimaanlage auf die 1
Der Politiker Lee Kuan Yew bezeichnet die Klimaanlage als einen der entscheidenden Gründe für den wirtschaftlichen Aufstieg Singapurs. Grund genug, der These nachzugehen: Ist die Klimaanlage tatsächlich so etwas wie ein heimlicher Wirtschaftsmotor ganzer Regionen?
Entstehung eines riesigen Markts
Die moderne Klimaanlage entsteht 1902 aber gar nicht aus einem Komfortbedürfnis, sondern aus einem betriebswirtschaftlichen Ärgernis: Eine New Yorker Druckerei kämpft im Sommer mit so hoher Luftfeuchtigkeit, dass sich das bedruckte Papier verzieht.
Der 25-jährige Ingenieur Willis Carrier entwickelt daraufhin einen "Apparatus for Treating Air", der die Luft entfeuchtet und sie dabei auch kühlt – quasi als willkommenen Nebeneffekt. Aus dieser Erfindung wird ein Unternehmen, das bis heute zu den globalen Anführern der Klimatechnik zählt.
Der Siegeszug beginnt erst zaghaft in Kinos und Theatern, nach dem Zweiten Weltkrieg dann im großen Stil: 1953 werden bereits über eine Million Geräte pro Jahr in den USA verkauft.
Genau in dieser Phase erleben die Regionen im sogenannten "Sun Belt" einen Bevölkerungsboom. Damit sind Bundesstaaten wie Kalifornien, Arizona, Texas oder Florida gemeint, die bis dahin eher weniger besiedelt und im Vergleich zum Nordosten der USA eher arm waren.
Klimaanlagen als Ursache für wirtschaftlichen Erfolg
Ob die Klimaanlage dafür wirklich der entscheidende Faktor war oder eher günstiges Bauland, darüber ist sich die Forschung uneinig.
Eine Studie der Harvard-Ökonomen Edward Glaeser und Kristina Tobio kommt 2007 allerdings zu dem Schluss, dass eher billiges Bauland für den Boom im Südwesten der USA verantwortlich war.
Unbestritten ist allerdings, dass Klimaanlagen die USA und sogar die Welt der Architektur nachhaltig verändert haben. Erst die Klimaanlage macht ab den 1950er-Jahren die heute typischen, rundum verglasten Hochhäuser überhaupt möglich.
Singapur: Klimaanlage als Staatsräson
In Singapur wird die Klimaanlage währenddessen von einer privaten Annehmlichkeit zum Teil der staatlichen Wirtschaftspolitik. Das Land entwickelte sich seit den 1960er-Jahren von einer ärmlichen, schwül-heißen Hafenstadt zu einer der wichtigsten Handelsmetropolen der Welt.
Ein Aufstieg, der aus Sicht von Lee Kuan Yew ohne Klimaanlage kaum denkbar gewesen wäre: "Das Erste, was ich nach meinem Amtsantritt als Ministerpräsident gemacht habe, war, in den Gebäuden, in denen die Beamten arbeiten, Klimaanlagen installieren zu lassen. Das war entscheidend für die Effizienz der öffentlichen Verwaltung."
Studien zeigen, dass die Arbeitsproduktivität bei Raumtemperaturen über 26 Grad tatsächlich spürbar sinkt und dass Hitze auch indirekt über schlechteren Schlaf die Leistungsfähigkeit drückt. In Singapur, wo die Temperatur an praktisch jedem Tag des Jahres über 30 Grad klettert, ist das kein Randphänomen.
Wissenschaftlich sauber beweisen lässt sich Lee Kuan Yews steile These trotzdem nicht – zu viele andere Faktoren wie Wirtschaftspolitik oder geopolitische Lage spielen beim Aufstieg des Stadtstaats eine entscheidende Rolle.
Die Zukunft der Klimaanlage
Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass der Markt für Klimaanlagen angesichts global steigender Temperaturen noch deutlich wachsen wird. Während in den USA und Japan etwa bereits 90 Prozent aller Haushalte eine Klimaanlage haben, sind viele Regionen in Europa und Afrika noch unterversorgt. Bis 2050 könnten fünf Milliarden Klimageräte im Einsatz sein, schätzt die IEA.
Hörtipp: Facts & Feelings
Wie verlieren wir die Angst vorm Investieren?
Lea überfordert das Thema Finanzen: Eine regelrechte mentale Blockade hindert sie daran, sich mit Geldanlage zu beschäftigen. Warum das besonders Frauen schwerfällt – und wie wir unsere finanzielle Zukunftsplanung am besten angehen. Die Folge findet ihr in der Deutschlandfunk App.