Waffen statt AutosWas mit dem VW-Werk in Osnabrück passieren soll
Im VW-Werk in Osnabrück soll künftig erstmal der israelische Rüstungskonzern Rafael produzieren. Wie fühlt sich die Belegschaft dabei, keine Autos mehr zu bauen? Und könnte das auch ein Modell für andere Autofabriken sein?
Zwei Jahre lang hatte die Belegschaft des Osnabrücker VW-Werks gezittert. Es war klar: Die deutsche Autoindustrie steckt in der Krise, der Volkswagen-Konzern strauchelt, ihr Standort ist gefährdet. Diesen Dienstag nun bekamen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Nachricht: Es geht weiter! Allerdings: Aus der Autofabrik könnte eine Rüstungsfabrik werden.
VW, Europas größter Autobauer, hat ein riesiges Sparprogramm auf den Weg gebracht. Denn der Gewinn des Konzerns hat sich allein letztes Jahr halbiert, bei der Tochter Porsche brach er sogar um 90 Prozent ein. Anfang des Monats, September 2026, beschloss der Aufsichtsrat: Bis 2030 sollen weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Für Deutschland bedeutet das: Vier große Werke stehen auf der Kippe.
VW Osnabrück: Rüstungsjobs sollen Standort-Zukunft sichern
Eines dieser Werke ist der Standort Osnabrück. Und das soll jetzt an den israelischen Finanzinvestor Aurelius und das Land Niedersachsen verkauft werden. Genutzt werden soll der Standort dann erstmal vom israelischen staatliche Rüstungsunternehmen Rafael.
Der Konzern baut zum Beispiel das Luftabwehrsystem Iron Dome. Er steht aber auch in der Kritik, weil er auch Drohnen baut – Drohnen, die zum Beispiel im Gazastreifen eingesetzt wurden. Die Reaktion der Belegschaft in Osnabrück? Verhalten.
"Volkswagen will uns nicht mehr haben und wir haben jetzt nur noch einen Strohhalm: Entweder wir entwickeln uns jetzt in den Defense-Bereich oder wir schließen diesen Laden hier ab und 1.800 Menschen verlieren ihren Job."
Noch ist das nicht in trockenen Tüchern. Am Montag wurde zunächst mal eine Absichtserklärung unterzeichnet. Dass das umgesetzt wird, ist aber sehr wahrscheinlich, sagt Frank Schwope, Lehrbeauftragter für Automotive Management an der Fachhochschule des Mittelstands und tiefer Kenner der deutschen Autoindustrie. Und das würde für viele bedeuten, dass sie weiter einen Job haben – wenn auch in einer anderen Branche.
"Das heißt für 1.400 von noch 1.800 Mitarbeitern in Osnabrück, dass sie wahrscheinlich ein Anschlussjob in dem Werk haben – zumindest für zwei Jahre, möglicherweise aber für deutlich länger."
Dass ein Investor einsteigt, ist in so einem Fall nicht unüblich, erklärt der Autoexperte. Dass dafür ein Konstrukt mit der Beteiligung des Landes Niedersachsen gewählt wurde, könnte daran liegen, dass im VW-Aufsichtsrat auch das Emirat Katar sitzt, dass Probleme mit dem Staat Israel hat. Niedersachsen jedenfalls will investieren – wie viel, ist noch nicht klar, vermutlich werden es so um die 200 Millionen Euro sein, heißt es.
Ein lohnender Deal für Volkswagen
Für VW wäre der Deal lukrativ. "Man hat da ja noch 1.800 Mitarbeiter, denen man noch Gehalt zahlen muss – und bei VW wird üblicherweise niemand rausgeschmissen", erklärt Frank Schwope. Das Werk selbst weiterlaufen zu lassen, käme dem Konzern teuer.
"Für die Belegschaften in Osnabrück ist es das mögliche Ende einer Hängepartie, die schon über zwei Jahre dauert."
Im Grunde sind das auch gute Nachrichten für die Belegschaft. Seit zwei Jahren ist unklar, wie es mit ihrem Standort weitergeht. "Eigentlich wollte man uns schon Ende 2024 schließen. Das konnten wir mit allen Betriebsräten und mit einer großen Solidarität verhindern", erzählt Stefan Soldanski, Gewerkschaftschef der Osnabrücker IG Metall.
Die Hoffnung der Mitarbeitenden war, entweder weiter Autos zu bauen – vielleicht chinesische, da VW ja mit China kooperiert – oder zumindest etwas anderes innerhalb des VW-Konzerns machen zu können. Nun kommt es aber offenbar zur dritten und am wenigsten beliebten Lösung: raus aus dem Konzern.
"Es ist 'Friss oder stirb'. Weil die Alternative ist Arbeitslosigkeit."
In Osnabrück geht es damit nach 2027 zwar weiter, aber eben in der Rüstungsindustrie. Das wird nicht nur das Endprodukt verändern, glaubt der Gewerkschafter, sondern auch das Werk und die Jobs – und zwar grundsätzlich verändern. Und das mache auch was mit der Belegschaft. Und noch gebe es auch viele offene Fragen.
Vom Auto zu Rüstung? Auch ein ethische Frage
Zum Beispiel: Was wird denn tatsächlich gebaut? Im Moment sei von reinen Abwehrprodukten nur für den deutschen und für den europäischen Markt die Rede. Die Belegschaft besteht auch darauf, dass das das Maximum an Rüstungsprodukt ist, das bei ihnen mal die Bänder verlässt. Sollte es anders kommen, würden sie sich weigern. Jedenfalls aus heutiger Sicht, so Stefan Soldanski.
Unklar ist noch, was mit Mitarbeitenden passieren soll, die sich der Rüstungsindustrie ganz verweigern, die nicht mit sich vereinbaren können ,dort zu arbeiten, auch nicht im Defense-Bereich.
"Wir haben kein Programm in petto, das bedeutet: Interessenausgleich und Sozialplan. Aber Fakt ist: Es werden alle Mitarbeiter ein Übernahmeangebot bekommen."
Offen ist auch, was nach 2029 passieren soll – denn bis dahin ginge nur die Beschäftigungsgarantie, die im Gespräch ist. "Aber was ist die Alternative?", fragt der Gewerkschaftschef, "Die Alternative ist, dass das T-Roc-Cabrio im nächsten Sommer ausläuft und alle Kolleginnen und Kollegen danach arbeitslos sind." Also keine Alternative.
Man gehe aber davon aus, dass am Standort Osnabrück 2029 keine Gefahr für Jobabbau besteht, weil eher noch mehr Beschäftigte aufgebaut werden sollen. Insgesamt seien die Mitarbeitenden erleichtert.
"Es bleiben noch viele Fragezeichen bei der Belegschaft in Osnabrück – aber es gibt offenbar eine Zukunft für sie."
Nun ist Osnabrück nicht der einzige VW-Standort, der auf der Kippe steht – da sind noch die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Könnte das, was in Osnabrück möglicherweise passiert, eine Blaupause für sie sein?
Experte: Osnabrück ist kein Modell für andere VW-Werke
Automobilexperte Frank Schwope meint: eher nicht. Zwar könnte das theoretisch Modellcharakter haben, praktisch seien aber die Voraussetzungen ganz andere: Osnabrück war vorher ein Karmann-Werk und wurde erst um 2010 in den VW-Konzern integriert. Mit aktuell noch 1.800 Mitarbeitenden ist es ein recht kleines Werk. "Da lässt sich relativ schnell oder einfach eine Nachnutzung finden, auch für das Personal."
"Die Belegschaft ist das geringste Problem, das kann man relativ schnell umschulen. Aber niemand braucht so große Werke mit so viel Personal."
Andere Standorte hätten 8.000 oder 12.000 Beschäftigte. Und "das Größte, das in der Diskussion ist, ist das Werk in Neckarsulm mit mehr als 15.000 Mitarbeitern. Da wird sich nicht schnell jemand finden, der das übernehmen möchte." Wenn überhaupt, wäre es denkbar, dass sich für so große Werke möglicherweise ein chinesischer Automobilhersteller findet, der Interesse hat, dort zu produzieren.
Kurz: Osnabrück ist zwar das erste Werk, für das nun wohl eine Nachnutzung gefunden wurde, aber das macht es nicht zum Zukunftsmodell für andere VW-Standorte oder gar die Automobilindustrie insgesamt. Dies zumal nicht jedes Werk mit der Unterstützung durch das Standort-Bundesland rechnen kann. "Das kann ja auch nicht das Ziel sein", so Frank Schwope, "sondern man muss schon sehen, dass es einigermaßen privatwirtschaftlich funktioniert".
Zukunft der anderen VW-Werke noch offen
Für die vier VW-Werke, die noch in der Diskussion sind – also Zwickau, Hannover, Neckarsulm und Emden – ist noch nichts entschieden, wenn auch einige Optionen im Gespräch sind. Der Automobilexperte geht stark davon aus, dass maximal eins dieser Werke geschlossen wird.
"Man kann sich vorstellen, wenn man 125 Jahre Automobilgeschichte hat, dass es den Menschen und auch uns nicht einfach fällt, diese DNA jetzt sozusagen zu beerdigen."
Und Osnabrück? Natürlich hätte die Belegschaft lieber Autos weitergebaut. Oder so etwas wie Straßenbahnen – und dabei die Mobilitätswende noch mit voran getrieben. "Aber das ist leider nicht mehr so möglich und deswegen muss man sich auf den Weg machen", sagt der dortige IG-Metall-Chef Stefan Soldanski. Osnabrück wird also in den sauren Apfel beißen.
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