Zu empathischWie können wir mitfühlen, ohne mitzuleiden?
Empathie und Mitgefühl sind wichtig in Freundschaften und Beziehungen. Doch es kann auch zu viel werden und belasten. Nina kennt das. Eine Systemische Therapeutin gibt Tipps, um sich besser abzugrenzen.
Geht es allen Leuten hier gerade gut? Wie ist die Stimmung? Welche Emotionen schwingen im Raum? Ist alles harmonisch? Das sind Fragen, die sich Nina früher permanent gestellt hat. "Ich habe mich immer extrem verantwortlich gefühlt für das Wohlbefinden anderer Menschen", erzählt sie.
Das hörte nicht einmal auf, wenn Nina wieder zu Hause war. Sie nahm Emotionen oder bestimmte Momente mit. An eine bestimmte Situation erinnert sie sich gut: Sie war mit Friends in einer Bar. Eine gute Freundin hat sich mit einem Freund über ein Thema gestritten.
"Ich habe Dinge in meine Verantwortung gebracht, die überhaupt nicht meine Verantwortung sind."
Obwohl sie daran nicht beteiligt war, wollte sie schlichten. "Vor allem die extreme Emotion meiner Freundin habe ich aufgesaugt. Mich hat es total gestresst, dass sie so sauer war."
Noch mitten in der Nacht ist Nina zu der Freundin gefahren und hat sie gefragt, ob sie etwas hätte anders machen sollen. "Es kommt bei mir ganz oft vor, dass ich mich dafür verantwortlich fühle, dass die Harmonie bleibt, und ins People Pleasing gehe", sagt Nina.
Empathie ist für Nina eine der schönsten Eigenschaften, die jemand haben kann. Doch bei ihr war es zu viel: "Ich habe Dinge in meine Verantwortung gebracht, die überhaupt nicht meine Verantwortung sind.“ Das kostete sie sehr viel Energie. "Das war wirklich enorm, weil ich meine eigenen Grenzen kaum bis gar nicht wahrgenommen habe."
Stress anderer stresst uns selbst
Menschen können den Stress anderer wahrnehmen, das lässt sich auch wissenschaftlich beweisen. Wenn wir mitbekommen, dass jemand gestresst ist, wird unser gesamtes Stresssystem aktiviert, erklärt Neurowissenschaftlerin und Psychologin Veronika Engert, die das Institut für Psychosoziale Medizin an der Uniklinik Jena leitet.
Ganz konkret: Die hormonelle Stressachse wird angestoßen, die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz auch HPA- oder HHN-Achse genannt. Dabei werden die Stresstransmitter Noradrenalin und Adrenalin sowie das Stresshormon Cortisol freigesetzt, erklärt Veronika Engert: "Unser Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt."
Mitgefühl oder Empathie?
Das lässt sich auch in Experimenten beweisen: Wird eine Person gestresst, und eine andere Person beobachtet das durch eine Glasscheibe, dann lassen sich bei den Beobachtenden Verhaltensänderungen feststellen: Sie bewegen sich anders, sie werden rot im Gesicht und stottern, erklärt die Psychologie-Professorin.
Wer Stress beobachtet, wird selbst gestresst – ist also in dem Moment empathisch. Doch was ist der Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl? Empathie heißt, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen und mitzufühlen. Beim Mitgefühl passiert das auch – ergänzt um den Wunsch, dass es der Person besser geht.
Wer viel Mitgefühl zeigt, lebt gesünder
Das ist mehr als nur ein sprachlicher Unterschied, erklärt Veronika Engert. "Wir sehen das auch in der neuronalen Aktivität. Wenn wir Leute in den Scanner legen, dann sehen wir: Empathie mit dem Schmerz eines anderen ist Schmerzaktivierung. Aber Mitgefühl damit ist eine Belohnungsaktivierung."
Langzeitbeobachtungen zeigen: Wer viel Mitgefühl zeigt, tendiert dazu, gesünder zu sein. Sehr empathische Menschen neigen eher zum Burn-out oder zu Depressionen, erklärt Veronika Engert.
"Das Sprechen mit anderen, aber auch ehrlich zu sich selbst zu sein, sind für mich das A und O."
Lässt sich Empathie zum Mitgefühl wandeln? Nina hat das geschafft – mit Hilfe einer Therapie. "Ein Wendepunkt für mich war zu akzeptieren, dass ich nicht für das emotionale Innenleben von anderen verantwortlich bin", sagt sie. Nina sieht die Gefühle von anderen, aber sie macht sie nicht mehr zu ihren Gefühlen.
Sie hört jetzt auf sich selbst und fragt sich, ob sie sich eine bestimmte Situation zumutet. Und das kommuniziert sie auch: Nina sagt etwa, wenn ein Thema zu groß für sie ist. "Das Sprechen mit anderen, aber auch ehrlich zu sich selbst zu sein, sind für mich das A und O."
Sich abzugrenzen lässt sich lernen und üben
Wie genau lässt sich das lernen? Die Systemische Therapeutin Katharina Eder sagt: Zuerst einmal müssen wir merken, ab wann unsere Empathie so kippt, dass sie uns beeinträchtigt. Da müsse man sich gut beobachten. Dann sei es wichtig, das anzusprechen. "Das macht gerade total viel mit mir, können wir das Thema wechseln?" – das wäre ein Satz für so eine Situation.
Wer sehr empathisch ist, will oft die Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen und Lösungen für deren Probleme finden. Katharina Eder findet, dann sollte man zurücktreten – und auch das klar kommunizieren: "Ich bin für dich da, wenn du einen Wunsch hast. Wenn ich das leisten kann. Aber mehr nicht. Ich denke nicht für dich mit."
Übernommene Gefühle zurückgeben
Sich so zu verhalten, kann ein Schutzschild sein, um nicht zu sehr mitzuleiden. Wenn uns eine Situation aber doch sehr trifft und wir noch lange darüber nachdenken, können wir erst einmal wieder auf uns achten – zum Beispiel, indem wir Spazierengehen, uns bewegen, an die frische Luft gehen, rät die Systemische Therapeutin und Heilpraktikerin.
In einem zweiten Schritt kann man sich die Situation noch einmal vorstellen. "Und diese Gefühle, die man übernommen hat, kann man der Person zurückgeben", empfiehlt sie. Langfristig könne man sich fragen, woher es kommt, dass wir Gefühle anderer übernehmen, und welchen Preis wir selbst dafür zahlen.
Gründe liegen oft in der Kindheit
Woher kommt es überhaupt, dass wir zu empathisch sind? "Das kann oft in der Kindheit verwurzelt sein", sagt die Systemische Therapeutin Katharina Eder. Wer etwa emotional unberechenbare Eltern hatte, könnte es sich antrainiert haben, besonders auf die Stimmung anderer Menschen zu achten, um sich selbst sicher zu fühlen.
Oder wenn ein Elternteil die Rolle nicht ausgefüllt hat, sondern das Kind in die Elternrolle gerutscht ist, "kann es sein, dass wir das fühlen, um uns um sie kümmern zu können."
Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, das zu merken und daran zu arbeiten. Denn Empathie und Mitgefühl hängen zwar zusammen, unterscheiden sich aber – auch in dem, was sie mit uns selbst machen. Der konstruktive Ansatz des Mitgefühls ist gesünder für uns. Auch wenn es nicht leicht ist, das immer in den richtigen Situationen einzusetzen.