882Die Entstehung der Kiewer Rus

Um das Jahr 882 wird Kiew zum Zentrum eines Reichs, das Historiker heute als Kiewer Rus bezeichnen. Das ist kein Staat oder eine Union im heutigen Sinn, sondern ein mittelalterliches Herrschaftsgebilde.

Der österreichische Podcaster und Historiker Ralf Grabuschnig beschreibt, wer an der Entstehung der Kiewer Rus beteiligt war und wie sie sich anfangs ethnisch zusammengesetzt hat.

"Vor Ort waren vor allem verschiedene ostslawische Stammesverbände, aber auch finno-ugrische Gruppen, die Vorläufersprachen des Finnischen, Estnischen gesprochen haben."
Ralf Grabuschnig, Historiker und Host des Podcasts "Déjà-vu Geschichte"

Die Bevölkerung des mittelalterlichen Großreiches bestand vor allem aus ostslawischen Bevölkerungsgruppen. Der Name "Rus" leitet sich vom Volk der Rus ab, das wahrscheinlich eine normannische Abstammung hatte – bis heute ist das im Namen Russland erhalten geblieben.

Ostslawen, finno-ugrische Gruppen, Waräger

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Reiches spielten außerdem skandinavische Waräger, die als Händler und Krieger in die Region kamen. Der Mittelalter-Archäologe und Skandinavist Matthias Toplak ist Direktor des Wikinger-Museums Haithabu. "Im eigentlichen Wortsinn heißt Wikinger 'Pirat' oder 'Seeräuber'", erklärt er. Und er erläutert, welchen Anteil die Waräger an der Gründung der Kiewer Rus hatten.

"Natürlich waren die meisten Menschen der skandinavischen Wikingerzeit keine Seeräuber, sondern Bauern, Handwerker, Händler, Fischer. Nur ein Bruchteil der Männer ist auf Raubzug gegangen."
Matthias Toplak, Mittelalterarchäologe und Skandinavist

Die Wikinger als Barbaren, die brandschatzend durch die Weltmeere fahren? Das ist nur die halbe Wahrheit, denn auch Handel, Siedlungsbau und kultureller Austausch waren ein Bestandteil ihres Lebens. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Matthis Jungblut blickt durch die Brille der modernen Popkultur auf die Wikinger und die Gründung der Kiewer Rus.

Kiew als wichtiges Handels- und Machtzentrum

Das Herrschaftsgebiet erstreckte sich zeitweise über große Teile des heutigen Belarus, der Ukraine und des europäischen Russlands. Im Norden reichte es bis in den Ostseeraum, im Süden bis zum Schwarzen Meer, im Westen und Nordwesten grenzte es an verschiedene slawische, baltische und finno-ugrische Gebiete. Die Grenzen veränderten sich allerdings immer wieder.

Das Kerngebiet der Kiewer Rus erstreckte sich entlang des Flusses Dnepr. Nowgorod war ein wichtiges kulturelles Zentrum im Norden, Kiew im Süden das wichtigste politische und wirtschaftliche Zentrum des Reiches.

"Kiew lag ziemlich genau in der Mitte der Handelswege zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer – ökonomisch gesehen also wirklich extrem günstig."
Dr. Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte

Kiew lag an einer wichtigen Stelle des Handelswegs "von den Warägern zu den Griechen" – über Flüsse und Seen verband dieser den Ostseeraum mit dem Schwarzen Meer. Von dort konnten Händler weiter durch den Bosporus und das Marmarameer ins Mittelmeer und nach Konstantinopel gelangen. Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld beschreibt das geografische Ausmaß der Kiewer Rus und die günstige Lage Kiews an diesem strategisch bedeutenden Handelsweg.

Die Ukraine in der Gedankenwelt Putins

In der russischen Geschichtspolitik und Propaganda spielt die Kiewer Rus bis heute eine wichtige Rolle. Besonders die Vorstellung, Russen, Ukrainer und Belarussen bildeten ursprünglich ein gemeinsames Volk, das später künstlich getrennt worden sei, wird zur Begründung enger politischer und historischer Zusammengehörigkeit verwendet. Auch Wladimir Putin hat diese Vorstellung wiederholt vertreten und daraus Ansprüche auf eine besondere Verbindung zwischen Russland und der Ukraine abgeleitet.

Gesine Dornblüth, die langjährige Russland-Korrespondentin des Deutschlandfunks, versucht, diese Gedankenwelt Putins in Bezug auf die Kiewer Rus und die Herkunftsgeschichte Russlands und der Ukraine zu erklären: "Putin sieht die Kiewer Rus als den Vorgänger eines starken, zentralisierten russischen Staates. Ganz wichtig ist aus seiner Sicht auch, dass das ein orthodoxer Staat ist – also Russland als Bewahrer des Christentums."

"Die Rus und auch Fürst Wladimir werden von Putin missbraucht, um den Anspruch auf fremdes Staatsgebiet zu begründen."
Gesine Dornblüth, ehemalige Russland-Korrespondentin des Deutschlandfunks

Fürst Wladimir beziehungsweise Wolodymyr der Große gilt als der wichtigste Fürst der Kiewer Rus und etablierte dort das Christentum.

Mongolensturm: Die Rus zersplittert

Dass – sehr viel später – Moskau zum Zentrum des Reichs der Rus wurde, hatte übrigens mit dem sogenannten Mongolensturm im Jahr 1237 zu tun. Die Kiewer Rus wurde dabei unterworfen und war in der Folge lange Zeit abhängig von den Mongolen.

Bis etwa 1400 war die Rus tributpflichtig an mongolische Herrscher. Die Folge: Das historische Gebilde zersplitterte und russische Fürstentümer spalteten sich ab. Ab ca. 1350 wurde dann Moskau zum Zentrum eines großen russischen Fürstentums. Durch Eroberung und Heiratspolitik wurde diese Macht dann immer weiter ausgebaut.

Info: Unser Bild oben zeigt ein Denkmal des Fürsten Wolodymyr I., der über den Fluss Dnipro in Richtung Kiew blickt. Der Fürst, genannt Wolodymyr der Große oder Wolodymyr der Heilige, gilt als der bedeutendste Fürst der Kiewer Rus und sorgte unter anderem für deren Christianisierung.