Die Philosophie ignoriert Menschen mit "Behinderung" oder wertet sie ab, sagt Regina Schidel. Die Philosophin analysiert in ihrem Vortrag diese Diskriminierung in unserer Denktradition und zeigt Wege zu einer nicht-ableistischen Gesellschaft auf.
Schon bei Aristoteles geht es los: Menschen mit "Behinderung" gelten nicht als vollwertig. Normales Menschsein wird unnormalem entgegengesetzt, erklärt Regina Schidel, Philosophin an der Goethe-Universität Frankfurt.
"Solche abwertenden Denkfiguren gegenüber Menschen mit "Behinderungen" finden wir schon, wenn wir in die Antike zurückgehen. Diese Trennungslogik ist in der ganzen Philosophiegeschichte wirksam."
Diese diskriminierende Denkweise zieht sich durch die gesamte Philosophiegeschichte und ist auch heute noch präsent, erklärt sie und stellt am Beispiel von Menschen mit kognitiven Einschränkungen, aka geistiger "Behinderung", konkrete Beispiele vor – von der Antike bis zur Gegenwart.
Ableismus: Wurzeln in unserer philosophischen Tradition
Die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit "Behinderungen", nach dem englischen Wort "able" für "fähig" auch Ableismus genannt, unterläuft das Gleichheitsversprechen liberaler Demokratien, mahnt Regina Schidel.
"Ableismus ist mehr als absichtliche Behindertenfeindlichkeit."
Und sie macht deutlich, dass zu Ableismus nicht allein absichtliche Behindertenfeindlichkeit zählt, sondern auch etwa Lob oder Bewunderung als positive Diskriminierung wirken können – wenn auch unbewusst und ungewollt.
In ihrem Vortrag untersucht Regina Schidel die Ursprünge ableistischen Denkens in unserer philosophischen Tradition und stellt mit Rückgriff auf kritische und feministische Theoriebildung Möglichkeiten vor, eine diskriminierungsfreie Gesellschaft zu schaffen.
Dr. Regina Schidel ist Akademische Rätin a. Z. an der Professur für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ableistische Diskriminierung ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Im Dezember 2025 ist ihr Buch "'Behinderung' und Gesellschaft. Ableismus in philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive“ erschienen.
Ihren Vortrag "Ich kann, also bin ich? Eine Kritik ableistischer Diskriminierung in unserer Gesellschaft“ hat sie am 3. November 2025 im Rahmen der Goethe Lectures Offenbach im Klingspor Museum gehalten. Veranstalter der Reihe sind das Forschungszentrum Normative Ordnungen der Goethe-Universität, die Wirtschaftsförderung der Stadt Offenbach und das Klingspor Museum Offenbach.
Hinweis: Die Vortragende setzt das Wort "Behinderung" selbst in Klammern, deshalb haben wir ihre von dem Begriff distanzierende Schreibweise hier übernommen.
Hörtipp: Deutschlandfunk-Podcast „Deep Science“
Dieses Thema belastet dich? Hier findest du eine Übersicht über Hilfsangebote
- Regina Schidel (2025): „Behinderung“ und Gesellschaft. Ableismus in philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive. Berlin, Suhrkamp.
- Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Frankfurt/M. 1973.
- Dan Goodley, Dis/ability Studies. Theorising disablism and ableism, London, New York 2014.
- Dagmar Herzog, Eugenische Phantasmen. Eine Deutsche Geschichte, Berlin 2024.
- Wolfgang Jantzen, Das Ganze muß verändert werden. Zum Verhältnis von Behinderung, Ethik und Gewalt, Berlin 1993.
- Anne Waldschmidt, Disability Studies zur Einführung, Hamburg 2020
- Vortragsbeginn
- Beispiele für Ableismus
- Überblick über den Vortrag
- Was ist Ableismus und warum brauchen wir diesen Begriff?
- Die denkerischen Quellen für Ableismus
- Ressourcen für ein nicht-ableistisches Denken
- Ausblick: Wege zu einer nicht-ableistischen Gesellschaft
- Hörtipp: Deep Science - Die Psychonauten
