Der mutmaßliche CSD-Attentäter nahm an einem Deradikalisierungsprogramm teil. Warum hat das nicht ausgereicht? Wir erklären, wie Radikalisierung entsteht, wie Prävention funktioniert – und warum sie trotz Rückschlägen unverzichtbar ist.
Nach dem Terroranschlag am Wochenende (26.07) beim CSD in Berlin, bei dem eine Frau getötet und viele weitere verletzt worden sind, wird weiter darüber diskutiert, was aus der Tat folgen soll. Im Zuge der Ermittlungen ist auf dem Handy des getöteten mutmaßlichen Attentäters inzwischen ein Video mit einem Bekenntnis zum Islamischen Staat gefunden worden.
Die Union will die Sicherheitsmaßnahmen verschärfen. Dazu gehören mehr elektronische Fußfesseln, eine Präventivhaft für Gefährder und strengere Regeln im Strafrecht. Das ist die politische, die strafrechtliche Dimension. Eine andere ist die der Prävention, und der Deradikalisierung.
Deradikalisierung beginnt mit Zuhören
Franziska Frosch ist Fallberaterin beim Grüner Vogel e.V., einem vom Bund geförderten Verein für Deradikalisierungsarbeit im Bereich Dschihadismus und Salafismus. Sie betreut bereits radikalisierte Menschen, darunter Syrien-Rückkehrer. Klienten wenden sich selbst an den Verein, werden von Angehörigen vermittelt oder durch Gerichte zugewiesen.
"In dem Zustand, in dem sie auf uns treffen, sind sie oft auch ein bisschen einsam", so Franziska. Anfangs gehe es vor allem darum, zu verstehen, was geschehen ist und anschließend eine gute Arbeitsbeziehung aufzubauen. Vertrauen sei die Grundlage, um über sensible Themen zu sprechen und jeder Veränderung.
"Das sind oft Menschen, die in dem Zustand, in dem sie auf uns treffen, ein bisschen einsam sind."
Im Beziehungsaufbau gehe es zunächst nicht um Konfrontation, sondern darum, Betroffene kennenzulernen. "Wir reden mit Menschen", sagt Franziska. Gespräche über Herkunft, Familie, Hobbys und das soziale Umfeld seien wichtig, um jemanden zu verstehen. Erst wenn Vertrauen entstanden sei, werde problematischen Überzeugungen kritisch begegnet.
Erst das Leben, dann die Ideologie
Bei der Deradikalisierung stünden theologische Fragen anfangs meist nicht im Vordergrund. Wichtiger seien die Biografie und die aktuelle Lebenssituation. Erst später komme häufig der Wunsch nach einem theologischen Austausch. Dafür ziehe sie bei Bedarf Kollegen, Psychologen oder einen Imam hinzu.
"Theologische Themen beim islamistischem Extremismus sind oft sekundär. Das erste ist wirklich die Beziehung, das Leben, die biografischen Vulnerabilitäten."
Steht die Arbeitsbeziehung, beginne die eigentliche Distanzierungsarbeit. Gemeinsam würden extremistische Überzeugungen kritisch hinterfragt und frühere Handlungen reflektiert. Ziel sei es, sich Schritt für Schritt nicht nur von der Ideologie, sondern auch vom extremistischen Umfeld und ehemaligen Weggefährten zu lösen und den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden.
Radikalisierung – Auf der Suche nach Zugehörigkeit
Jakob Guhl arbeitet am Institute for Strategic Dialogue und beschäftigt sich seit vielen Jahren vor allen Dingen mit islamistischen Extremisten, aber auch mit Rechtsextremismus. Er beobachtet, dass sich zwar Menschen jeden Alters radikalisieren können, häufig seien es aber junge Menschen – zunehmend auch Minderjährige. Einen einheitlichen Weg in den Extremismus gebe es dabei nicht.
"Sie fühlen sich nicht zugehörig, haben Ausgrenzungserfahrungen, möglicherweise einen persönlichen Schicksalsschlag erlebt."
Oft beginne der Prozess mit einer persönlichen Krise. "Sie fühlen sich nicht zugehörig, haben Ausgrenzungserfahrungen gemacht, haben möglicherweise einen persönlichen Schicksalsschlag erlebt", so der Extremismusforscher. In solchen Phasen seien Menschen besonders offen für einfache Erklärungen – und könnten so auch mit extremistischen Ideologien in Kontakt kommen.
Wie Influencer Vertrauen aufbauen
Das könne im persönlichen Umfeld passieren – etwa in Schule, Uni, Sportverein oder über Bekannte. Aber auch soziale Medien wie TikTok und Instagram spielen eine Rolle, wo entsprechende Inhalte in verschiedenen Communities verbreitet werden.
"Auf Tiktok, auf Instagram fängt es nicht direkt an mit IS-Inhalten an, sondern mit Dingen, wo es gar nicht so sehr um Politik geht."
Der Einstieg erfolge dabei meist nicht mit offensichtlicher IS-Propaganda, sondern über scheinbar alltägliche Fragen. Etwa: Darf ich in einem Supermarkt arbeiten, wo Alkohol verkauft wird? Oder: Was soll ich beim Sport tragen? Klare Antworten darauf könnten Vertrauen schaffen – und später den Weg zu politischen und extremistischen Inhalten öffnen.
Die Erzählung vom gemeinsamen Feind
Der Weg in den Extremismus verläuft laut Jakob Guhl unterschiedlich: Manche Menschen radikalisieren sich über Jahre, andere innerhalb kurzer Zeit. Gerade im digitalen Raum könne sich dieser Prozess deutlich beschleunigen.
In Online-Communitys, auf Discord oder über extremistische Influencer würden Menschen immer tiefer in entsprechende Inhalte hineingezogen. Teils extreme Bilder, Videos und Berichte über Konflikte, etwa in Palästina, Xinjiang oder Myanmar, könnten diesen Prozess zusätzlich verstärken.
"Radikalisierung kann extrem schnell gehen, es kann aber auch wirklich sehr lange dauern."
Islamistische Rekrutierer zeichneten das Bild einer weltweiten Verschwörung gegen den „wahren Glauben“. Persönliche Erfahrungen wie beispielsweise eine Diskriminierung als Muslim in Berlin würden mit globalen Konflikten verknüpft: Betroffenen werde vermittelt, ihr eigenes Schicksal sei Teil eines weltweiten Kampfes gegen Muslime – ein Narrativ, das Radikalisierung weiter vorantreibe.
Deradikalisierung kann Jahre dauern
Deradikalisierung braucht Zeit – manchmal Jahre. Franziska sagt, es geht nicht nur um Gespräche, sondern auch darum, Entwicklungen über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Entscheidend sei etwa, wie sich jemand im Alltag, im Beruf und im privaten Umfeld verhält und ob sich problematische Aussagen langfristig verändern.
Ob sich jemand wirklich von einer extremistischen Ideologie gelöst hat, lasse sich nicht nach wenigen Gesprächen beurteilen. Der Vorteil ihrer Arbeit sei die Zeit: Neben den Gesprächen würden auch Angehörige oder andere Bezugspersonen einbezogen. So entstehe ein umfassenderes Bild als allein durch das, was die Betroffenen selbst erzählen.
"Es ist ein Prozess , an dem muss der Betroffene aktiv teilnehmen . Wenn der nicht bereit dazu ist , dann ist das eine Maßnahme , die da gerade nicht greift."
Grundsätzlich hält Franziska keinen Menschen für unerreichbar. Manchmal ist jemand lediglich noch nicht zu erreichen, weil die Bereitschaft zur Veränderung fehlt, sagt sie. Zeige sich stattdessen eine tiefe ideologische Verfestigung oder sogar Gewaltbereitschaft, müssten Beratungsstellen eng mit anderen Fachkräften und den Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten. Notfalls werde die Polizei eigeschaltet.
Junge Menschen früher erreichen
Franziska beobachtet, dass viele radikalisierte Menschen bereits desillusioniert sind. Eine extremistische Ideologie mache nicht glücklich, sondern sei geprägt von Feindbildern und einem ständigen Gefühl der Bedrohung. Besonders Rückkehrer aus Syrien hätten erlebt, dass die Realität von Krieg und Gewalt nichts mit den Versprechen der Ideologie gemein habe.
"Was wir gerade mehr sehen, diese schnell hochradikalisierten, sehr jungen Jugendlichen, das bedarf einer anderen Ansprache."
Bei sehr jungen Menschen verlaufe Radikalisierung heute oft deutlich schneller. Deshalb brauche es aus ihrer Sicht eine frühe Ansprache. Neben der Arbeit mit Menschen, die sich selbst melden oder zugewiesen werden, setzt der Verein inzwischen auch auf Projekte, die bereits gewalttätig aufgefallene Jugendliche aktiv ansprechen.
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