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Bei kleinen Streits sofort Schluss machen – Tatjana kennt diesen Impuls nur zu gut. Im Nachhinein bereut sie es dann. Ein Psychologe erklärt, wie wir erkennen, ob wir uns wirklich trennen wollen, und was hilft, um im Konflikt nicht alles hinzuwerfen.

Dann pack deine Sachen und geh! Mitten im Streit hat sie Schluss gemacht – schon wieder. Denn Tatjana sagt diesen Satz öfters wenn es Stress gibt. Und zwar nicht nur bei einem bestimmten Partner, sondern grundsätzlich in Beziehungen. Der Satz ist nicht geplant, sondern platzt plötzlich aus ihr heraus, sagt sie.

"Oft ging es nur um Kleinigkeiten", erzählt Tatjana: "Was kochen wir heute? Warum machen wir immer das, worauf du Lust hast?" Tatjana weiß selbst, dass diese Streits banal sind. "Doch wenn sich im Alltag Frust anstaut, reicht ein Auslöser und dann passiert nur noch dieser große Boom."

"Und dann sage ich etwas, was ich gar nicht so meine."
Tatjana, macht im Streit schnell Schluss

Tatjana fragt sich schon lange, warum sie im Streit die Trennung ausruft. Sie vermutet, dass es mit dem Streitmuster zu tun hat, das ihre Eltern ihr vorgelebt haben. Außerdem sei da die Angst, verlassen zu werden. Nach dem Motto: Lieber selbst gehen, als verlassen zu werden.

Das Problem sei, dass sie im Moment des Streits ihrem Gefühl nicht trauen kann: "Will ich mich wirklich trennen oder setze ich eine nötige Grenze?" Diese Frage kann sie sich erst im Nachhinein beantworten. Doch dann hat der Satz das Gegenüber schon verletzt oder die Beziehung ist tatsächlich vorbei.

Trennung als vermeintlicher Ausweg aus einer Stresssituation

In einer ihrer Beziehungen gehörte die Trennung schon zur Standarddrohung, erinnert sich Tatjana. Ein anderer Partner hingegen machte da nicht mit: "Ich bin kein Spielzeug", sagte er. "Und er hatte ja recht", sagt sie rückblickend. So kann es nicht weitergehen, findet Tatjana. Daher will sie herausfinden, warum der Satz einfach so aus ihr herausplatzt und welches Bedürfnis dahinter steckt.

"Vielleicht steht der Satz eigentlich für meinen Wunsch nach Freiraum, nach Abstand und Zeit für mich."
Tatjana, macht im Streit schnell Schluss

Kommunikation ist der häufigste Konfliktpunkt in Beziehungen, sagt Psychologin und Paarforscherin Louisa Scheling mit Verweis auf Studien (Quellen siehe unten). Demnach landet Kommunikation auf Platz eins der Streitthemen – vor Haushalt, Finanzen oder Elternschaft.

Frauen reagierten laut Forschung oft sensibler auf Beziehungsprobleme, und sie handelten schneller. Manchmal auch, indem sie eine Beziehung beenden, erklärt die Psychologin. Doch in Tatjanas Fall ist es keine wohl überlegte Trennung, sondern eine aus dem Moment.

Der klinische Psychologe und Paartherapeut Ramón Schlemmbach hat dafür folgende Erklärung: "Wenn Menschen übermäßig schnell an Trennung denken, handelt es sich dabei oft um eine Bewältigungsstrategie." Die Psyche gehe auf Abstand, um sich zu schützen.

Besonders schnell passiere das, wenn alte Wunden aus der Kindheit "angepiekst" würden. Dann reiche schon ein kleiner Reiz, um starken Schmerz auszulösen. Die Trennung werde in Stresssituationen zum vermeintlichen Ausweg.

Ramón Schlemmbach in schwarzem Hend vor dunkelblauer Wand
© Ramón Schlemmbach
"Hinter schnellen Trennungsgedanken steckt oft kein echter Trennungswunsch", sagt Paartherapeut Ramón Schlemmbach.

Kurzschlussreaktion oder nötige Entscheidung?

Wie können Betroffene unterscheiden, ob es eine Kurzschlussreaktion ist oder sie sich tatsächlich trennen wollen? Ramón Schlemmbach rät, mit vertrauten Menschen offen über den Streitverlauf zu sprechen. Außenstehende seien emotional weniger verstrickt und könnten helfen, die Situation realistisch einzuordnen.

"Ist eine emotionale Schwelle überschritten, können wir uns nicht mehr so verhalten, wie wir es uns wünschen. Daher ist es wichtig, vorher einen Ausstieg zu finden."
Ramón Schlemmbach, klinischer Psychologe und Paartherapeut

Für akute Streitmomente empfiehlt der Paartherapeut, sich vorab sogenannte "Rettungsversuche" festzulegen. "Im Grunde meint das, frühzeitig aus der Situation auszusteigen, also unbedingt bevor es eskaliert." Das könne die berüchtigte Runde um den Block sein oder Humor – wenn das zum Paar passt.

Sinnvoll sei auch, eine*n neue*n Partner*in vorher auf das Muster hinzuweisen. "Die Person weiß dann, dass dieser Satz nicht zwingend das Ende der Beziehung einläutet. Das kann dem Gegenüber helfen, ruhig zu bleiben."

Psychologe: Wir sind unseren impulsiven Reaktionen nicht ausgeliefert

Tatjana will genau das in Zukunft machen. In einer neuen Beziehung möchte sie offen mit ihrem Muster umgehen und den Partner vorab einweihen – nicht, um Verantwortung abzugeben, sondern um gemeinsam Lösungen zu finden.

Ramón Schlemmbach ist zuversichtlich: Wir sind unseren impulsiven Reaktionen nicht ausgeliefert. "Es handelt sich um Bewältigungsstrategien. Und wenn die alte Wunde dahinter versorgt ist, brauchen wir sie nicht mehr." Und dann, so der Paartherapeut, schießt ein Satz wie "Ich trenn' mich" nicht mehr einfach so aus uns heraus.

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Shownotes
Dann geh doch!
Warum drohen wir sofort mit Trennung?
vom 04. März 2026
Gesprächspartnerin: 
Tatjana, macht in Streits schnell Schluss und bereut es danach
Gesprächspartner: 
Ramón Schlemmbach, klinischer Psychologe (M. Sc.), systemischer Paartherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie
Gesprächspartnerin: 
Louisa Scheling, Psychologin, Paartherapeutin und Doktorandin im Fach Persönlichkeitspsychologie mit Schwerpunkt Paarforschung an der Universität Freiburg
Autorin: 
Shalin Rogall
Redaktion: 
Yevgeniya Shcherbakova, Sarah Brendel, Anne Bohlmann, Friederike Seeger
Produktion: 
Jan Morgenstern
Quellen: