Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will Wind- und Solarparks gleichmäßiger über Deutschland verteilen. Doch an den Plänen gibt es Kritik. Windkraft-Unternehmer Steffen Lackmann ist überzeugt: Es wird dem Ausbau schaden.
Die Energiewende ist wichtig, daran habe sich nichts geändert, sagt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche: "Wir stehen zu den Erneuerbaren Energien, wir stehen zu unseren Zielen – und wir sehen die Notwendigkeit, einseitige Importabhängigkeiten zu verringern."
Allerdings soll sich in dem Bereich Wesentliches ändern. Der Bundestag berät dazu gerade über neue Gesetze. Ein Vorhaben sticht besonders heraus: das Netzanschlusspaket oder Netzpaket, wie es inzwischen genannt wird.
Wo Wind weht, wird nicht unbedingt viel Strom gebraucht
Das Argument: Windkraftanlagen sind in Deutschland geografisch ungleich verteilt.
Wie es derzeit ist, erklärt Katharina Thoms, die als Korrespondentin im Hauptstadtstudio Berlin für die Themen Umwelt, Klima und Energie zuständig ist.
Windparks stehen natürlich da, wo es besonders windig ist, sagt die Journalistin. Das sind im Norden Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch in Sachsen-Anhalt und Brandenburg gebe es viel Windkraft, genauso wie in Nordrhein-Westfalen. "Natürlich gibt es auch im Süden Deutschlands Windkraft", erklärt Katharina Thoms, "doch da weht eben nicht so viel Wind wie an der Küste." Die Diskussion, die mit den neuen Gesetzen einhergeht, umfasst aber genau die Frage: Warum nicht trotzdem mehr Windparks im Süden bauen?
Tatsächlich wird in dieser Region aufgrund der vielen Industriestandorte besonders viel Strom benötigt. "Ungefähr ein Drittel des Stroms wird in Bayern und Baden-Württemberg gebraucht", erklärt die Korrespondentin.
Zu viel Strom für zu wenige Stromnetze
Bisher wird der überwiegend im Norden hergestellte Strom aus Windkraftanlagen über Stromnetze beispielsweise in den Süden geleitet. Das Problem: Weht der Wind stark und wird viel Strom produziert, kann er nicht immer komplett ins Netz eingespeist werden, weil es nicht genug Stromnetze gibt. "Das ist ein seit Jahren bekanntes Problem", sagt Katharina Thoms. "Die Netze sollen auch ausgebaut werden, aber das ist teuer, kompliziert und dauert ziemlich lange."
Die Folge: Wenn Wind weht, muss der Windpark im Zweifel abgeregelt werden, also stillstehen, weil die Netze sonst überlastet wären. Damit das für Windparkbetreiber keinen finanziellen Verlust bedeutet, werden sie vom Staat entschädigt. Mit anderen Worten: Sie verdienen Geld, egal, ob die Anlagen Strom produzieren oder nicht. Und genau das soll sich durch das Netzpaket künftig ändern.
Katharina Thoms erklärt: Das Netzpaket sieht vor, dass Unternehmen weniger Entschädigung ausgezahlt bekommen, wenn ihre Windkraftanlagen in Regionen stehen, wo der Strom zum Teil nicht genutzt wird, weil er vom Netz gar nicht abtransportiert werden kann.
"In Regionen, in denen Anlagen besonders häufig abgeregelt werden, wird in Zukunft weniger Entschädigung gezahlt. Für Windparkbetreiber bedeutet das Einnahmeausfälle."
Die Entschädigung soll in diesen Gebieten, die Netzengpassgebiete genannt werden, für rund ein Fünftel der Strommenge wegfallen, präzisiert die Korrespondentin. Für die Betreiber werde das eine finanzielle Unsicherheit mit sich bringen, weil Einnahmen nicht mehr genau kalkuliert werden können.
Lohnen sich Windparks noch, wenn Einnahmen ausfallen?
Mit den geplanten gesetzlichen Änderungen setzt sich Steffen Lackmann intensiv auseinander. Er ist Geschäftsführer der Hellweg Wind GmbH aus Paderborn, einem kleinen mittelständischen Unternehmen, das Windkraftanlagen plant, baut und betreibt. Außerdem ist er ehrenamtlich im Vorstand des Landesverbands und im Präsidium des Bundesverbands Erneuerbare Energien tätig, macht also Lobbyarbeit für die Erneuerbaren.
Für sein Unternehmen würden die Folgen gravierend sein, sagt Steffen Lackmann.
"Wenn ich als Betreiber nicht weiß, ob ich für den fehlenden Netzausbau kompensiert werde, nehme ich selbst kein Geld in die Hand, um neue Projekte zu planen und zu entwickeln."
Steffen Lackmann kritisiert die Politik, die seit Jahren wisse, dass Netze ausgebaut werden müssen. Als Beispiel nennt er die Region Paderborn, in der auch sein Unternehmen sitzt. "Wir sind nicht nur auf den Verteilnetzbetreiber, sondern auch auf die Bundesnetzagentur zugegangen, haben angemahnt, dass der Netzausbau schneller gehen muss." Nun aber sehe es danach aus, dass die Branche per Gesetz die Verfehlung der Politik ausbaden müsse.
"Uns wurde zugesagt, dass die Netze bis 2023 ausgebaut sein sollen. Aber es ist wirklich gar nichts passiert. Vielmehr verschärft sich die Lage zunehmend."
Unternehmer: Windparks lassen sich nicht einfach verlagern
Steffen Lackmann betont, ein Unternehmen könne im Gegenzug nicht "einfach so" in einer anderen Region oder Gegend Windkraftparks bauen, wo die Netzkapazitäten aktuell besser seien. Dafür sei der Genehmigungs- und Planungsprozess für Windparks zu lang. Nicht nur das Unternehmen sei daran beteiligt, sondern auch Behörden und Regierungen. "Es müssen Kriterien berücksichtigt werden wie Abstände zur Wohnbebauung und zu Naturschutzgebieten. Bebauungsflächen zu definieren ist ein wirklich sehr aufwendiger Prozess", erklärt er.
Die Befürchtung, dass das Netzpaket es Unternehmern wie Steffen Lackmann also schwer machen und damit den Ausbau der Erneuerbaren Energien generell aufhalten könnte, bestätigt Korrespondentin Katharina Thoms. "Es gibt schon jetzt Berechnungen, dass es im Norden und Osten von Deutschland rückläufige Investitionen geben wird." Auch die Wissenschaft sage, dass es vor allem kleinere Betreiber hart treffen könnte.
Die Uhr tickt, die Energiewende naht
Auf der anderen Seite gebe es politische Bestrebungen, mehr Windkraftanlagen im Süden zu bauen. Beide Länder – Bayern und Baden-Württemberg – scheinen da an einem Strang zu ziehen. Sie fordern sogar einen sogenannten Südbonus, erklärt Katharina Thoms. "Sie wollen mehr Förderung und mehr Ausschreibungsmenge für Windkraft im Süden, damit es sich für Unternehmer richtig lohnt, in Windräder zu investieren."
Denn auch wenn Windkraft im Süden nicht so gut funktioniert, resümiert die Journalistin, werde der Strom vor allem im Süden gebraucht. Und dafür brauche es Lösungen. Eine weitere Lösung wären Energiebatterien. Was die können, erklärt Katharina Thoms im Podcast.
Die Bundesregierung wird sich mit allen Optionen befassen müssen. Zum einen brauche es zum 1. Januar 2027 ein neues Erneuerbare-Energien-Gesetz. Außerdem ist im Rahmen der Energiewende geplant, dass ab 2030 80 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Ob das Ziel überhaupt zu schaffen ist? Fakt ist: Die Ausbauziele bei Windkraft wurden in den vergangenen Jahren jedenfalls verfehlt. Viel Zeit bleibt also nicht, um die Energiewende auf Kurs zu bringen.
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