Nach dem Abi kaufen Vincent und drei Freunde ein Segelboot und stechen in See – ohne Segelerfahrung. Fünf Jahre sind sie unterwegs. Irgendwo zwischen Stürmen, einsamen Inseln, Rochen und Orcas findet Vincent seinen Glücksort.
Mal leuchtet er helltürkis, mal wird er dunkelgrau und aufgewühlt. Manchmal ist das Wasser spiegelglatt, manchmal türmen sich meterhohe Wellenberge auf. Für Vincent Goymann hat sein Glücksort viele Farben und viele Gesichter. Besonders ein Ort hat es ihm angetan: der Pazifik.
"Ich mag das in all seinen Facetten – im Sturm, wenn es wild ist, oder unter Wasser, wenn alles ganz ruhig ist."
Ozeanüberquerungen: Das heißt tagelang kein Land in Sicht
Fünf Jahre lang ist Vincent zunächst mit drei Freunden, später mit einem Freund auf einem Segelboot um die Welt gereist. Wochenlang sind sie auf See. Kein Land in Sicht, nur Wasser und Horizont. Ihre längste Ozeanüberquerung beträgt fünfeinhalbtausend Seemeilen. Da segeln sie von Französisch-Polynesien nach Indonesien.
"Es hat etwas Meditatives, stundenlang aufs Meer zu schauen, Musik zu hören und einfach Zeit zu haben."
Orcas, Korallenriffe und Wellenberge
Besonders im Gedächtnis geblieben sind Vincent Momente unter Wasser, zum Beispiel vor der Küste Mexikos: "Wir waren auf einmal von zwei Orcas umgeben und sind zu ihnen ins Wasser gesprungen."
Auch die Tauchgänge an einsamen Atollen im Südpazifik bleiben unvergessen: Korallenriffe, Haie, Rochen und bunt schillernde Fische, oft ohne ein anderes Schiff in Sicht, erzählt Vincent.
So beeindruckend der Ozean ist, es gibt auch herausfordernde Zeiten. Vincent berichtet von riesigen Wellenformationen mitten auf dem Pazifik, von denen es schien, dass sie nicht aufhören würden.
Weltumsegelung mit Null Segelerfahrung
Los geht alles 2018 nach dem Abitur. Vier Freunde aus Oberbayern beschließen draufloszusegeln. Gemeinsam gereist sind sie zwar schon vorher, wirklich segeln kann jedoch keiner von ihnen. Doch das Selbstvertrauen in sich als Gruppe ist stark, da kommen die Eltern mit ihren Bedenken auch nicht gegen an.
"Wir wollten etwas machen, das uns herausfordert."
Immerhin machen zwei von ihnen einen Bootsführerschein. "Das war aber eher für die Versicherung", erinnert sich Vincent. Das Segeln beschließen sie unterwegs zu lernen, mit Büchern, Youtube und Tipps aus der Community. Denn sie dokumentieren ihre Reise von Anfang an in den sozialen Medien.
Finanziert haben sie die Reise zunächst mit Erspartem, später mit Youtube-Videos und kleineren Spenden. "Doch vor allem am Anfang lebten wir wirklich sehr, sehr low Budget", sagt Vincent. "Zumal so ein Boot ständig repariert werden muss."
"Ohne diese Reise wäre diese, ich würde sagen, intime Beziehung zum Meer nicht entstanden."
"Die fünf Jahre auf dem Meer haben mich auf jeden Fall verändert", sagt Vincent. Er berichtet von Freundschaften, Begegnungen mit anderen Kulturen und der Erkenntnis, wie viele Möglichkeiten es gibt, das eigene Leben zu leben. Und so bezeichnet er die Zeit auf dem Meer als seine "Lebensschule".
Vom Meer in die Berge – Hauptsache weit draußen
Inzwischen lebt Vincent in Innsbruck und studiert. Das Meer vermisst er hin und wieder, aber er sagt auch: "Irgendwann waren wir satt vom Reisen und den ständigen Ortswechseln." Denn "weg zu sein" bedeutet auch, keine Base mehr zu haben, wie Vincent es nennt. Freundschaften verändern sich.
"Die anderen haben studiert, sind weggezogen. Unser Leben war im Vergleich dazu so ganz anders."
Und so scheint er es jetzt auszukosten, sich wieder eine "feste Base" aufzubauen, Freund*innen in der Nähe zu haben. "Aber auch immer die Möglichkeit zu haben, unter eine heiße Dusche zu steigen oder den Herd anzuschmeißen", sagt Vincent und lacht. Und dann, sagt er, sind da noch die Berge. "Da draußen, irgendwo in der Natur fühle ich mich dann auch wie ausgesetzt. Das ist ein ganz schöner Ersatz zum Meer."
