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Lu ist ihr Hobby sehr wichtig. Wenn sie anderen davon erzählt, bekommt sie oft negative Kommentare. Hobby Shaming trifft dabei Frauen besonders. Eine Psychotherapeutin gibt Tipps, wie wir weiterhin zu unserem Hobby stehen können.

Lu hat ein Hobby, das ihr großen Spaß bringt und sie seit über zehn Jahren macht. Sie schreibt Play-by-Post-Rollenspiele. Das bedeutet: Sie erarbeitet gemeinsam in einem Chat mit Freund*innen eine Geschichte. Alle überlegen sich jeweils eine Hauptfigur, aus deren Perspektive sie die Story dann erzählen.

Eine Art interaktives Buch also. "Ich kenne Leute, die haben das über Briefe gemacht. Ich habe das auch schon auf einem Schulblock gemacht. Aber meistens ist es ein Chat, weil das praktischer ist", sagt Lu. Ihr aktuelles Roleplay spielt auf einem Reiterhof und geht in Richtung Abenteuergeschichte mit ein bisschen Romance.

Klischeedenken und Abwertung

Wenn sie anderen davon erzählt, riskiert sie damit abfällige Kommentare. Sie hat schon oft erlebt, wie andere ihr Hobby direkt in eine Schublade stecken und an Klischees denken. Vorwürfe, die Lu zum Beispiel hört, sind:

  • Bei Rollenspielen gehe es vor allem um Sex oder sexuelle Vorlieben, die darüber ausgelebt werden.
  • Das sei ein Hobby von Menschen, die sonst kaum soziale Kontakt hätten.
  • Rollenspiele wären nur etwas für Leute, die sich in eine Scheinrealität flüchten wollen.
"Man wird schnell in diese Schublade gesteckt von: Das ist jemand, der schreibt ganz seltsame Erotikgeschichten über irgendwelche Charaktere."
Lu, bedeutet ihr Hobby Chat-Rollenspiele viel

Wenn andere Menschen Lus Hobby auf so eine Art vorschnell verurteilen und abwerten, verletzt sie das sehr. "Da steckt unglaublich viel Zeit und Mühe drin. Das hört auch nicht beim Schreiben auf. Es geht damit weiter, dass man sich abends hinsetzt und Bilder auf Pinterest sucht und sagt: So sieht das ungefähr aus, das bringe ich jetzt alles auf einer Collage zusammen. Und dann kommt jemand, der das nicht gesehen hat, der keine Ahnung davon hat und der sagt dir: Das ist bestimmt voll cringe. Da geht es bestimmt nur um Sex ", erzählt sie.

Dabei möchte Lu aber nicht abstreiten, dass es bei Roleplay und Fan-Fiction in Teilen auch um Sex geht. Manche Inhalte fallen zum Beispiel in den Bereich Fetisch. Ein gesamtes Hobby und eine diverse Szene auf einen Teilbereich zu reduzieren, ist aber nicht gerecht, findet Lu.

Ihr Ex-Freund hat sich trotzdem immer wieder ablehnend zu ihrem Hobby geäußert. Wenn Lu auf ihren Socials über ihre Rollenspiele spricht, bekommt sie teilweise auch dort fiese Nachrichten, vor allem von Männern. Lu hat sich dadurch besonders früher für ihr Hobby geschämt.

Hobby Hater

Ihr Hobby entspricht nicht dem Mainstream, wie zum Beispiel Fußball, ins Fitti gehen oder Radfahren. Es ist weniger bekannt und kann daher auf manche erst mal ungewohnt wirken. Aber woher kommt die Abwertung? Andrea Geier ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Uni Trier und forscht zu Gender.

"In dieser Abwertung weiblicher Hobbys stecken viele alte Rollenmodelle drin, Geschlechterklischees, die ganz klassisch verwurzelt sind im patriarchalen Denken, das Männern eine höhere Wertigkeit zuschreibt als Frauen."
Andrea Geier, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Genderforschung, Universität Trier

Sie sagt, dass auch bei Hobbys Geschlechterrollen wirken. "Es gibt eine lange Tradition der Abwertung sogenannter weiblicher Gegenstände und Themen", erklärt sie. Wenn man darauf schaut, was als spezifisch weiblich wahrgenommen wird, sei das Liebe und alles, was mit Romantik zu tun habe. Und das wiederum werde als etwas gewertet, das weniger von Bedeutung wäre, mehr ein Zeitvertreib. Auf der anderen Seite werden die Themen, die als männlich gelesen werden, als wertvoller oder relevanter wahrgenommen, erklärt sie.

Was auch hinzukommt: Es gibt Hobbys, die man zu Hause machen und gut unterbrechen kann, um sich zum Beispiel um den Familienalltag zu
kümmern. Dem gegenüber stehen Hobbys, die in klar abgegrenzten Räumen stattfinden, die speziell der Aktivität dienen. Fußball, Tennis, Gym zum Beispiel.

"Männer haben traditionellerweise Hobbyräume oder sie machen irgendwas außer Haus, was aufwendig ist, was Zeit kostet. Das trägt, glaube ich, mit zur Abwertung bei, weil die sozusagen häusliche Sphäre traditionell eine andere Wertigkeit hat als etwas, was man außer Haus tun kann", erklärt sie.

Scham ablegen

Früher dachte Lu, sie müsse sich bei negativen Kommentaren rechtfertigen und noch mal deutlich machen, wie aufwendig ihre Chat-Rollenspiele sind und welchen Wert sie haben. Heute kann sie sich besser abgrenzen. Sie weiß, wie viel ihr das Roleplay bedeutet, wie viel Spaß es ihr macht und dazu möchte sie stehen.

Lus Hobby bewirkt damit das, was ein Hobby machen sollte: Sich gut anfühlen, in den Flow bringen und ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln. Unter anderem so beschreibt Psychotherapeutin Theresa Madani den Sinn eines Hobbys.

"Wenn jemand unser Hobby kritisiert oder als nicht normal ansieht, dann stellt das unsere Identität infrage."
Theresa Madani, Psychotherapeutin

Wenn wir aufgrund unseres Hobbys aber Ablehnung erfahren und uns schämen, kann es helfen, sich folgende Fragen zu stellen:

  1. Welche Stimme höre ich? Scham entsteht häufig durch verinnerlichte Stimmen aus der Familien, den Freunden, dem Umfeld oder durch gesellschaftliche Kommentare, erklärt die Psychotherapeutin.
  2. Welche Funktion hat die Scham? In der Regel hat Scham eine Schutzfunktion, so Theresa Madani. Hier könne es helfen, sich bewusst zu machen: Eine andere Meinung darf sein und bedroht nichts Existenzielles.

Gleichgesinnte und Abgrenzung

Was hier entlasten könne, ist mit Menschen zu sprechen, die gleich denken oder das gleiche Hobby haben. In Gesprächen mit anderen können wir zu unserem Hobby stehen und uns abgrenzen. Das funktioniert zum Beispiel über Sätze, die wir uns vorher zurechtlegen und üben, sagt die Psychotherapeutin. Sätze wie:

  • Ja, das ist mein Hobby und ich mache das auch wirklich gerne.
  • Das muss nicht jedem gefallen. Mir reicht, dass es mir guttut.
  • Ich merke, dass mir diese Bewertung von dir nicht guttut. Lass uns bitte das Thema wechseln.

Seitdem Lu authentisch ist und zu sich steht, trifft sie auf immer mehr Menschen, mit denen sie auf einer Ebene ist.

In der Podcast-Folge erzählt Lu noch mehr über ihr Hobby und den Einfluss darauf durch Serien wie Stranger Things bei dem die Charaktere das Spiel Dungeons & Dragons spielen. Psychotherapeutin Theresa Madani erklärt, wie wir ein Hobby finden, das zu uns passt. Klickt dafür oben auf den Play-Button.

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Shownotes
Hobby Shaming
Wie lassen wir uns von anderen nicht den Spaß verderben?
vom 11. Februar 2026
Gesprächspartnerin: 
Lu, bedeutet ihr Hobby Chat-Rollenspiele viel
Gesprächspartnerin: 
Theresa Madani, Psychotherapeutin
Gesprächspartnerin: 
Andrea Geier, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Genderforschung, Universität Trier
Autorin und Host: 
Ivy Nortey
Redaktion: 
Bettina Brecke, Stefan Krombach, Anne Bohlmann, Friederike Seeger
Produktion: 
Jan Morgenstern