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Höchststand bei Firmeninsolvenzen: 200.000 Jobs könnten gefährdet sein. Klingt nach Alarm. Aber droht wirklich eine größere Jobkrise – oder ist das eher eine harte wirtschaftliche Bereinigung? Und was heißt das für Beschäftigte konkret?

Hannah Rady ist Insolvenzverwalterin und hat gerade richtig viel zu tun. In den ersten drei Monaten dieses Jahres gab es in Deutschland so viele Unternehmensinsolvenzen wie seit über 20 Jahren nicht, das zeigen Zahlen des Kreditversicherers Allianz Trade. Im gleichen Zuge wird davor gewarnt, dass 200.000 Jobs gefährdet sein könnten.

"Sind die Arbeitnehmer denn überhaupt motiviert, hier weiter zu arbeiten? Das ist ganz wichtig, denn ohne die Arbeitnehmer kann ich den Geschäftsbetrieb auch nicht fortführen."
Hannah Rady, Rechtsanwältin und Insolvenzverwalterin

Grundsätzlich ist es so, wenn ein Unternehmen zahlungsunfähig oder überschuldet ist, dann muss es beim Amtsgericht einen Insolvenzantrag stellen. Wenn Hannah Rady dann so eine Firma besichtigt, ist es ihr wichtig, sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen: Geschäftsbücher, Bilanzen, Jahresabschlüsse. Auf diese Weise will sie eine genaue Vorstellung von den Einnahmen und Ausgaben bekommen.

Detaillierter Blick in die Bilanzen

Sie erzählt das Beispiel eines Fitnesscenters: Das Unternehmen ist ein familiengeführter Betrieb mit 20 Angestellten. Sie lässt sich nicht nur die ganze Anlage zeigen, sondern macht sich ein sehr genaues Bild – auch über scheinbar kleine Posten: Wie viel Proteinriegel werden verkauft und welche Betriebskosten stehen dem gegenüber. Ihre wichtigsten Eigenschaften beim Job sind Entscheidungsstärke, Empathie und strukturelles Denken, sagt die Insolvenzverwalterin über sich.

"Zunächst einmal ist es ganz verständlich, dass man mir mit einem gewissen Vorbehalt begegnet, und ich versuche, diesen Vorbehalt ganz schnell auszuräumen."
Hannah Rady, Rechtsanwältin und Insolvenzverwalterin

Ganz wichtig ist es ihr auch, die Mitarbeitenden von Anfang an miteinzubeziehen, sagt Hannah Rady. Denn wenn diese nicht mitziehen, dann lässt sich ein Unternehmen kaum retten. Deswegen organisiert sie früh eine Mitarbeiterversammlung. Sie fragt nach, ob die Angestellten ihre Löhne noch bekommen, und falls nicht, wie lange sie sie schon nicht mehr erhalten haben.

"Wir haben wirklich erst mal geguckt, wie ist denn die Liquiditätslage? Das heißt, wie viel Geld ist denn aktuell da? Welche Konten haben wir? Wem gehören denn die Sportgeräte?"
Hannah Rady, Rechtsanwältin und Insolvenzverwalterin

In so einem vorläufigen Insolvenzverfahren ist es dann die Hauptaufgabe von Hannah Rady, den Betrieb am Laufen zu halten und die sogenannte Insolvenzmasse zu sichern. Im Fall eines Fitnessstudios sind zum Beispiel auch alle Laufbänder, Hanteln oder Stepper darin enthalten. Wenn die Insolvenzverwalterin die vorhandenen Vermögenswerte gesichert hat, kümmert sie sich darum, dass der Betrieb weiterläuft.

Der nächste Schritt: Sie prüft, ob das Unternehmen langfristig überleben kann. Das kann beispielsweise erreicht werden, indem der Betrieb umstrukturiert wird. Hannah Rady checkt auch, ob die Arbeitsplätze erhalten werden können. Ein Insolvenzverfahren ist also nicht gleichbedeutend mit dem Aus für eine Firma. In manchen Fällen ist eine Rettung möglich.

200.000 gefährdete Jobs

Insolvenzverfahren haben stark zugenommen. Im ersten Quartal dieses Jahres gab es zum Beispiel mehr Insolvenzen als im gleichen Zeitraum in anderen Jahren. Es ist die Rede davon, dass 200.000 Stellen gefährdet sein könnten. Das alarmiert Forschende, sagt Wirtschaftsjournalist Sebastian Moritz.

Die Prognose ist sehr hoch, sagt er. Gleichzeitig sei aber nicht zu erwarten, dass tatsächlich 200.000 Menschen dann de facto arbeitslos werden. Manche werden Abfindungen erhalten, einige wahrscheinlich einen anderen Job finden, wieder andere werden in den Vorruhestand und die Generation der Babyboomer wird in Rente gehen, erklärt er. Aber Sebastian Moritz fügt auch hinzu: "Wenn wirklich 200.000 Arbeitsplätze wegfallen, ist das schon eine Menge."

"In China, da wurde längst an neuen E-Modellen getüftelt. Da haben die deutschen Unternehmen noch Geld reingesteckt, um die Abgaswerte der Verbrenner zu manipulieren."
Sebastian Moritz, Wirtzschaftsjournalist

Beunruhigend sei dabei zu sehen, welche Branchen das betrifft, sagt der Wirtschaftsjournalist: vor allem Sektoren wie Chemie, Metall, Elektro und Autozulieferer. Verantwortlich sei der Strukturwandel und die dadurch ausgelöste Marktbereinigung. Bestimmte Faktoren würden die aktuelle Situation zudem verschärfen, erklärt Sebastian Moritz. Dazu zählt er unter anderem den Krieg im Iran, hohe Energiepreise und Handelskonflikte.

Die aktuelle Situation würde aber auch Versäumnisse der Wirtschaftsunternehmen aufzeigen, erklärt der Wirtschaftsjournalist. Beispielsweise, dass Unternehmen im Bereich E-Mobilität im Vergleich zu China viel zu spät erkannt hätten, in welche Richtung die Entwicklung geht. Das hat zu falschen Investitionen geführt. Auch im Bereich Künstliche Intelligenz sieht Sebastian Moritz das Problem, dass deutsche Unternehmen den Anschluss verpasst haben.

Interne Faktoren für eine schwächelnde Wirtschaft

Als interne Faktoren für die schlechte Wirtschaftsentwicklung in Deutschland nennt Sebastian Moritz zu viel Bürokratie, zu lange Genehmigungsverfahren und zu hohe Energiekosten. Das seien alles Faktoren, auch schon vor dem Krieg im Iran, die es den Unternehmen schwer gemacht haben. Was noch hinzukomme, sind Handelskonflikte und Zölle, die jetzt seit einigen Jahren internationale Geschäfte schwerer machen.

Sebastian Moritz sieht das Problem in der großen Abhängigkeit der Wirtschaft von der Industrie, denn da breche jetzt einiges weg und die Frage sei, wie das aufgefangen werden könne.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Insolvenzboom
Sind Deutschlands Unternehmen noch zu retten?
vom 27. April 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartnerin: 
Hannah Rady, Rechtsanwältin und Insolvenzverwalterin
Gesprächspartner: 
Sebastian Moritz, Wirtschaftsjournalist