Kaum ein Tanker passiert noch die Straße von Hormus. Die Schifffahrtsroute wird zum Krisen-Hotspot. Während Donald Trump
internationale Hilfe für Öltanker fordert, geht es plötzlich um eine alte, aber extrem gefährliche Waffe: die Seemine.
Der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus ist praktisch zum Erliegen gekommen. Kaum ein Kapitän wagt die Route durch die wichtige Meerenge, seit der Irankrieg begonnen hat. Denn die Passage wird für Schiffe zur tödlichen Falle: Nicht nur durch den Beschuss durch die iranische Armee, sondern auch, weil unklar ist, ob der Iran die Handelsroute mit Waffen gesichert hat oder sichern könnte, über die sonst selten jemand spricht: Seeminen.
US-Geheimdienste vermuten, dass Seeminen in der Straße von Hormus eingesetzt werden könnten – und der Iran dieses Nadelöhr so für die internationale Schifffahrt blockiert. Rund 20 Prozent des global gehandelten Öls passieren diese Route. Und: Seeminen sind billig, einfach auszubringen, aber nur mit viel Aufwand zu räumen. Besonders effektiv sind sie außerdem. Schon wenige Sprengkörper können reichen, um Tanker abzuschrecken und den Verkehr zu stoppen.
"Die Straße von Hormus ist wie gemacht für den Mineneinsatz. Das ist ein Nadelöhr."
Die Straße von Hormus ist ein ideales Gebiet, um vermint zu werden, sagt Sebastian Fischer (Name geändert). Er ist Fregattenkapitän beim Minensuchgeschwader der Marine in Kiel und beschäftigt sich beruflich mit einer der unsichtbarsten Waffen auf See, den Seeminen.
Die Meerenge bei Hormus verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman, ist strategisch wichtig für den Ölhandel und für den Verkehr zu den Häfen von Kuwait, Katar, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder auch Saudi-Arabien.
Die Mine als Superwaffe: Minen ausbringen ist so leicht
Sebastian Fischer bezeichnet Seeminen auch als "Superwaffe", denn sie haben Eigenschaften, "die sich eigentlich jeder wünscht": Sie sind für normale Schiffe unsichtbar und günstig herzustellen. Eine Seemine "braucht keine Wartungen, sie braucht keinen Urlaub, sie möchte kein Gehalt", sagt der Experte.
Und weil Seeminen leicht zu verteilen sind, macht sie das für Staaten mit einer nur kleinen Marine so attraktiv. Ein paar Schiffe genügen, um ein großes Gebiet mit Minen abzusperren, so der Seeoffizier: "Das müssen auch keine Spezial-Marineschiffe sein, sondern das können Fischerboote, Schlepper oder Handelsschiffe sein", die nachts verdeckt operieren.
"Um eine Minensperre mit sagen wir mal 300 Minen zu verlegen, brauche ich vier oder fünf oder sechs Schiffe."
Es ist also recht einfach, Minen auf See zu verteilen. Dafür ist es aber ziemlich kompliziert, die Minen zu finden und dann unschädlich zu machen.
Minen räumen - wie kompliziert das ist
Nur Spezialisten können Minen im Meer finden und räumen, sagt Sebastian Fischer. Sie müssen sich damit auskennen und erkennen, was anderen verborgen bleibt.
Er selbst ist mit etwa 20 Jahren das erste Mal mit Seeminen in Berührung gekommen, erzählt er. "In der Zwischenzeit war ich unter anderem zweimal
Kommandant eines Minenjagdbootes." Heute arbeitet er als Taktiklehrer für die Offiziere des Minensuchgeschwaders und bildet künftige Kommandanten aus.
"Das Minenjagen an sich ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben auch für eine moderne Marine. Das macht kein Schiff irgendwie nebenbei."
Um Minen im oder unter Wasser zu finden, nutzt man bei der Marine unter anderem Minenjagdboote. Sie werden aus amagnetischem Stahl gebaut und sind so fast unsichtbar für Seeminen.
Die Schiffe erstellen ein Abbild des Meeresbodens, über dessen Auswertung Spezialisten "Objekte, die da zunächst mal nicht hingehören" erkennen können, sagt Sebastian Fischer. Wenn es sich um Minen handelt, werden sie mit einer Panzerfaust gesprengt.
"Eine einzelne Mine zu beseitigen, das dauert Stunden. Eine einzelne Mine zu finden, kann Tage bis Wochen dauern. Eine beliebige Anzahl an Minen zu finden, das kann Wochen bis Monate dauern."
Für den Iran wäre es also recht effektiv, die Straße von Hormus durch eine große Minensperre zu blockieren. Schiffe wären dann gezwungen, eine Ausweichroute zu fahren und so ein umso leichteres Ziel für den Beschuss von Land aus, meint Sebastian Fischer. "Das ist ein sehr gefährliches Szenario, das eben mit der Besonderheit dieser geostrategischen Lage zu tun hat, weil die Küste so nah ist und das Wasser so flach."
Schiffe in der Falle von Hormus
Schätzungsweise 2500 Schiffe sind derzeit im Persischen Golf gefangen, sagt Sabina Matthay, unsere Korrespondentin für die Region. Der Iran beschießt weiter die Golfstaaten mit Raketen und Drohnen und wird dabei selbst beschossen von Israel und den USA.
Zwei indische Tanker konnten vor einigen Tagen zwar die Straße von Hormus passieren, auch ein paar Schiffe aus der Türkei und aus China. Doch Irans Außenminister hat erklärt: Für die Feinde des Irans ist die Schiffsroute geschlossen.
"Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass der Iran bereits einige Minen auf dem Meeresboden verlegt hat."
Geschlossen heißt, es besteht die Möglichkeit von Angriffen durch Raketen. Und dass der Iran hier nicht nur droht, ist klar: Von rund 16 angegriffenen Tankern und Container-Frachtschiffen ist bisher die Rede. Daher stauen sich die Schiffe nun vor der Meerenge.
Iran nutzt seine Position strategisch
Sabina Matthay meint, dahinter steckt eine Art Doppelstrategie des Irans: Einerseits schadet er so den Verbündeten Amerikas wirtschaftlich und treibt die Energiepreise in die Höhe. Andererseits kann Teheran so in Verhandlungen kommen mit Staaten, denen es die Durchfahrt erlaubt, zum Beispiel Indien oder China .
"Die Revolutionsgarde besitzt Schnellboote und Mini-U-Boote, mit denen sie Minen verlegen kann. Und der iranische Minen-Vorrat wurde auf mindestens 5000 geschätzt."
Die USA haben nun begonnen, die Minen-Lagerstätten zu bombardieren, berichtet Sabina Matthay. US-Präsident Donald Trump forderte außerdem internationale Unterstützung, um die Straße von Hormus militärisch zu sichern. Doch viele NATO-Staaten zögern – und die EU hat bereits klargemacht: Sie will sich nicht militärisch beteiligen. Auch Deutschland lehnte ab.
Das Spiel mit der Verunsicherung
Die Verunsicherung ist also groß. Und das bekommen wir alle zu spüren: an der Tankstelle oder bei den steigenden Öl- und Gaspreisen. Schon allein die Sorge vor einer weiteren Verknappung der Lieferungen treibt die Preise nach oben. Und eine Entspannung ist nicht in Sicht.
Für die Reeder ist die unsichere Situation noch aus einem anderen Aspekt bedrohlich: Sie könnten die Versicherung für ihre Schiffe verlieren, fürchtet Sebastian Fischer. Dann würde der Schiffsverkehr längerfristig behindert werden.
"Wenn die Schiffsversicherer irgendwann die Schiffe nicht mehr versichern und die Reeder die Schiffe dort nicht mehr durchfahren lassen, dann steht der Schiffsverkehr still."
Seeminen sind also sowohl technisch als auch psychologisch eine krasse Waffe. Und schon eine einzelne Mine kann laut Experte eine große Wirkung haben. Selbst wenn sie ein großes Schiff nur beschädigt statt versenkt, hätte das fatale Folgen. Die Wirkung wäre vielleicht sogar noch verheerender. Denn wenn ein Schiff mit einer Leckage über Tage im Wasser liegt und Öl verliert, dann hört und sieht man das tagelang in den Nachrichten: "Aus Sicht des Einzelnen ist der psychologische Effekt an der Stelle sogar größer."
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