Der Sommerurlaub ist gebucht und jetzt wird Kerosin knapp. Der Irankrieg treibt die Preise, die Politik diskutiert über Versorgung. Was heißt das für unsere Flugreisen? Wir klären, warum Fliegen jetzt und künftig teurer wird.
Fast 70 Millionen Deutsche sind im vergangenen Jahr zwischen April und Oktober ins Ausland geflogen. Auch für 2026 haben viele ihre Urlaubsreisen bereits geplant, die jetzt wegen des Irankrieges auf der Kippe stehen könnten.
Ist der Sommerurlaub in Gefahr? Benjamin Hammer arbeitet in der Wirtschaftsredaktion des Deutschlandfunks und beobachtet die Flugbranche. Als Journalist kann er nicht seriös vorhersagen, ob alle Reisen wie geplant stattfinden. Die Reiseindustrie verbreitet eher optimistische Botschaften. In einem Bild-Interview sagte beispielsweise der Chef von Dertour, es gebe keinen Anlass zur Sorge.
"Wenn das so kommt, dann heißt das ganz klar, dass manche Urlaubsflieger nicht fliegen können."
Es gibt jedoch auch deutlich kritischere Einschätzungen, so Benjamin. Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt zum Beispiel wundert sich in der Welt-Zeitung über die gelassene Stimmung, da er selbst die Lage als ernst beschreibe. Er rechne mit einem möglichen Kerosin-Defizit von rund 100.000 Tonnen pro Tag. Das entspricht etwa 20.000 Mallorca-Flügen, wodurch im Sommer tatsächlich einzelne Urlaubsflüge ausfallen könnten.
Mögliche Ausfälle vor allem bei Kurzstrecken und Urlaubsflügen
Im Zusammenhang mit möglichen Flugausfällen stellt sich die Frage, welche Verbindungen überhaupt betroffen sein könnten. Offizielle Aussagen der Airlines gibt es dazu nicht, daher bleibt vieles Spekulation. Benjamin sagt, plausibel wären vor allem innerdeutsche Strecken wie etwa Köln–Berlin, wo der Zug eine Alternative ist, sowie klassische Urlaubsflüge wie nach Mallorca.
"Was irgendwie Kurzstrecke ist und eher Spaß macht, diese Flüge könnte es aus meiner Sicht dann wirklich treffen."
Anders sieht es bei Langstrecken aus: Flüge von Deutschland nach China etwa werden eher weitergeführt. Für Menschen, die hier reisen müssen, ist der Zug keine Alternative. Zudem werden hier auch wichtige Güter wie Medikamente transportiert. Kurze und touristische Strecken dürften als verzichtbarer gelten.
Probleme bei Rückflügen nicht ausgeschlossen
Was mögliche Rückreiseproblemen betrifft, erklärt Benjamin, dass Airlines hier sehr vorsichtig agieren. Sie planen nur, wenn am Zielflughafen auch ausreichend Kerosin verfügbar ist, da der Rückflug nicht mit dem gleichen Treibstoff abgedeckt wird wie der Hinflug.
Dennoch gibt es laut Experten Hinweise, dass es je nach Airline Unterschiede geben kann. Bei großen europäischen Gesellschaften wie Lufthansa oder Condor wird in der Regel abgesichert geflogen. Trotzdem wird in der Branche diskutiert, dass bei bestimmten Verbindungen nach Asien oder Afrika im Einzelfall Probleme beim Rückflug auftreten könnten, wenn die Versorgung vor Ort nicht gesichert ist.
Italien mit ersten Versorgungsengpässen
Angesichts geopolitischer Unsicherheiten wird in der Politik auch über mögliche Folgen für den Flugverkehr diskutiert. Lars Klingbeil betont, man müsse Warnungen vor Kerosin-Knappheit ernst nehmen. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche hingegen erklärt, die Versorgung mit Benzin, Diesel und Kerosin in Deutschland sei gesichert – wobei diese Einschätzung auch der Beruhigung dienen könnten, so Benjamin.
Er hält die Sicherheit für nicht vollständig gegeben und verweist auf Warnungen der International Energy Agency, wonach es in den kommenden Wochen in Teilen Europas zu Engpässen kommen könnte. Erste Fälle hat es bereits an Flughäfen in Italien gegeben. Hinter den Kulissen hat das Thema in Ministerien, bei Airlines und Verbänden höchste Priorität, so der Wirtschaftsjournalist.
Kerosin entscheidet über Sommerflüge
In der Branche wird auch über Ticketpreise gesprochen, allerdings spielen zunächst andere Faktoren eine größere Rolle, meint Benjamin. Airlines wie Lufthansa oder Turkish Airlines können aktuell teils höhere Preise durchsetzen, weil die Konkurrenz aus dem Golf, etwa Emirates oder Etihad Airways, durch die Nähe zu Konflikten eingeschränkt arbeiten kann. Das treibt die Nachfrage auf bestimmten Strecken, etwa Richtung Asien.
Steigende Kerosinpreise würden Airlines grundsätzlich an Kunden weitergeben. Allerdings sind viele Fluggesellschaften durch langfristige Lieferverträge noch abgesichert und spüren kurzfristige Preissprünge weniger stark. Deshalb ist die entscheidendere Frage für Reisende derzeit weniger der Ticketpreis, sondern ob Flüge im Sommer überhaupt wie geplant stattfinden können, falls es zu Kerosin-Engpässen kommt.
Alternativmangel - Kerosin ist ein Spezialprodukt
Dass sich der Irankrieg so stark auf den Flugverkehr auswirkt, hängt vor allem mit der besonderen Abhängigkeit zusammen: Beim Kerosin ist Europa deutlich stärker auf die Golfregion angewiesen als bei Rohöl oder Benzin. Früher gab es zudem Lieferungen aus Russland, die inzwischen wegfallen – Alternativen sind begrenzt.
"Wir sind beim Kerosin einfach deutlich abhängiger von der Golfregion als beim Rohöl."
Kerosin ist ein Spezialprodukt, das sich schwerer ersetzen oder kurzfristig stärker produzieren lässt als Benzin oder Diesel. Raffinerien können nicht einfach mehr davon herstellen. Deshalb reagiert der Markt deutlich empfindlicher. Der Preis hat sich etwa verdoppelt, was die Situation zusätzlich verschärft.
Es fehlt an Alternativen zum Fliegen
Mit Blick auf steigende Preise und Klimadebatten wird Fliegen wohl weniger selbstverständlich. Benjamin sagt, strengere Regeln im CO2-Handel, Quoten für nachhaltige Kraftstoffe und mögliche Kerosinsteuern könnten Tickets deutlich verteuern. Alternative Treibstoffe seien knapp, teuer und technisch anspruchsvoll. Kritiker fordern auch, die Umweltkosten stärker einzupreisen.
"Es gibt durchaus Hinweise, dass Fliegen in den nächsten Jahren immer teurer werden kann."
Gleichzeitig fehlen echte Alternativen zum Fliegen. Während es am Boden etwa mit Elektroautos Lösungen gibt, ist das in der Luftfahrt viel schwieriger. Benjamin betont, dass Technologien wie Elektro- oder Wasserstoffflugzeuge für große Passagierzahlen auf absehbare Zeit nicht verfügbar sind. Die Branche bleibt stark vom klassischen Kerosin abhängig und damit besonders anfällig für Krisen.
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