Kanzler Merz kritisiert zu viele Krankmeldungen. Ist die elektronische Krankschreibung schuld? Stimmt die Statistik? Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum die Zahlen zuletzt gestiegen sind. Wir checken, was hinter der Debatte steckt.
Hendrik Wolfgramm ist Bauunternehmer in Hamburg. In seinem Familienbetrieb beschäftigt er Maurer, Fliesenleger, Trockenbauer oder auch Stahlbetonbauer. Er kennt das Problem von der Arbeitgeberseite aus: Ein Mitarbeiter meldet sich krank – das bedeutet für ihn in der Regel, dass eine Baustelle nicht voll besetzt werden kann.
Wenn Krankmeldungen reinkommen, muss er "Lücken stopfen", sagt er. Das sei ärgerlich, ja. Aber seinen Angestellten macht er deshalb keinen Vorwurf. Im Gegenteil: Wer krank ist, der soll zu Hause bleiben, meint er. Besonders, weil der Job auf der Baustelle ja auch körperlich anstrengend ist.
"Wer krank ist, soll zu Hause bleiben."
Fast drei Wochen im Jahr melden sich die Deutschen im Schnitt krank. Zu viel, findet Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Die Zahl der Krankentage ist in den vergangenen Jahren tatsächlich deutlich gestiegen, das zeigen die Daten des Statistischen Bundesamtes. Laut diesen waren die Beschäftigten in Deutschland 2025 im Schnitt 14,8 Tage krank. Das ist deutlich mehr als noch vor einigen Jahren.
In der Statistik tauchen allerdings nur die Krankmeldungen auf, die länger als drei Tage dauern, sagt Wirtschaftsjournalist Sebastian Moritz: "Also wer jetzt nur montags und dienstags krank ist, der landet gar nicht in der Statistik , wenn er am Mittwoch wieder auf der Matte steht."
Was sagen die Zahlen?
Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt eine Statistik zu den Krankentagen. Nach der liegt Deutschland bei fast 25 Tagen pro Jahr. Für beide Statistiken gilt aber: Erst seit 2022 übermitteln Arztpraxen die Krankmeldungen direkt an die Krankenkasse.
Von daher kann der Anstieg der Zahlen auch damit zusammenhängen, dass das in den Jahren vorher nicht regelmäßig gemacht wurde, meint Sebastian Moritz.
Der Wirtschaft geht durch die Krankmeldungen viel Geld verloren: Nach einer Analyse der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin waren es im vergangenen Jahr fast 230 Milliarden Euro, sagt Sebastian Moritz: "Krankentage, das kann man auf jeden Fall sagen, sind für die Wirtschaft ein handfestes Problem."
Telefonische Krankschreibung wird wenig genutzt
Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung – wäre das die Lösung? Gibt es durch diese Praxis eine zu hohe "Blaumacher-Quote"? Tatsächlich beträgt der Anteil der Krankmeldungen, die auf diesem Weg eingereicht werden, nur rund 1,5 Prozent aller Krankmeldungen überhaupt, erklärt die Krankenkasse DAK.
Und viele Ärzte wollen dieses System sowieso nicht abschaffen: Es schütze die anderen Patienten im Wartezimmer, wenn Kranke mit einem Infekt dort nicht lange sitzen müssen, sagen sie.
"Es werden nur rund anderthalb Prozent aller Krankschreibungen überhaupt telefonisch abgewickelt. Also das zeigt schon: Der Einfluss kann gar nicht so groß sein."
Ein Vorschlag, um die Krankentage in Deutschland zu senken, lautet: Man könnte die Karenztage wieder einführen. Also ein System, dass es schon einmal gab, aber das in den 1970er-Jahren abgeschafft wurde. Es bedeutet, dass Beschäftigte für die ersten Krankheitstage keinen Lohn oder nur einen reduzierten Lohn bekommen. So könnte man Kosten senken.
Karenztage wieder einführen?
Wirtschaftsjournalist Sebastian Moritz hält das für keine gute Idee: "Denn natürlich steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Beschäftigte aus finanziellen Gründen krank zur Arbeit kommen", sagt er. Krankheiten würden dann verschleppt, im Zweifelsfall würden noch mehr Mitarbeiter angesteckt, und das sei auch nicht im Sinn der Wirtschaft.
"Wenn ich die Leute davon abhalte, sich einfach rechtzeitig krankzuschreiben, dann habe ich unter Umständen höhere Kosten, weil die Leute sich eben nicht erholen."
Ähnlich sieht das auch die Arbeitspsychologin Tabea Scheel: Karenztage sind kein gutes Mittel für die Mitarbeitenden und auch nicht für die Unternehmen, meint sie. Jeder und jede würde individuell abwägen: Wann fühle ich mich zu krank, um zu arbeiten? Wann fühle ich mich körperlich, aber auch geistig nicht fit genug für einen Acht-Stunden-Arbeitstag?
Wohlfühlfaktor bei der Arbeit
"Man weiß, dass Leute, die sich gut aufgehoben fühlen in ihrem Arbeitskontext, auch deutlich weniger krank werden", sagt sie. In diesem Sinne geht es auch Bauunternehmer Hendrik Wolfgramm an: Er versucht, in seinem Betrieb für eine positive Grundstimmung zu sorgen. Die Angestellten sollen sich wohl fühlen: "Familiär und fair" lautet sein Motto.
Mitarbeitende können beispielsweise mitentscheiden, mit wem sie im Team zusammenarbeiten wollen. Mit diesen und anderen Maßnahmen soll sichergestellt werden, dass jede*r prinzipiell gerne zur Arbeit kommt – außer eben, er oder sie ist krank.
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