Die Wiege der Demokratie liegt in … Griechenland? So haben wir es schon in der Schule gelernt. Ein Forschungsteam widerspricht dem nun und kritisiert diese Sicht als eurozentrisch, denn es gibt viele weitere Beispiele.

Griechenland als Geburtsort der Demokratie – dieses Bild ist tief verankert. Und fest verbunden mit der Vorstellung, dass es auch die Europäer waren, die die Demokratie dann mit ihrer Expansion – besonders ab ungefähr 1500 – in die Welt getragen haben.

Doch genau das stellt eine neue Studie infrage. Ein internationales Forschungsteam kommt zu dem Schluss, dass demokratische Strukturen nicht nur im antiken Athen entstanden sind, sondern unabhängig voneinander an verschiedenen Orten der Welt. Die Idee von Demokratie hätte demnach mehrere Ursprünge.

Viele Ursprünge statt einer Wiege

Die Forschenden argumentieren, dass es nicht den einen Entstehungsort gibt. Stattdessen hätten sich in unterschiedlichen Regionen und Epochen Gesellschaften entwickelt, die demokratische Merkmale aufweisen.

"Es gibt nicht den einen bestimmten Ursprungsort, sondern in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten Gesellschaften, in denen so etwas wie Demokratie herrschte."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Damit wird die klassische Erzählung relativiert, nach der die Demokratie allein aus Griechenland stammt. Die Studie beschreibt vielmehr eine Vielzahl von "Wiegen der Demokratie". Diese seien über mehrere Kontinente verteilt gewesen und hätten sich unabhängig voneinander entwickelt.

Wie erkennt man Demokratie ohne Texte?

Die Forschenden mussten dabei mit einem Problem umgehen: Viele der untersuchten Kulturen haben kaum oder gar keine schriftlichen Quellen hinterlassen. Deshalb basiert die Analyse vor allem auf Daten zu archäologischen Funden.

"Die Forschenden haben sich Daten zu Ausgrabungsstätten auf der ganzen Welt angeschaut und diese neu ausgewertet."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Aus diesen Daten leiten sie Hinweise auf politische Strukturen ab. Der Aufbau von Städten spielt dabei eine zentrale Rolle. Zentralisierte Anlagen mit klarer Ausrichtung auf Herrscher gelten eher als Zeichen von Autokratie. Offene Plätze oder große Versammlungsräume können dagegen darauf hindeuten, dass Menschen sich austauschten und Entscheidungen gemeinsam trafen.

"Große offene Flächen oder öffentliche Gebäude können darauf hindeuten, dass Menschen zusammenkamen und Entscheidungen austauschten."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Solche räumlichen Strukturen deuten laut Studie auf eine eher demokratische Organisation hin – auch wenn das nicht eindeutig ist und immer im Kontext interpretiert werden muss.

Beispiele außerhalb Europas

Die Studie nennt mehrere Gesellschaften, die als frühe Formen von Demokratie gelten könnten. Dazu gehören etwa die Irokesen in Nordamerika. Dort wurden politische Entscheidungen in Räten getroffen – und Frauen hatten eine deutlich stärkere Rolle als im antiken Griechenland.

"Bei den Irokesen konnten Frauen sogar Anführer ernennen und absetzen."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Ein weiteres Beispiel ist die Stadt Mohenjo-Daro im heutigen Pakistan (im Bild zu sehen). Sie gilt als Zentrum einer frühen Hochkultur im 3. Jahrtausend vor Christus. Anders als in vielen bekannten Hochkulturen fehlen dort monumentale Paläste oder Tempel im Zentrum. Stattdessen finden sich Hinweise auf eine gleichmäßig organisierte Stadtstruktur mit Zugang zu Wasser und Infrastruktur für viele Bewohner.

Diese Merkmale interpretieren die Forschenden als Indiz dafür, dass Macht weniger stark zentralisiert war – ein mögliches Zeichen für demokratische Strukturen.

Kritik an der neuen Sicht

Die Studie wird allerdings nicht nur positiv aufgenommen. Einige Fachleute halten die Schlussfolgerungen für zu weitgehend.

"Manche Rückschlüsse aus den Ausgrabungsdaten sind sehr spekulativ."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Zudem sei in der Forschung schon länger bekannt, dass demokratische Formen nicht ausschließlich in Europa entstanden sind. Neu sei vor allem die systematische Zusammenstellung der Beispiele.

Trotz der Kritik zeigt die Studie vor allem eines: Der Blick auf die Geschichte der Demokratie verändert sich. Weg von einer europäischen Erfolgsgeschichte – hin zu einer globalen Perspektive. Demokratie erscheint damit weniger als einmalige Erfindung, sondern eher als Idee, die an vielen Orten unabhängig voneinander entstanden ist.

Shownotes
Politische Ordnung
Demokratie ist keine europäische Erfindung
vom 26. März 2026
Moderatorin: 
Diane Hielscher
Gesprächspartnerin: 
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten