Wer Psychotherapie anbietet, wird bald weniger verdienen. Und das, obwohl viele so dringend auf einen Therapieplatz warten. Therapeuten gehen nun auf die Straße. Was bedeuten die Kürzungen für uns?
Johanna Jung ist Psychotherapeutin. Sie plant, eine eigene Praxis zu eröffnen. Doch sie wird dann mit weniger Honorar auskommen mussen, als urspünglich geplant. Der Grund: Die Krankenkassen kürzen die Vergütung der ambulanten psychotherapeutischen Gesprächsleistungen zum 1. April um 4,5 Prozent. Sie müssen sparen, so das Argument.
Johanna macht das ziemlich wütend – und besorgt: "Ich befürchte, dass dieses Signal, das dadurch gesendet wird, ein ganz falsches ist und mich auch vor wirtschaftliche Frage stellt."
Johanna stellen die Kürzungen vor viele Fragen
Mit einer psychotherapeutischen Praxis erwirtschaftet man durchschnittlich pro Monat 4.000 bis 5.000 Euro, sagt sie. Nun steht sie wie viele andere Kolleginnen und Kollegen vor der Frage, wie sie die fehlenden Kosten einsparen kann. Bei den Patientinnen und Patienten? Das möchte Johanna vermeiden.
"Im schlechtesten Fall könnte das bedeuten, dass wir diese Sitzungen so versuchen umzustrukturieren, dass wir eben mehr Privatversicherte oder Selbstzahler aufnehmen."
Dabei hat sie als Therapeutin einen relativ kleinen Spielraum: Sie kann nicht einfach mehr Patienten pro Tag aufnehmen, denn eine Sitzung ist immer auf 50 Minuten angesetzt. Johanna hat deshalb eine Petition gestartet, die schon mehr als 425.000 Personen unterstützen. Sie fordert: Stoppt die Honorarkürzungen in der Psychotherapie!
Petition wird von vielen unterstützt
"Ich hätte das gar nicht für möglich gehalten, dass das so große Resonanz bringt", sagt sie und freut sich über den großen Zuspruch, die Unterstützung und die Solidarität, die sie von vielen Seiten erfährt.
"Ich finde es total schön zu sehen, wie viele Patientinnen und Patienten, Angehörige von Betroffene, aber auch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachkreisen sich jetzt mit uns solidarisieren."
Grundsätzlich werden die Honorare für Psychotherapeut*innen vom sogenannten Bewertungsausschuss festgelegt. Darin sitzen Ärztinnen und Ärzte, aber auch Krankenkassen. Ursprünglich wollte der Ausschuss das Honorar sogar um zehn Prozent kürzen. Doch die Ärzteschaft war damit nicht einverstanden. Also wurde über den sogenannten Erweiterten Bewertungsausschuss ein Beschluss gefasst – und der liegt nun bei der Einsparung von 4,5 Prozent.
Honorare für Psychotherapeuten - zu hoch oder zu niedrig?
Die Krankenkassen sagen: Die Honorare der Psychotherapeut*innen seien in den letzten Jahren unproportional gestiegen, darum werde bei ihnen nun gekürzt. Doch die halten dagegen und argumentieren: Ihr Honorar sei zu Recht gestiegen, weil sie viel weniger verdienten als Fachärzte und Fachärztinnen.
"Die Psychotherapeuten hat es erwischt, das ist so die gängige These, weil die einfach eine sehr schlechte Lobby haben."
Unsere Korrespondentin Felicitas Boeselager meint, die Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind nun die Leidtragenden, weil sie keine gute Lobby haben. Und wenn sie Geld wieder reinholen müssten, sei es einfach und naheliegend, bevorzugt Privatpatient*innen zu behandeln.
Privatpatienten bringen mehr Geld
Denn: Für Privatversicherte bekommen Therapeut*innen pro Stunde etwa 160 Euro ausbezahlt, während es für Kassenpatient*innen nur etwa 120 Euro sind. "Das heißt, es wird sich auf Dauer lohnen, mehr Privatpatienten in die Praxis zu nehmen", so Felicitas Boeselager.
Das sind keine guten Aussichten für diejenigen, die jetzt schon teils monatelang auf einen Therapieplatz warten. Insgesamt gibt es nach Schätzung der KassenärztlichenVereinigung in Deutschland rund 7.000 Kassensitze zu wenig – also 7.000 ausgebildete Fachleute zu wenig, die betroffene Kassenpatient*innen behandeln können. Und wenn Menschen nicht behandelt werden, dann ist das auch ein gesamtgesellschaftliches Problem mit weiteren Folgen.
"Wenn wir jetzt nicht akut auch Menschen in Krisensituationen versorgen können, bedeutet das, dass diese dann nur noch den Anlaufweg über die Kliniken wählen können."
Johanna Jung sieht, dass Geld gespart werden muss. "Ich verstehe, dass wir gerade in einer sehr prekären Situation sind", sagt sie. Aber sie meint auch: "Ich finde, wir sparen hier am falschen Ende."
Am Ende Mehrkosten statt Einsparungen?
Die gesamtgesellschaftlichen Kosten wären am Ende viel höher, vermutet sie, wenn nun Patient*innen nicht die Versorgung und Begleitung bekommen, die sie brauchen – längere Krankschreibungen könnten die Folge sein oder mehr Klinikeinweisungen, so die Psychotherapeutin. Von daher könne man bei den geplanten Kürzungen überhaupt nicht von "sparen" sprechen.
"Ich liebe meinen Beruf. Ich liebe es, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, zu unterstützen und zu helfen, wenn es denn irgendwie möglich ist"
Johanna jedenfalls will ihre Praxis eröffnen. "Ich liebe meinen Beruf", sagt sie. Und sie findet ihren Job erfüllend – ganz jenseits der wirtschaftlichen Situation. Gleichzeitig ahnt sie: Unter Umständen muss sie umdisponieren, vielleicht ein zweites berufliches Standbein aufbauen, wenn sie langfristig gut über die Runden kommen will. Aber sie freut sich darauf. Trotzdem.
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