Während Russland offenbar eine Frühjahrsoffensive startet, fährt Anna in Städte unter Beschuss, um Menschen zu retten. Viele steigen mit nur einer Tasche zu ihr ins Auto – und wissen: Sie kommen wahrscheinlich nie zurück.
Es ist eine sinnstiftende Arbeit, die lebensgefährlich ist: Menschen aus einem Kriegsgebiet zu evakuieren. Anna Elsbernd hat sich das mit ihrer Nichtregierungsorganisation Universal Aid Ukraine zur Aufgabe gemacht.
Anna ist 26 Jahre alt und kommt aus Münster. Heute lebt sie im Donbass, im Osten der Ukraine. Die Region ist reich an Kohle und Industrie – Russland beansprucht sie für sich. "Der Donbass ist für die Russen zentral. Sie wollen ihn unbedingt erobern", erklärt Anna.
Mithelfen statt Party machen
Dass sie nun in der Ostukraine lebt und Menschen hilft, hat sich eher zufällig ergeben, erzählt Anna. Im Februar 2022 leitet sie eine Organisation für Flüchtlinge im Nordfrankreich und will mit Freunden einen Partyurlaub in Kiew verbringen.
Dann beginnt plötzlich der russische Angriffskrieg. Anna sieht Bilder von Menschen auf der Flucht, die in Schlangen anstehen. Sie überkommt das Gefühl, dass sie mithelfen muss, dass sie es der Situation schuldig ist, sagt sie.
Mit gepanzertem Auto Menschen evakuieren
Anfangs transportiert Anna lebenswichtige Hilfsgüter durch die Ukraine. Zeitgleich schießt sie ihr Bachelorstudium mit den Schwerpunkten Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsstudien sowie einen Master in Krisen- und Sicherheitsmanagement ab. Vor etwa zwei Jahren legt sie den Hauptfokus ihrer NGO (Non-governmental Organization / Nichtregierungsorganisation) darauf, Menschen aus Städten nahe der Front zu evakuieren.
Vier Jahre dauert der Krieg schon
Die Zermürbung durch den anhaltende Krieg, die bedrohlichen Offensiven von russischen Drohnen und die zweifelhafte Frage, ob und wann die Kämpfe enden werden – all das zwingt viele Menschen zur Flucht. Annas größter Wunsch ist es, dass sie ihren Job verliert, weil die Menschen wieder in Frieden im Donbass leben können.
"Ich wäre der glücklichste Mensch der Welt, wenn meine Arbeit irgendwann unnötig wäre. Also ich wäre sehr, sehr froh, meinen Job zu verlieren.“
Zu Annas täglicher Ausstattung gehören eine schusssichere Weste, schützende Ergänzungen für die Kleidung, ein Helm und eine Schutzbrille. Das Auto, mit dem sie unterwegs auf Rettungsmissionen ist, ist gepanzert und mit einem sogenannten Drohnen-Jammer ausgestattet, der die Frequenz von sich nähernden Drohnen stören kann. Dass die Autos von Schüssen getroffen werden, ist in den letzten Jahren schon mehrfach vorkommen.
"Seit etwa zwei Jahren liegt unser Hauptfokus auf der zivilen Evakuierung. Das heißt: Wir fahren in Gegenden an der direkten Front, um Zivilisten in Sicherheit zu evakuieren.“
Vor einiger Zeit sind Anna und ihre Helfer zum Teil noch viele Kilometer gefahren, um Menschen zu evakuieren. Inzwischen rückt das Kriegsgeschehen immer näher, erzählt sie. Sie muss nun zum Teil Menschen aus ihrer direkten Nachbarschaft in der ukrainischen Stadt Kramatorsk zur Flucht überreden. "Momentan geht es noch", sagt sie, "aber bald müssen wir uns selbst evakuieren."
Aufhören? Nicht vorstellbar!
Auch wenn ihre Arbeit gefährlich ist, kann sie es sich nicht vorstellen, nicht vor Ort zu sein, um aktiv zu helfen. Es sei zwar mehr Glück als Können, aber sie habe ein Gefühl für die Situation entwickelt. Sie wisse meist intuitiv, wie sie wann handeln muss. Ein Grund mehr für sie, weiter in der Ostukraine zu bleiben und Menschen zu evakuieren.
"Mittlerweile könnte ich es mir nicht mehr anders vorstellen. Ich mache diese aktive Frontevakuierungs-arbeit seit über zwei Jahren. Man hat einfach ein sehr gutes Gefühl dafür entwickelt, wie man wann zu handeln hat."
Über vier Jahre dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine inzwischen. Fast sechs Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind aus dem Land geflohen, rund 3,7 Millionen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Ein Fünftel der Ukraine steht unter russischer Besatzung. Nach wie vor wird schwer gekämpft. Es gibt eine etwa 1.000 Kilometer lange Frontlinie, an der vor allem die russischen Truppen nach wie vor Druck ausüben.
In den vergangenen Wochen und Monaten habe sich die Situation für die Ukraine aber verhältnismäßig stabilisiert, sagt die ARD-Korrespondentin Rebecca Barth, die die Lage vor Ort beobachtet. Die Truppen stehen unter massivem Druck, sagt sie, und haben nach wie vor die gleichen Probleme: Personalmangel und das Fehlen von Munition und Waffen. Dennoch sei es eine "stabil schwierige Lage", schätzt die Korrespondentin die aktuelle Situation in den umkämpften Gebieten ein.
Ukraine gleicht fehlendes Personal mit technischen Mitteln aus
Bei ihren Einschätzungen muss sich Rebecca Barth zum Teil auf die Aussagen der ukrainischen Regierung stützen. In einigen kleinen lokalen Frontabschnitten sei es der ukrainischen Armee gelungen, Gelände zurückzuerobern oder sogar etwas vorzurücken. Das seien zwar keine großen Entwicklungen, sagt die Korrespondentin, es zeige aber, dass die Ukraine den russischen Angriffen durchaus etwas entgegenzusetzen habe.
Die Ukraine hat sich vor einigen Jahren bereits das Ziel gesetzt, ihre Personalknappheit mit technologischen Mitteln auszugleichen. Zum aktuellen Zeitpunkt scheine dieser Plan für die Ukraine gut zu funktionieren, sagt Rebecca Barth.
Offenbar füge das ukrainische Militär den russischen Truppen sehr hohe Verluste zu. Manche Beobachter gehen davon aus, dass die russischen Verluste gerade höher sind als die Zahl der Soldaten, die monatlich eingezogen werden, sagt Rebecca Barth.
Druck auf Putin steigt
Die Arbeit der NGOs hält sie für wichtig, um Leute aus den Gebieten zu befreien. Bisher gebe es keine ernstzunehmenden Verhandlungen, aber der Druck auf die russische Regierung steige zunehmend, weil die Kosten, den Krieg weiterzuführen, gestiegen seien. Einige Beobachter sind daher inzwischen "vorsichtig optimistisch", was künftige Verhandlungen angehe, sagt unsere Korrespondentin.
"Die Idee dahinter war eben immer, die Kosten für die Weiterführung des Krieges müssen so hoch sein, dass man nicht mehr bereit ist, sie zu tragen, und sich nun auf ernstzunehmende Verhandlungen einlässt."
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