Laut neuem UN-Klimabericht steuern wir auf bis zu 2,8 Grad Erwärmung zu. Doch Forschende arbeiten daran, CO₂ wieder aus der Luft zu holen. Könnte uns diese Technik helfen, die Erde eines Tages wieder abzukühlen?
1,5 Grad Erderwärmung – nicht mehr. Das war das Ziel, auf das sich die Staaten 2015 bei der Pariser Klimakonferenz geeinigt haben. Um die Erderwärmung zu begrenzen, verpflichteten sie sich, die globale Durchschnittstemperatur auf deutlich unter zwei Grad, möglichst aber auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten.
Der vom UN-Umweltprogramm UNEP herausgebrachte Emissions Gap Report zeigt, wie unrealistisch dieses Ziel geworden ist. Inzwischen wird auf ein sogenanntes Overshoot-Szenario gesetzt. Damit ist gemeint, dass wir die 1,5-Grad-Grenze überschreiten. Das Ziel wäre dann, die Erderwärmung später wieder auf 1,5 Grad zu senken.
Um das zu schaffen, müssten weltweit Anstrengungen unternommen werden. Rund zwei Wochen vor der Weltklimakonferenz im türkischen Antalya appelliert der UN-Generalsekretär António Guterres an Regierungen weltweit.
"Die Emissionslücke ist mittlerweile zu einer Führungslücke geworden. Der Welt gehen die Zeit und die Ausreden aus, um sie zu schließen. Die Regierungen müssen viel weiter gehen und schneller handeln."
Die 1,5-Grad-Grenze wird wohl überschritten
Janina Schreiber ist Umwelt- und Klimajournalistin in der ARD-Klimaredaktion. Sie hat sich mit dem Bericht der UN auseinandergesetzt.
"Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass weltweit diese 1,5-Grad-Grenze Mitte der dreißiger Jahre dauerhaft überschritten wird."
Um langfristig unter 1,5 Grad Erderwärmung zu bleiben, müssten definitiv weniger Treibhausgase ausgestoßen werden. Doch das reiche nicht aus. "Tatsächlich würden wir das allein mit erneuerbaren Energien, mit dem Ausbau der Netze und der Batteriespeicher nicht mehr schaffen", sagt die Journalistin.
Ein weiterer Ansatz ist deshalb, CO₂ wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Eine natürliche Lösung besteht darin, dass Pflanzen durch Photosynthese CO₂ aus der Atmosphäre aufnehmen. Außerdem können der Humusaufbau in Böden gefördert und Moore wiedervernässt werden.
Darüber hinaus gibt es technische Lösungen, zum Beispiel das sogenannte Direct Air Capture. Dabei saugt eine Art Staubsauger CO₂ aus der Umgebungsluft an, erklärt Janina Schreiber. Eine andere Möglichkeit ist, CO₂ bei industriellen Verbrennungsprozessen direkt am Schornstein abzufangen und unterirdisch zu lagern. Das sei allerdings nur in begrenztem Umfang möglich und teuer.
"Der weltweite CO₂-Ausstoß liegt jährlich bei mehr als 54 Milliarden Tonnen. Das, was derzeit aus der Atmosphäre wieder rausgeholt wird, sind nur 0,1 Prozent davon."
CO₂ aus der Luft holen, wo es entsteht
Tilmann Neubert ist Klimawissenschaftler und erforscht an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, wie sich CO₂ aus der Luft einfangen lässt. Dabei sei es vor allem wichtig, unkomplizierte Verfahren zu entwickeln, die sich leicht in bestehende Systeme integrieren lassen, sagt er. Eine solche Lösung wird auch als Drop-in-Technologie bezeichnet.
Das könnten Reaktoren sein, die dort eingesetzt werden, wo sich CO₂ in der Luft anreichert. Denkbar wäre beispielsweise der Einsatz in Gebäuden, in denen viele Menschen zusammenkommen und durch ihre Atmung CO₂ ausstoßen. Die Reaktoren könnten in die Abluft solcher Gebäude integriert werden und das CO₂ aus der abgesaugten Luft entfernen.
"Wenn es diese Abluft-Reaktoren an ganz vielen Gebäuden gibt, macht das etwas aus. Ähnlich wie auf jedem Dach eine Fotovoltaikanlage stehen könnte."
Die Frage ist, wohin mit dem aufgefangenen CO₂? "Das ist einer der wichtigsten Aspekte unserer Forschung", sagt Tilmann Neubert.
Derzeit gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder man speichere das CO₂ unter der Erde. Allerdings sei das ähnlich wie bei Atommüll-Endlagern umstritten. Oder, die zweite Variante wäre, das CO₂ weiterzuverwenden.
"Es wäre ideal, wenn sich das CO₂ in ein höherwertiges Produkt umwandeln ließe, das wieder in den Kreislauf eintreten kann."
Als Beispiel nennt der Wissenschaftler E-Fuels, also synthetische Kraftstoffe. Allerdings würde der Kraftstoff bei seiner Verbrennung das CO₂ wieder in die Atmosphäre freisetzen. Der Kohlenstoffkreislauf würde dadurch erneut in Gang gesetzt. Daher komme man um die unterirdische Speicherung von CO₂ nicht herum.
"Das Entfernen von CO₂ ist ein hehres Ziel, und es wäre schön, wenn das funktioniert. Aber das Allererste, was ansteht, ist, mehr Emissionen zu vermeiden."
Gleichzeitig betont der Wissenschaftler, dass es keine Option sei, allein auf diese Technologien zu setzen. An erster Stelle müsse das Ziel stehen, weniger CO₂ auszustoßen. "Danach kommt der Ansatz, CO₂ dort abzufangen, wo es entsteht, weil das energetisch viel günstiger ist. Und erst an letzter Stelle steht der wirklich sehr komplizierte Vorgang, CO₂ aus der Luft einzufangen."
Klimaschutz bleibt unverzichtbar
Die technischen Lösungen sind also noch nicht so weit entwickelt, dass sie CO₂ in ausreichenden Mengen aus der Atmosphäre entfernen könnten. Außerdem sind sie teuer. Aus Sicht der Klimajournalistin Janina Schreiber sind sie deshalb nicht mehr als eine Notlösung. "Es wird auf den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas ankommen, um CO₂ weltweit zu vermeiden." Das sage auch der UN-Bericht.
"Der UN-Bericht liest sich wie ein Appell an Regierungen und Entscheidende weltweit. Denn die Treibhausgase steigen jedes Jahr."
Und tatsächlich tue sich etwas, beobachtet die Journalistin. Bei der Weltklimakonferenz 2025 in Brasilien habe sich eine große Gruppe von Ländern dafür eingesetzt, einen sogenannten Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Energien zu beschließen. Allerdings habe es dieser nicht ins Abschlussdokument geschafft.
Dafür habe es im Frühjahr 2026 in Kolumbien die erste weltweite Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Energien gegeben, an der auch Industrienationen wie Frankreich teilgenommen hätten. "Ein Wille ist also da", fasst die Journalistin zusammen. "Andererseits sind die Hindernisse extrem groß."
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