Schon 130 Lawinen-Tote: Im Winter 2025/26 sind europaweit so viele Menschen abseits der Pisten gestorben wie lange nicht. Sind Leichtsinn oder Witterung der Grund?
Ein Wochenende in Südtirol, Ende der Saison: Auf rund 2.450 Metern Höhe wird eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Tourengeher*innen von einer Lawine erfasst. Zwei Männer sterben noch am Unfallort, darunter ein Bergführer. Eine 26-Jährige erliegt später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Vier weitere Wintersportler – darunter drei Deutsche – werden teils schwer verletzt.
Solche Meldungen häufen sich 2025/26. Mindestens 127 Menschen sind europaweit bereits durch Lawinen ums Leben gekommen – allein 35 in Italien, 31 in Frankreich, 29 in Österreich, 15 in der Schweiz. Nur der Winter 2017/18 war mit 147 Toten noch schlimmer.
Zehn Minuten entscheiden über Leben und Tod
Ein Lawinenunglück passiert nicht auf Skipisten, sondern im freien Gelände. Häufig betroffen sind Skitourengeher*innen – also Menschen, die bewusst abseits gesicherter Bereiche unterwegs sind. Sie sind ausgestattet mit einem Verschütteten-Suchgerät und Schaufel. Sie wissen um das Risiko.
Wenn eine Lawine abgeht, zählt jede Minute, sagt Stefan Blochum, Bergretter und Ausbildungsleiter der Bergwacht Bayern.
"Man hat nur sehr wenig Zeit, um jemanden lebendig aus der Lawine zu retten, entsprechend hoch ist der Druck, schnell die richtigen Schritte einzuleiten."
Die meisten Verschütteten liegen gar nicht tief – oft nur etwa einen Meter unter der Oberfläche. Doch selbst diese Schneemenge reicht, um sich nicht mehr selbst befreien zu können. Ohne Hilfe sinken die Überlebenschancen rapide – nach etwa zehn Minuten wird es kritisch.
Stefan Blochum beschreibt, wie ein Einsatz abläuft: Erst der Überblick aus der Luft, dann die Suche: Wo könnte jemand liegen? Ragt irgendwo ein Ski heraus, ein Rucksack oder sogar ein Lawinen-Airbag? Danach beginnt sofort die Suche mit dem LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät). Parallel suchen Augen und Ohren mit. Jeder Hinweis zählt. Und jede Minute.
Kein Leichtsinn, sondern Risiko
Trotz der vielen Unglücke sieht Stefan Blochum kein grundsätzliches Problem von wachsender Leichtsinnigkeit. "Ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen leichtsinniger geworden sind", sagt er. Doch klar sei: Wer mitten in einer Lawine erfasst wird, hat kaum eine Chance, sich selbst zu retten.
"Rausfahren funktioniert höchstens am Lawinenrand, aber wenn man mittendrin ist, dann geht da nichts mehr."
Wovon wir hier nicht sprechen: gesicherte Pisten
Wichtig ist die Einordnung: Die aktuelle Lawinengefahr betrifft nicht den klassischen Skiurlaub auf präparierten Pisten. Thomas Feistl von der Lawinenwarnzentrale im Bayerischen Landesamt für Umwelt betont: "Skipisten werden überwacht. Sie werden nur geöffnet, wenn keine Gefahr besteht."
Tödliche Lawinenabgänge auf gesicherten Pisten seien extrem selten. In Bayern habe es seit rund 60 Jahren keinen solchen Fall mehr gegeben. Die Risiken entstehen dort, wo Menschen bewusst ins freie Gelände gehen.
Winter 2025/26: gefährlicher Aufbau der Schneedecke
Laut Thomas Feistl liegt die Ursache für die überdurchschnittlich vielen Lawinenunglücke und -opfer im Schnee selbst. Es sei in großen Teilen der Alpen zu einem schlechten Schneedeckenaufbau gekommen. "Der frühe Winter war trocken und kalt. Der wenige Schnee, der lag, verwandelte sich in grobkörnige Kristalle." Die bilden eine instabile Schwachschicht. Später fiel zwar neuer Schnee darauf, doch die darunterliegenden Kristallschichten können leicht brechen.
"Dann kollabiert die Schwachschicht, und der Bruch setzt sich über den Hang fort – das ist die typische Schneebrettlawine."
"Die so entstehende Schneebrettlawine ist für viele Unfälle verantwortlich", sagt Thomas Feistl. Und das Tragische: "Sie kann von den Wintersportler*innen selbst ausgelöst werden."
Mehr Menschen, mehr Risiko
Hinzu komme ein zweiter Faktor: Es seien schlicht mehr Menschen unterwegs. "Die Zahl der Tourengeher hat sich in den letzten zehn Jahren etwa verdoppelt", so Thomas Feistl.
Mehr Menschen im Gelände bedeuten auch mehr potenzielle Auslöser – vor allem an Wochenenden mit gutem Wetter und gleichzeitig hoher Lawinengefahr. "Diese Kombination führt regelmäßig zu vielen Unfällen. Dieses Jahr ist es besonders ausgeprägt."
Klimawandel? Nicht die direkte Ursache
Naheliegend wäre, den Klimawandel als Ursache heranzuziehen, schließlich war der Winter zu Beginn ungewöhnlich trocken. Doch Thomas Feistl widerspricht: Die Lawinensituation dieses Winters lasse sich nicht direkt darauf zurückführen, "das ist eine Einschätzung, die wir Warndienste in ganz Europa kürzlich in einem Meeting mitgeteilt bekommen haben."
Und dennoch spielt der Klimawandel indirekt eine Rolle: Weniger Schnee in tieferen Lagen bedeutet, dass viele Wintersportler*innen in höhere Regionen ausweichen. Dort liegt zwar mehr Schnee, aber dort ist auch das Risiko höher.
Planung kann Leben retten
Ein Restrisiko bleibt immer, betont auch Thomas Feistl: "Jeder hat das Recht, Risiko einzugehen." Doch das meine nicht, verantwortungslos loszuziehen.
Auch Stefan Blochum unterstreicht, wie wichtig Planung ist. Vor jeder Tour sollten Wetterbericht und Lawinenlagebericht gecheckt werden – und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder unterwegs. Ebenso wichtig: dass alle in der Gruppe wissen, was im Notfall zu tun ist.
"Wer ins Gelände geht, sollte sich der Konsequenzen bewusst sein. Gute Vorbereitung ist entscheidend – von der Ausrüstung bis zum Training."
Im Ernstfall beginnt die Rettung nicht erst mit der Bergwacht, betont Stefan Blochum. Kameradenrettung sei entscheidend – oft sind es die Begleiter*innen, die die ersten und wichtigsten Minuten überbrücken.
Und manchmal, sagt Stefan Blochum, der selbst leidenschaftlicher Bergsteiger und Bergführer ist, bedeutet gute Planung auch: umkehren. "Wenn ein Hang zu gefährlich ist und sich nicht umgehen lässt, gilt eine klare Regel: bis hierhin – und nicht weiter," sagt er.
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