Vapen lassen sich nicht nur Nikotin mit fruchtigem Melonenduft, sondern auch synthetische Cannabinoide mit hohem Suchtpotenzial. Die sind eigentlich illegal, trotzdem häufig günstig zu kaufen. Wir klären, warum Ballerliquids so gefährlich sind.
Sie heißen Ballerliquid, Görke oder Django und können in E-Zigaretten geraucht werden. Es geht um synthetische Cannabinoide, die um ein Vielfaches stärker sein können als herkömmliches THC. Polizei und Beratungsstellen warnen davor, dass vor allem Jugendliche immer wieder im Krankenhaus landen, weil sie das Zeug vapen.
Berichte von Todesfällen in Zusammenhang mit Ballerliquids
Ein trauriger Fall war eine 16-jährige Schülerin aus Norddeutschland, die 2024 nach einem Zug an einem Vape im Klassenzimmer fast starb. Das ZDF berichtete darüber und zitierte einen Freiburger Toxikologen, der sogar von sieben Todesfällen durch Ballerliquids in den vergangenen zwei Jahren sprach.
"Ein Toxikologe sprach in einem Interview von sieben Todesfällen in Zusammenhang mit Ballerliquiden."
In Hessen wurde im Sommer der Fall von einem Mitte-Zwanzig-Jährigen bekannt, der nach dem Vapen von Ballerliquid kollabierte und starb. Solche Schlagzeilen gibt es immer wieder, berichtet unsere Reporterin Anne-Katrin Eutin.
Deutlicher Konsum-Anstieg
Zwar handelt es sich um Einzelfälle, doch Landeskriminalämter in NRW und Hessen sowie Suchtberatungsstellen berichten übereinstimmend von einem deutlichen Anstieg des Konsums. Konkrete Zahlen fehlen jedoch. Einen verlässlichen Überblick gibt es nicht, da meist nur extreme Fälle erfasst werden, wenn sie polizeilich bekannt werden.
Eine Suchtberaterin berichtet, dass inzwischen alle ihre Klientinnen und Klienten – unabhängig von der Hauptdroge – auch Ballerliquids konsumieren oder konsumiert haben. Besonders in drogenaffinen Kreisen scheinen sie extrem verbreitet.
"Ich würde es auf eine Etappe mit Heroin setzen, weil es dich zu einem anderen Menschen macht. Ich habe Freunde, die daran kaputtgegangen sind."
In einem Beitrag vom Hessischen Rundfunk beschreibt ein junger Mann Ballerliquids als extrem gefährlich und vergleicht sie mit Heroin. Er berichtet von Freunden, die daran zerbrochen seien, Psychosen entwickelt hätten und in der Psychiatrie landeten. Der Ausstieg sei sehr schwer.
Im Gegensatz zu Heroin ist das Vapen von Ballerliquids extrem niedrigschwellig: keine Spritzen, kein klassisches Drogenmilieu. Es wird eher wie Kiffen vermarktet und wirkt dadurch harmlos. So spricht es kein typisches Junkie-Klientel an, sondern erreicht eine viel breitere Zielgruppe.
"Das sei so ne richtige Schulhofdroge, weil Vapen so extrem beliebt ist bei Jugendlichen."
Vor allem sehr junge Menschen, oft Minderjährige, konsumieren die Substanz. Es gilt als Schulhofdroge, sagt Anne-Katrin, da Vapen bei Jugendlichen extrem verbreitet ist. Begünstigt wird das auch durch den niedrigen Preis: Ein Fläschchen kostet etwa zehn bis zwanzig Euro und reicht teils wochenlang. Viele wissen nicht, was genau sie konsumieren.
Synthetische Cannabinoide teils 100-mal stärker als THC
Synthetische Cannabinoide gibt es in vielen Varianten mit sehr unterschiedlicher Wirkung. Mit Cannabis haben sie trotz des Namens kaum etwas zu tun: Es sind im Labor hergestellte Stoffe, die teils bis zu hundertmal stärker wirken als THC, so die Suchtberaterin Stefanie Bösch. Sie beobachtet die Risiken seit Jahren und warnt vor der extrem hohen Potenz.
"Es sind viele unterschiedliche Substanzen, die teilweise hundertmal stärker wirken als herkömmliches THC."
Vor allem die extrem hohe Potenz synthetischer Cannabinoide, sei gefährlich und die Abhängigkeitsentwicklung deutlich stärker als bei THC – psychisch wie körperlich. Ein minderjähriger Klient der Suchttherapeutin habe es nicht einmal geschafft, einen 50-minütigen Gesprächstermin durchzuhalten, weil der Konsumdruck so hoch war, dass er zwischendurch nachkonsumieren musste.
Starke Entzugserscheinungen und unberechenbare Wirkung
Viele Betroffene berichten laut Bösch von massiven Entzugssymptomen: starkes Schwitzen, Zittern, grippeähnliche Beschwerden. Manche müssten nachts aufstehen, um erneut zu konsumieren, weil sie es sonst kaum aushalten würden. Selbst Menschen mit anderen Drogenerfahrungen würden den Entzug synthetischer Cannabinoide als besonders heftig und belastend beschreiben.
"Schwitzen, Zittern, Grippe-ähnlichen Symptome. Auch psychische Symptome, extreme Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmungen."
Neben körperlichen Symptomen treten häufig starke psychische Effekte auf: Stimmungsschwankungen, depressive Phasen und ein hohes Psychoserisiko. Die Gefahr steige auch, weil sich die Stoffe stark in ihrer Potenz unterscheiden. Jugendliche würden sich aus Spaß die Vapes weiterreichen. Werde dann unerwartet ein sehr starkes Cannabinoid konsumiert, könne das zu extremen, unvorbereiteten Rauscherlebnissen mit schweren Folgen führen.
Erhältlich seien die Substanzen nicht nur online, sondern teilweise auch in Automaten, in denen eigentlich Cannabis-CBD-Produkte stecken. Für Konsumierende sei oft nicht erkennbar, was tatsächlich enthalten ist – das erhöhe die Gefahr unbeabsichtigten Konsums.
"Ich habe einen Tiktok-Channel, wo ich über psychoaktive Substanzen aufkläre, da lösche ich regelmäßig Dealerkommentare."
Besonders problematisch sei die Rolle sozialer Netzwerke. Auf ihrem Tiktok-Kanal zur Drogenaufklärung müsse sie regelmäßig Dealerkommentare löschen. Sowohl junge Menschen würden aktiv nach Substanzen suchen als auch Händler offen Angebote posten.
Synthetische Cannabinoide - Gesetzgebung hinkt hinterher
Auch ein Drug-Checking-Labor bestätigt: In vielen Proben stecken andere Inhaltsstoffe als angegeben, oft auch synthetische Cannabinoide. Rechtlich greift hier das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) sowie das Neue-Psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG), die gefährliche synthetische Drogen verbieten. Doch die Einordnung ist komplex und aufwendig.
Die Suchttherapeutin sagt, einige synthetische Cannabinoide fallen unter das BtMG, andere unter das neue Gesetz. Problematisch sei, dass ständig neue Stoffe auftauchen. Jede Substanz müsse analysiert werden, um zu prüfen, ob sie abgedeckt ist. Stoffe außerhalb bestehender Gruppen erfordern Gesetzesänderungen, was den Analyseaufwand enorm erhöht.
Schwierige Nachweisbarkeit als Konsum-Anreiz
Synthetische Cannabinoide seien deutlich schwerer nachzuweisen als THC, sagt Stefanie Bösch. Während THC einfach über Urintests festgestellt werde, gelinge der Nachweis synthetischer Stoffe meist nur in teuren Speziallaboren. Das mache sie für Konsumierende attraktiv, da sie hoffen, Strafverfolgung oder Führerscheinprobleme zu umgehen, wenn keine gezielten Tests durchgeführt werden.
"Die Nachweisbarkeit synthetischer Cannabinoiden geht in der Regel nur bei Speziallabors und ist sehr teuer. Deswegen ist das für Konsumenten so attraktiv."
Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de
