Gehen, bleiben, zurückkommen: Drei Geschichten aus einem Land, das schrumpft. Vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern fragen wir, warum so viele das Bundesland verlassen, was sich ändern müsste – und welche Gründe es fürs Zurückkommen gibt.
Olivia ist 15 Jahre alt. Sie geht noch zur Schule, in Teterow: Das liegt ganz idyllisch in der mecklenburgischen Schweiz, direkt an einem See. Es gibt dort eine hübsch restaurierte Altstadt. Und auch wirtschaftlich gesehen geht es dem Ort nicht so schlecht - die Arbeitslosenquote liegt bei ungefähr 6 Prozent.
Trotzdem weiß Olivia schon jetzt, dass sie aus Mecklenburg-Vorpommern wegziehen möchte. Zuerst will sie ein Auslandsjahr machen, dann an der Uni studieren. Aber nicht in Rostock, der nächstgelegenen Uni-Stadt, sondern in München oder Kopenhagen.
"Wenn ich mein Abitur habe, möchte ich auf jeden Fall studieren - in München oder in Kopenhagen."
So wie Olivia verlassen viele das Bundesland: Seit 2000 ist die Bevölkerung in MV um rund 11 Prozent geschrumpft. Viele junge Menschen gehen weg und die Alten bleiben zurück. Dazu kommt noch der demografische Wandel, der ganz Deutschland betrifft, also das immer weniger Kinder geboren werden. Die Bevölkerung von Mecklenburg-Vorpommern könnte bis 2050 um 200.000 Menschen zurückgehen. Das hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ausgerechnet
Wenn ein Bundesland überaltert
Was bedeutet es für ein Bundesland, wenn es immer älter wird? Heinrich Pfeiffer ist unser Landeskorrespondent in Mecklenburg-Vorpommern und er sagt, besonders im Tourismus kann er das bemerken - in den Ostseedörfern und Städten und den dortigen Restaurants: "Das kannst du dir dann so vorstellen , dass es einfach viel weniger Kellner gibt, die zu dir an den Tisch kommen." Vielerorts bestellt man direkt am Tresen und bedient sich selbst.
"Ganz viele gehen natürlich nach Schleswig-Holstein, nach Hamburg. Und dann haben wir diese Abwanderung, von der wir sprechen müssen."
Ein überaltertes Bundesland wie MV ist für viele junge Leute weniger attraktiv, meint unser Korrespondent. Weil es weniger kulturelle Angebote für Jugendliche gibt oder sie sich weniger gehört fühlen. Viele zieht es dann zur Ausbildung oder zum Studium in die größeren Städte oder in andere Bundesländer.
Nur wenige kommen zurück
Christian gehört auch zu denjenigen, die Mecklenburg-Vorpommern den Rücken gekehrt haben. Aber: Er ist zurückgekommen, hat sich in Vorpommern selbstständig gemacht und baut jetzt auf dem familieneigenen Hof Früchte an. Seine Produkte verkauft er auf dem Markt.
"Ich glaube, von denen, die ich so kenne, bin ich der einzige, der wieder zurückgekommen ist", sagt Christian. Ihm hat es in seiner Heimat immer schon gut gefallen. Studiert hat er in Rostock, für den Job ist er dann aber nach Kassel gezogen. Irgendwann wollte er trotzdem wieder zurück. Er brauchte einen Wechsel, meint er. Und damit ist er eher eine Ausnahme.
"Mit denen ich zusammen studiert habe, da wohnen alle nicht mehr in Mecklenburg-Vorpommern."
Den demografischen Wandel bekommt auch er zu spüren: Es gibt weniger Leute, die auf dem Markt verkaufen wollen, sagt er. Und mit seinen 43 Jahren sei er noch einer der Jüngeren. Auch im Kindergarten macht sich die Überalterung bemerkbar. Bei weniger Nachwuchs können manche Gruppen dort nicht mehr besetzt werden und einige Erzieher mussten sogar gehen, erzählt Christian.
Tausche Lübeck gegen Haus am See
Dennoch gibt es gute Gründe nach Mecklenburg-Vorpommern zu ziehen, selbst wenn man nicht von dort kommt. Beispielsweise für Katharina, die jetzt in Sommersdorf, direkt an der Mecklenburgischen Seenplatte, einen Neuanfang versucht. Die Landschaft dort ist wunderschön, sagt sie. Und die Mietpreise sind um einiges günstiger als in Lübeck, wo sie vorher gelebt hat.
"Wer jetzt in Hamburg Kinder kriegt, der findet nicht mehr so gut eine Wohnung. Dann geht es erst nach Lübeck, und wenn das dann nicht mehr so richtig funktioniert, dann geht es halt noch weiter."
Dass es in Sommersdorf weniger Infrastruktur, weniger Ärzte oder Kultur als in großen Städten gibt, war Katharina schon vorher klar und hat sie nicht vom Umzug abgehalten. Sorge macht ihr aber eher das politische Klima, und was bei der anstehenden Wahl in MV herauskommen wird: "Ich hoffe einfach, dass es diesmal noch eine stabile Regierung gibt, die nicht rechtsgerichtet oder rechtsextrem ist", sagt sie.
"Die Politik muss sich schon nochmal Gedanken machen: Wie gehen wir mit dieser überalterten Gesellschaft um? Wie kriegen wir das gehandelt?"
Die wenigen Zugewanderten, die wie Katharina nach Mecklenburg-Vorpommern kommen, können den Bevölkerungsrückgang im Land nicht aufhalten, sagt Korrespondent Heinrich Pfeiffer. Und darum müsse sich auch die Politik Gedanken machen, wie sie reagieren kann.
Finanzielle Anreize, neue Jobs
Fast jede Partei habe dazu Ideen - das geht von der Bezuschussung des Führerscheins über einen Ausbau des ÖPNV bis hin zur Stärkungs von Jugendclubs.
Wenn es aber darum geht, die Menschen zu halten, dann spielt auch immer die Wirtschaft und die Frage nach Arbeitsplätzen eine wichtige Rolle. Und da tut sich einiges, so unser Korrespondent: Denn bei den Werften in der Region seien die Auftragsbücher derzeit voll, jede Menge neue Arbeitsplätze sollen entstehen. "Und jetzt gibt es so ein richtiges Aufatmen."
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