Finanzminister Lars Klingbeil verspricht: Künftig sollen vor allem Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen weniger Steuern zahlen. Wie viel Geld würde das ausmachen? Und stimmt das wirklich?
Zehn Milliarden Euro Entlastung in zwei Jahren – das verspricht Finanzminister Lars Klingbeil mit seiner Einkommensteuerreform. Das Bundeskabinett hat den Entwurf beschlossen. Jetzt müssen noch Bundestag und Bundesrat zustimmen.
"Busfahrer und Polizeibeamte, Pflegekräfte und Erzieherinnen – die sollen, nachdem das Leben in den letzten Jahren doch teurer geworden ist, am Ende des Monats mehr Geld in der Tasche haben."
Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen sowie Familien sollen profitieren. Dafür soll unter anderem der steuerliche Grundfreibetrag steigen. Auch die Grenzen, ab denen höhere Steuersätze greifen, werden verschoben. Sehr hohe Einkommen sollen dagegen stärker belastet werden.
"Wir entlasten Klein- und mittlere Einkommen und vor allem nehmen wir Familien in den Fokus."
Wie viel von den geplanten Entlastungen tatsächlich auf dem Konto landet, hängt allerdings stark von Einkommen und Familiensituation ab.
Familien mit Kindern profitieren besonders
Steuerredakteur Jörg Leine vom Verbraucherportal Finanztip hat für Deutschlandfunk Nova drei Beispiele durchgerechnet.
Beispiel 1: Doppelverdiener-Paar mit Kindern
Ronny lebt mit seiner Partnerin und zwei Kindern zusammen. Gemeinsam verdienen sie rund 98.000 Euro brutto im Jahr. Nach Jörg Leines Berechnung hätte die Familie 2027 rund 400 Euro mehr zur Verfügung, 2028 wären es ungefähr 670 Euro. Einen großen Anteil daran hat das höhere Kindergeld.
"Zwei Kinder machen quasi die Hälfte der Entlastung aus."
Beispiel 2: Selbständiger Single ohne Kinder mit weniger Einkommen
Deutlich geringer fiele der Effekt bei Menschen ohne Kinder aus: Sky ist 21 Jahre alt, selbstständig und verdient rund 45.000 Euro im Jahr. Für ihn errechnet der Finanztip-Redakteur im ersten Jahr eine Entlastung von ungefähr 120 Euro – also etwa zehn Euro im Monat. 2028 wären es etwa 160 Euro.
Beispiel 3: Selbständiger Single ohne Kinder mit mehr Einkommen
Max verdient mit Bonus rund 90.000 Euro brutto im Jahr, ist Single und hat keine Kinder. Bei ihm könnten im ersten Jahr ungefähr 200 Euro zusätzlich übrig bleiben, 2028 etwas mehr als 300 Euro.
Fazit: Grundsätzlich können viele Steuerzahlende profitieren. Besonders groß ist der Effekt aber für Familien mit Kindern. Wer so wenig verdient, dass ohnehin keine Einkommensteuer anfällt, hat dagegen von der eigentlichen Steuerreform nichts. Das betrifft beispielsweise viele Menschen mit Minijobs.
Das Problem mit der kalten Progression
Genau an diesem Punkt beginnt auch der Streit innerhalb der Bundesregierung. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche kritisiert, dass die sogenannte kalte Progression nicht ausreichend ausgeglichen werde.
Kalte Progression entsteht, wenn das Gehalt zwar steigt, gleichzeitig aber auch Inflation und Steuerbelastung zunehmen. Wer beispielsweise drei Prozent mehr Lohn bekommt, kann dadurch in einen Bereich mit einem höheren Steuersatz rutschen. Liegt die Inflation ebenfalls bei drei Prozent, bleibt real möglicherweise trotzdem weniger Kaufkraft übrig.
In den vergangenen Jahren wurden deshalb die Grenzen des Einkommensteuertarifs regelmäßig an die Inflation angepasst. Genau diesen vollständigen Ausgleich vermisst Jörg Leine bei der geplanten Reform.
"Viele Leute werden tatsächlich zwar erstmal mehr auf dem Konto haben, also weniger Steuern zahlen, sie haben aber eigentlich weniger Geld zum Ausgeben."
Auf dem Gehaltszettel kann die Reform also zunächst wie eine Entlastung aussehen. Ob Menschen sich von dem zusätzlichen Geld tatsächlich mehr leisten können, hängt aber auch davon ab, wie stark die Preise steigen.
Bei Spitzenverdienenden dreht sich der Effekt schließlich um. Bislang gilt der höchste Steuersatz von 45 Prozent ab einem zu versteuernden Einkommen von rund 280.000 Euro. Nach den Plänen soll dieser Satz künftig bereits ab etwa 250.000 Euro greifen.
Sehr hohe Einkommen zahlen mehr
Ab rund 280.000 Euro soll außerdem ein neuer Steuersatz von 47 Prozent gelten. Wichtig dabei: Der höhere Satz wird nicht auf das gesamte Einkommen fällig, sondern nur auf den Teil, der oberhalb der jeweiligen Grenze liegt.
Für Menschen mit sehr hohen Einkommen bedeutet die Reform deshalb tatsächlich höhere Steuern. Für kleine und mittlere Einkommen dagegen meist eine Entlastung – allerdings häufig um deutlich kleinere Beträge, als die Gesamtsumme von zehn Milliarden Euro zunächst vermuten lässt.
Für Jörg Leine wäre deshalb vor allem eine Änderung wichtig: Der Einkommensteuertarif müsste konsequent an die Inflation angepasst werden. Nur dann würde eine Gehaltserhöhung nicht teilweise durch Inflation und höhere Steuerbelastung wieder aufgezehrt.
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