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Die AfD feiert bundesweit Umfrage-Erfolge. In Sachsen-Anhalt liegt sie bei 41 Prozent. Etablierte Parteien hinken hinterher. Pauls Verein will Demokratie fördern – ohne zu einer Partei zu gehören. Er sagt: "Ich will kein Anti-AfD-Verein sein."

Wäre am Sonntag (10. Mai 2026) Bundestagswahl gewesen, hätten 27 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihre Stimme der AfD gegeben, 24 Prozent der Union und 12 Prozent der SPD. Das zeigt der ARD-Deutschlandtrend, eine aktuelle Umfrage von Infratest dimap.

In Sachsen-Anhalt liegt die AfD vier Monate vor der Landtagswahl sogar noch deutlicher vorn: Laut Sachsen-Anhalt-Trend würden sich dort derzeit 41 Prozent für die Partei entscheiden.

Politologin: AfD mobilisiert Ängste

Warum die AfD so stark an Zustimmung gewinnt, erklärt die Politologin Anna-Sophie Heinze. Sie forscht an der Universität Lüneburg zu Demokratie und Parteien sowie zur radikalen und extremen Rechten.

Für das Umfrage-Hoch gebe es mehrere Gründe: Die AfD profitiere seit Jahren davon, dass sie im öffentlichen und medialen Diskurs sehr präsent sei. Zudem reagierten andere Parteien häufig hektisch oder übernähmen Themen der AfD — auch das spiele der Partei in die Hände. Gleichzeitig sei die AfD inzwischen deutlich professioneller organisiert und verstehe es immer besser, gesellschaftliche Unzufriedenheit und politische Stimmungen aufzugreifen.

"Sie ist eine Partei, die es schafft, die Ängste der Menschen und fehlendes Vertrauen in die Demokratie zu mobilisieren."
Anna-Sophie Heinze, Politologin

Dazu gehörten etwa Frust über die Bundesregierung, Ängste vieler Menschen oder schwindendes Vertrauen in demokratische Institutionen. Diese Einstellungen gebe es zwar schon länger, sagt Anna-Sophie Heinze, die AfD greife sie aber gezielt auf und verstärke sie. Besonders stark profitiere die Partei auch von ihrer zunehmenden Normalisierung: Positionen und Themen der AfD rückten immer stärker in den gesellschaftlichen Mainstream, beobachtet die Politikwissenschaftlerin.

AfD profitiert von Stimmung und Konflikten

Ein Jahr nach Amtsantritt der Bundesregierung fällt die Bilanz aus Sicht der Politologin eher ernüchternd aus: Das Ziel von Kanzler Merz, die AfD deutlich zu schwächen, sei von Beginn an sehr ambitioniert gewesen. Der Erfolg der AfD habe viele Ursachen, das Auftreten der CDU und des Kanzlers sei nur ein Faktor unter mehreren.

Hinzu komme, dass die schwarz-rote Regierung in der Öffentlichkeit nicht als besonders geschlossen oder erfolgreich wahrgenommen werde. Streit innerhalb der Koalition und öffentliche Konflikte böten der AfD zusätzliche Angriffsflächen. Anna-Sophie Heinze betont: Je besser eine Regierung arbeite und je weniger sie sich öffentlich zerstreite, desto schwieriger sei es für Oppositionsparteien, Unzufriedenheit zu nutzen. Genau das spiele der AfD derzeit in die Hände.

"Mit solchen Übernahmestrategien können konservative Parteien Wähler und Wählerinnen von Rechtsaußen nicht zurückgewinnen."
Anna-Sophie Heinze, Politologin

Die CDU habe zudem vor dem Problem, sich glaubwürdig von der AfD abzugrenzen. Die Politikwissenschaftlerin warnt davor, Forderungen, Themen oder Sprachmuster der AfD zu übernehmen. Genau das habe es in den vergangenen Monaten aber immer wieder gegeben – etwa in Debatten über das Stadtbild oder in der Rhetorik über Geflüchtete.

Aus der Forschung sei bekannt, dass konservative Parteien mit solchen Strategien kaum Wählerinnen und Wähler von Rechtsaußen zurückholten. Stattdessen würden Positionen der AfD normalisiert und gesellschaftlich legitimiert.

Streit in der CDU-Regierung und strategische Fehler

In Sachsen-Anhalt überrascht die hohe Zustimmung zur AfD die Politologin nicht. Die Partei sei in Ostdeutschland von Anfang an stärker gewesen. Besonders das Gefühl vieler Menschen, als Ostdeutsche benachteiligt oder Bürger zweiter Klasse zu sein, habe die AfD erfolgreich aufgegriffen und politisch genutzt.

"Das Framing, man sei Bürger zweiter Klasse und irgendwie benachteiligt, ist in Ostdeutschland extrem gut aufgegangen."
Anna-Sophie Heinze, Politologin

Hinzu komme, dass die Bindung an klassische Volksparteien wie CDU oder SPD in Ostdeutschland deutlich schwächer sei als im Westen. Dadurch gebe es mehr Wechselwählerinnen und Wechselwähler. Gerade in Sachsen-Anhalt spiele diese politische Volatilität seit Jahren eine große Rolle. Die AfD treffe dort deshalb auf ein offeneres politisches Umfeld.

Auch sei die Normalisierung rechter Positionen in vielen ostdeutschen Regionen weiter fortgeschritten. Die AfD sei vor Ort stärker verankert, etwa durch kommunale Mandate, Bürgermeister, lokale Netzwerke oder auf Familienfesten. Viele Menschen begegneten der Partei inzwischen im Alltag. Trotzdem gebe es weiterhin eine große Mehrheit, die sich nicht vorstellen könne, AfD zu wählen. Das könne die Regierungsbildung im Herbst schwierig machen.

Alltagsprobleme und politisches Vakuum auf dem Land

Paul Schweidler hat in Pretsch an der Elbe den Verein "Kollektiv für Verbesserung" gegründet, um Menschen wieder stärker miteinander ins Gespräch zu bringen – unabhängig von ihrer politischen Haltung.

Bei Straßenfesten oder Grillabenden gehe es in seiner Gegend oft um ganz alltägliche Sorgen: den schlechten Nahverkehr, fehlende Anbindung und das Gefühl vieler Menschen, auf dem Land abgehängt zu sein. Gleichzeitig kreisten viele Gespräche um die Vergangenheit – darum, dass die Region früher lebendiger gewesen sei und wirtschaftlich stärker floriert habe als heute.

"Es fehlt an einem Angebot, es fehlt an irgendjemandem, der die Menschen bei dem Gefühl abholt: Hey, wir sind hier irgendwie abgehängt."
Paul Schweidler, Kollektiv für Verbesserung

Was die Beliebtheit der AfD in seiner Gegend betrifft, hätten die etablierten Parteien oft versäumt, ein wahrnehmbares Angebot für die Menschen zu schaffen. Er wolle die AfD-Wahl nicht relativieren, aber es fehle vielen Menschen ein politischer Ansprechpartner für das Gefühl, abgehängt zu sein.

Politik wird Pauls Meinung nach auch häufig aus den Städten heraus gedacht, komme im ländlichen Raum aber kaum an. Zudem seien viele Debatten zu akademisch und zu weit entfernt vom Alltag der Menschen.

Kollektiv für Verbesserung: Lokale Projekte statt Anti-AfD-Strategie

Die AfD-Ergebnisse auf Bundes- und Landesebene möchte sein Verein nicht zum zentralen Thema machen. Man verstehe sich bewusst nicht als Anti-AfD-Initiative und er selbst sei keiner Partei beigetreten, um keine zusätzlichen Fronten aufzubauen. Wichtig sei, die Hürden für Begegnung möglichst niedrig zu halten und nicht über politische Abgrenzung zu arbeiten.

Stattdessen versuche der Verein, konkrete Angebote vor Ort zu schaffen, die sonst eher von der AfD aufgegriffen würden. "Vielleicht machen wir auch mal eine Simson-Sternfahrt", meint Paul. Außerdem wolle man den Begriff von Heimat stärken und positiv besetzen – als etwas Verbindendes, aber auch Offenes, das Menschen zusammenbringe und zeige, wie lebenswert die Region sein kann.

"Ich hätte gerne eine Heimatverbundenheit, die auch offen ist, wo man sagt: Guck, es ist so schön hier!"
Paul Schweidler, Kollektiv für Verbesserung

Paul weiß, dass sich nicht alle Menschen wieder zusammenbringen lassen. Wichtiger sei es, ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, und das Gefühl zu vermitteln, dass sich vor Ort überhaupt noch jemand kümmert und Dinge selbst gestaltbar sind.

Seine Kommune Bad Schmiedeberg habe die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland. Viele Projekte seien kaum noch umsetzbar. Selbst einfache Dinge wie das Pflanzen von Bäumen scheiterten oft an finanziellen und bürokratischen Hürden. Dieses Gefühl der Begrenzung präge viele Menschen stark. Deshalb sei es wichtig, lokale Selbstorganisation zu stärken: "Wir können uns um uns selber kümmern – aber nicht in so einer skurrilen Reichsbürgermanier, sondern ordentlich", so Paul.

Nicht nur Fakten, auch Gefühle wirken

Wenn Unzufriedenheit auf lokaler und sozialer Ebene abnimmt, könne das Vertrauen in die Demokratie gestärkt werden. Gute Politik sei dabei wichtig, aber nur ein Teil der Lösung, sagt die Politologin Anna-Sophie Heinze.

Beim Wahlverhalten spielten jedoch viele weitere Faktoren eine Rolle. Neben langfristigen Parteibindungen seien auch Themen, Kandidierende und persönliche Lebensumstände entscheidend. In Regionen mit wirtschaftlichen Problemen könne auch indirekt ein Gefühl entstehen, gefährdet zu sein. Diese sogenannte relative Deprivation könne politische Deutungen verstärken, etwa Sorgen über soziale Ungleichheit oder Migration.

"Es reicht nicht nur gute Politik. Man muss auch langfristig gegen die Normalisierung von Rechtsaußen vorgehen."
Anna-Sophie Heinze, Politologin

Solche Wahrnehmungen wirkten oft stärker als tatsächliche Verbesserungen, so Anna-Sophie Heinze. Gute Politik könne helfen, Menschen eher bei etablierten Parteien zu halten, reiche allein aber nicht aus. Zusätzlich brauche es langfristige Strategien gegen die Normalisierung rechter Parteien, stabile Parteistrukturen, mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein gestärktes Vertrauen in demokratische Institutionen.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
AfD im Umfragehoch
Woran CDU, SPD und Co. scheitern
vom 11. Mai 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner: 
Paul Schweidler, Kollektiv für Verbesserung
Gesprächspartnerin: 
Anna-Sophie Heinze, Politologin