Ein Jahr Friedrich Merz – und die Stimmung kippt. Friederike Sittler aus unserem Hauptstadtstudio beschreibt ihn so: "Außenpolitisch stark, innenpolitisch schwierig." Warum läuft es für Merz gerade nicht?
Sie haben eine Sache gemeinsam: das Sauerland, aus dem sie beide stammen. Er: Friedrich Merz, Mitglied der CDU und seit einem Jahr Bundeskanzler. Sie: Friederike Sittler, Journalistin und seit fast einem halben Jahr Leiterin des Deutschlandfunk-Hauptstadtstudios in Berlin.
Über Friedrich Merz berichtet sie schon länger. Ihr Job ist es, ihn zu beobachten sowie seine Art und Politik zu analysieren. Sittler begleitet Merz auch auf Reisen, zuletzt in die USA. Immer wieder erkennt sie dabei den Sauerländer in ihm.
"Wir im Sauerland sagen manchmal die Dinge frei von der Leber weg, streiten uns ein bisschen und geben uns hinterher die Hand. Das kommt mir bei Merz auch so vor."
"Merz hat lange darauf hingearbeitet, Kanzler zu werden", sagt Friederike Sittler. Es sei sein großes Ziel gewesen. Inzwischen sagt Merz selbst: "Es war klar, dass es schwierig wird." Doch dass die Umfragewerte so schlecht werden würden, hatte vermutlich auch er nicht erwartet.
Laut einem Ranking der "Bild"-Zeitung war er zuletzt der unbeliebteste Politiker Deutschlands. Andere Umfragen fallen etwas differenzierter aus, aber auch dort sieht es nicht gut aus – weder für die Koalition noch für Merz selbst. Friederike Sittler ist überzeugt: "Das wird auch ihn nicht unberührt lassen."
Weltlage, Koalition, Kommunikation – alles scheint schwierig
Dass es für Friedrich Merz gerade so schwierig läuft, hat laut der Journalistin mehrere Gründe. Einer davon sei die Weltlage. Krieg in der Ukraine, im Iran und zuvor in Gaza. Dazu die zweite Amtszeit von US-Präsident Donald Trump und dessen unvorhersehbare Politik. Gleichzeitig belasten steigende Energiepreise und die daraus folgende Unsicherheit in der Wirtschaft die Lage in Deutschland.
Hinzu kommt, dass sich die Koalition aus CDU, CSU und SPD, wie die Journalistin sagt, "in Streitigkeiten verliert, die nicht sein müssten".
"Man muss Friedrich Merz auch sagen: Du weißt, dass du außenpolitisch wahnsinnig viel zu tun hast. Dann sorge dafür, dass du innenpolitisch gute Leute hast. Doch genau da hapert es."
Was die Regierung auf den Weg gebracht hat
Innenpolitisch hapert es laut Friederike Sittler. Außenpolitisch hingegen tritt Merz ihrer Einschätzung nach erfolgreich auf: präsent, vernetzt und durchsetzungsfähig. "Er schafft auch diese Termine mit Donald Trump. Zwar würde man sich wünschen, er würde mal sagen: 'Donald, so geht das alles nicht.' Aber Merz hat sich eben für eine realpolitische Perspektive entschieden."
Zuden habe die Regierung innerhalb eines Jahre Folgendes auf den Weg gebracht:
- Einigung in der Migrationspolitik
- Gesetzentwurf zur Krankenhaus- und Krankenkassenreform
- Rentenreformen in Planung
- 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur, Klima und Verteidigung
- Wehrdienstgesetz
- Abschaffung des Bürgergelds und Einführung der Grundsicherung
Kritik an Kommunikation: mal ausgrenzend, mal verunsichernd
Ein großer Kritikpunkt, der weder mit der Koalition noch mit der Weltlage zu tun hat, ist hingegen die Art, wie Merz kommuniziert. Um beim Klischee vom Sauerländer zu bleiben: Er scheint es eben nicht immer hinzubekommen, den Menschen danach die Hand zu reichen. "Vielmehr redet er über Menschen als mit ihnen", sagt Sittler.
Und wie er über die Menschen redet, löst nicht selten Empörung aus. Katharina Dröge von den Grünen wirft Merz nach seinen Äußerungen zum "Problem im Stadtbild" Diskriminierung vor. Merz' Aussagen zum Sozialsystem oder zur staatlichen Rente, die er kürzlich als "Basisabsicherung" bezeichnete, wirkten auf viele Menschen zudem verunsichernd, merkt Friederike Sittler an.
Angst vor der AfD in Regierungsverantwortung
Ein anderes selbst erklärtes Ziel hat Merz bislang nicht erreicht, sagt die Journalistin: die AfD schwächen. Im Gegenteil, die Partei gewinnt laut Umfragen an Zustimmung. Und das mache die Koalition nervös, weil im September 2026 drei mal gewählt wird: in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Hier könnte die AfD laut Umfragen erstmals in Regierungsverantwortung kommen.
Trotz aller Spannungen und Gerüchte sieht Sittler keine Anzeichen dafür, dass die Regierung vor dem Aus steht. Sie geht davon aus, dass Merz in einem Jahr noch Bundeskanzler sein wird. Dennoch hat Sittler einen klaren Rat an Merz – von Sauerländerin zu Sauerländer: "Sich mit den Menschen in Deutschland auch in ihrer Unterschiedlichkeit auseinanderzusetzen und wirklich zu vermitteln: Ich sehe euch."
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