Geschirr türmt sich, Wäsche liegt herum und gesaugt ist auch nicht: Diesen Zustand kennt Hanna nur zu gut. Sie kommt oft nicht mit dem Haushalt hinterher. Er stresst sie sogar richtig. Doch es gibt Wege, die To-dos in den Griff zu bekommen.
Hannah macht gerade ihre Ausbildung und hat dafür auch eine ziemlich weite Anfahrt. Elf Stunden am Tag ist sie unterwegs, deshalb bleiben bei ihr Geschirr oder Wäsche öfter liegen.
Das nervt Hannah, und sie merkt, dass die To-dos im Haushalt etwas mit ihren Gefühlen machen: "Ich finde Putzen okay, wenn die Grundordnung vorhanden ist. Dann ist es ziemlich leicht, das wieder auf den Nullpunkt runterzubringen. Aber auf dem Status ist es bei mir leider nie. Deswegen finde ich es schon eher belastend."
Wenn der Haushalt überfordert
Hannah sagt über sich, dass sie noch nie besonders ordentlich war. Durch die Ausbildung ist es zwar ein bisschen besser geworden, weil sie wegen der wenigen Zeit mehr Druck empfindet, Dinge zu erledigen. Trotzdem ist es in puncto ordentliches Zuhause bei ihr "auf jeden Fall nicht gut", findet Hannah.
"Dass man sagt: 'Ist toll nach Hause zu kommen.' So ist es eigentlich leider fast nie."
Dass sie sich zu Hause unwohl fühlt, wenn es nicht aufgeräumt oder sauber ist, stresst Hannah ebenfalls sehr. "Weil man dann denkt: Ja, das musst du noch machen. Ich finde, da kann man nicht so gut runterkommen. Auch wenn ich dann vielleicht nichts mache und nur auf dem Sofa bin, ist es trotzdem im Hinterkopf."
Gründe für unordentliches Zuhause
Hannah vermutet, dass die Gründe dafür ein Mix aus verschiedenen Dingen sind: kein Sinn für Ordnung, kein Spaß an der Hausarbeit und schlechtes Zeitmanagement. Irgendwann hat Hannah deshalb auch angefangen, etwas zu ändern.
Dazu gehört beispielsweise, bestimmte Dinge schon morgens vor der Arbeit zu erledigen. Dafür stellt sie sich auch extra früher den Wecker: "Dann hab ich den Gedankengang: 'Jetzt bist du schon früher wach, dann verschwende die Zeit nicht, sondern nutze sie.'""Manchmal versuche ich ein bisschen was nebenbei zu machen. Zum Beispiel morgens die Spülmaschine ein- und ausräumen, das geht ja eigentlich schon immer nebenbei."
Auf die Idee ist Hannah gekommen, weil sie abends nach einem langen Ausbildungstag, wie sie sagt, "einfach platt ist". Außerdem möchte sie nicht, dass ihr ganzes Wochenende für die Hausarbeit draufgeht.
"Deshalb habe ich gedacht: Okay, dann mache ich morgens mal eine halbe Stunde. Das ziehe ich auch nicht konsequent durch. Aber je nachdem, wie dringend es nötig ist, wird es schon ab und zu mal eingeplant."
"Sich einfach mal zu Hause wohlfühlen"
Am Ziel ist Hannah aber noch nicht, sagt sie. "Ich würde mir schon wünschen, dass es besser funktioniert." Im Moment sei es "aushaltbar, aber andere Zustände wären schon schöner". Ihre Wunschvorstellung ist, sich einfach mal zu Hause wohlzufühlen, wenn sie reinkommt, ohne noch etwas machen zu müssen. Hannah glaubt auch, dass es ihr helfen würde, weniger Dinge zu besitzen.
"Mein Problem ist, ich hab zu viele Sachen.
"Ich müsste erst mal ausmisten. Dann kann es eben auch nicht so leich passieren, dass sich Aufgaben ansammeln, weil man dann immer alle Sachen von A nach B trägt", so Hannah.
Der Haushalt und das klassische Rollenbild
Hannah kommt gefühlt nicht hinterher mit ihren To-dos im Haushalt. Damit ist sie nicht allein. Bei vielen von uns ist der Druck groß, dass es zu Hause perfekt aussehen muss.
Dieser Druck entsteht auch durch Social Media, sagt die Soziologin Paula Villa Braslavsky. Sie forscht vor allem zu Gender-, Familien- und Care-Fragen. Ein anderer Grund ist ihrer Ansicht nach, dass alte Rollenbilder nicht mehr funktionieren. Denn historisch gesehen ist der Haushalt Frauensache gewesen. "Und da haben sich Männer, aber auch Frauen, die sehr gut verdienen, eben auf andere Frauen gewissermaßen ausgeruht und mussten sich darum selber nicht kümmern."
"Diese Selbstverständlichkeit, dass da schon wer ist, die sich darum kümmert, hat sich ziemlich verändert."
Hinzu kommt: Vollzeitjobs seien historisch so ausgelegt gewesen, dass beispielsweise die andere Person in der Partnerschaft – in der Regel die Frau – zu Hause bleibt und sich um den Haushalt kümmert, erklärt Paula Villa Braslavsky.
Diese Haltung habe sich mit der Zeit aber geändert. Deshalb stellen sich laut der Soziologin heute mehr Menschen die Frage: Wer macht das und wie macht man das? Die Soziologin ist dennoch der Meinung, dass sich Vollzeitjob und Haushaltsführung vereinbaren lassen: "Wenn man es eben pragmatisch und ohne größte Ambitionen macht, sondern so, dass der eigene Haushalt lebbar, bewohnbar ist."
Der Druck, ein schönes Zuhause zu haben
Hannah ist zwiegespalten. Sie spürt häufig den Druck, eine ordentliche und saubere Wohnung zu haben. Auch, weil sie das Gefühl hat, dass viele Menschen in ihrem Umfeld das besser hinbekommen als sie selbst: "Dann denkt man auch mal: 'Was mache ich falsch?' Oder warum haben die anderen mehr Zeit oder können ihre Prioritäten besser setzen?"
"Ehrlicherweise hab ich dann lieber drei schöne Verabredungen unter der Woche als eine saubere Küche."
Hannah trifft sich auch schon mal lieber mit Freunden, anstatt Dinge im Haushalt zu erledigen. Für sie selbst ist das auch eine Art der Flucht vor den To-dos. Nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn.
Inzwischen hat sie aber auch ein paar Tricks, um sich etwas besser zu motivieren. Sie lädt zum Beispiel ihre Mutter zu sich ein. "Aber sie soll mir nicht helfen, sie soll nur da sein. Das ist ja dieses "Body Doubling", das mache ich dann manchmal. Das funktioniert auch echt ganz gut", sagt Hannah. Body Doubling bedeutet, dass eine andere Person während der Arbeit oder beim Erledigen von Aufgaben anwesend ist, ohne direkt zu helfen. Einige schaffen es so, produktiver zu sein.
Was Hannah auch hilft, während eines längeren Telefonats nebenbei die Wäsche erledigen.
Der Haushalt hört nie auf
Dass Menschen wie Hannah sich oft mit ihrem Haushalt überfordert fühlen, ist nicht verwunderlich, sagt die psychologische Psychotherapeutin Sarah Becker. "Viele unterschätzen, was Haushalt für ein krasser Mental Load ist. Wenn wir einen Haushalt führen, müssen wir nicht nur eine Tätigkeit ausüben, sondern wir müssen planen, wir müssen priorisieren und wir müssen das alles im Kopf behalten. Und das ist anstrengender, als wir denken."
Ein anderer wichtiger Punkt: Der Haushalt hört nie auf.
"Wir sind nie fertig. Es ist super unbefriedigend, weil Haushalt ein Prozess ist, der immer wieder von vorne anfängt."
Und deshalb sei die Anstrengung auch so groß: "Dinge, die nicht abgeschlossen sind, erfordern im Gehirn viel mehr Leistung als Dinge, die wir abschließen können. Und das ist dann doppelt anstrengend." Vor allem für Frauen sei das ein großes Thema. Denn sie verspürten gesellschaftlich mehr Druck, auf allen Ebenen gleich gut zu performen, sagt Sarah Becker.
"Frauen haben in ihrer Entwicklung natürlich ganz andere Rollenmodelle vermittelt bekommen, und eine Frau, die nicht supergut ihren Haushalt macht, hat schneller ein schlechtes Selbstbild als ein Mann, von dem das gar nicht erwartet wird."
"Männer mussten oft nichts tun im Haushalt"
In ihrer Praxis erlebt Sarah Becker, dass Männer häufig Konflikte im Haushalt haben. "Die Männer sagen: Ich mache doch schon ganz viel, und ich habe eingekauft und ich wasche jetzt auch die Wäsche, und warum reicht es meiner Partnerin noch nicht?" Die Psychologin erfährt dann auch häufig, dass diese "Männer zu Hause oft nichts machen mussten und gar nicht gelernt haben, im Haushalt aktiv zu sein und dadurch an eine Grenze kommen".
Deshalb würden Männer es häufig auch nicht priorisieren, Dinge im Haushalt zu erledigen – im Gegensatz zu Frauen.
"Für Frauen ist das Thema Sauberkeit und Ordnung im Haushalt viel mehr mit dem Selbstwert verknüpft."
Frauen leiden unter einer Gesamtbelastung, sagt Sarah Becker. Neben einem ordentlichen Haushalt müssten sie auch gute Mütter und beruflich erfolgreich sein. "Biografisch ist es im gesellschaftlichen Bild eines Mannes so: Die müssen arbeiten und Geld heranbringen, und alles drumherum macht schon jemand anderes. Das ist ganz bitter."
Den Haushalt leichter wuppen
Allen, die sich im Haushalt überfordert fühlen, rät Sarah Becker dazu, Struktur hineinzubringen. Hilfreich sei beispielsweise ein Wochenplan: "Sich hinsetzen und gucken: Wie sieht eigentlich meine Woche aus? Wann bin ich überhaupt zu Hause, wann hätte ich einen realistischen Zeitslot, um etwas Gesundes einzukaufen, um die Wäsche endlich zu waschen?" Diesen Zeitslot sollten wir uns am besten als Termin im Handy einspeichern.
To-dos nach Dringlichkeit sortieren
Außerdem sollten wir unsere Aufgaben priorisieren. "Die Aufgaben, die anstehen, zum Beispiel mal als Liste aufschreiben und bewerten: Was ist superdringend, was ist superwichtig? Und diese Aufgabe mache ich in den ersten Zeitslot, der frei ist."
Auch hier sei eine Erinnerung im Handy sehr hilfreich. "Wir müssen uns daran erinnern, weil wir sonst einfach in unserer üblichen Routine bleiben."
"Im Alltag sind wir in so einem Autopilot. Wir kommen nicht von selber drauf, dass wir heute um 17 Uhr Wäsche waschen wollten."
Ein anderer wichtiger Tipp der Psychotherapeutin: persönliche Grenzen setzen. "Es ist ja auch eine Form von Selbstfürsorge, mal zu einer Verabredung oder einer Party Nein zu sagen, weil man sagt: 'Ich möchte heute einmal in Ruhe mein Bad putzen.'"
Auch wenn das im ersten Moment spießig oder langweilig klingt: "Grenzen setzen gegenüber Verpflichtungen – das ist eine riesige Aufgabe, die auf uns zukommt, wenn wir in die Berufswelt reinstarten. Wir haben de facto nicht die Zeit, alles genauso zu machen wie zum Beispiel als Schüler oder an einem freien Wochenende.“
Und wer es sich leisten kann, sollte sich auch nicht scheuen, darüber nachzudenken, sich Hilfe im Haushalt zu holen, findet Sarah Becker.
Hinweis: Das Artikelbild oben ist ein Symbolbild, darauf ist nicht Hannah zu sehen.
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