Deutschlands Hochschulen bröckeln: gesperrte Hörsäle, kaputte Toiletten und im Seminarraum regnet's rein. Milliarden aus dem Sondervermögen sollen eigentlich die Infrastruktur retten. Doch wann kommt das Geld auch tatsächlich bei den Unis an?
Mäuse in der Bibliothek, Aufzüge, die drei Stockwerke tief fallen, Stinkwanzen, Ausfälle von Heizungen im Winter und Regenschäden in Innenräumen – all das haben uns Studierende von verschiedenen Universitäten deutschlandweit berichtet. Vielerorts sind Hochschulgebäude marode und müssen gesperrt werden.
Problem: Unter baufälligen Gebäuden leide auch die Qualität der Bildung, sagt Katharina Rommenhöller, Studierende an der Hochschule für Musik in Köln.
Für sie war das ein Grund, sich hochschulpolitisch zu engagieren. Sie ist im Vorstand der bundesweiten Studierendenvertretung FZS. Durch den akuten Sanierungsstau sei der freien Zugang zu Bildung gefährdet, sagt sie.
"Ich finde es ehrlicherweise einfach nur frustrierend: Wir sollen hier studieren - mehrere Jahre lang. Aber wenn man dann hier an den Campus kommt, ist alles baufällig und marode."
Überall da, wo in den 1960er und 70er-Jahren Hochschulgebäude entstanden sind, zeigen sich nun massive Baumängel, die über die Jahrzehnte entstanden sind, sagt der Journalist Armin Himmelrath, der sich auf BIldungsthemen spezialisiert hat. Schätzungsweise rund 140 Milliarden Euro wären nötig, um die Hochschuleinrichtungen in Deutschland zu sanieren. Das hat das Institut für Hochschulentwicklung 2024 ausgerechnet.
Schätzung: Über 140 Milliarden Euro nötig
Auch wenn es viele kleine Stellschrauben gibt, um die aktuelle Situation zu verbessern, ist "der große Wurf nicht drin", sagt Armin Himmelrath. Denn von den 500 Milliarden Euro Sondervermögen pro Jahr plant die Regierung nur eine Milliarde in die Sanierung der Hochschulen zu investieren. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", nennt Armin Himmelrath dieses Budget.
"Die Steckdosen funktionieren nicht immer, die Räume sind nicht klimatisiert und es ist einfach viel zu wenig Platz da. Das Gebäude ist einfach nicht für so viele Studierende ausgerichtet."
Dass das nicht reichen kann, erscheint Student*innenvertretern und Bildungsexperten offensichtlich. Denn es geht nicht nur darum, bereits entstandene Schäden zu beheben. Auch weitere Fragen müssen geprüft und geklärt werden, erklärt Armin Himmelrath:
- Was ist mit der Bausubstanz, die zum Teil gesundheitsgefährdendes Asbest enthält?
- Wie können fehlende Lademöglichkeiten für Laptops, Tablets und Smartphones geschaffen werden?
- Wie sieht es mit der W-Lan-Fähigkeit von Gebäuden aus?
Sehr viele Gebäude müss(t)en von Grund auf saniert werden
Aber auch die energetische Sanierung ist ein wichtiger Faktor: Dabei geht es um Klimaziele, Dämmung und die Erneuerung von alter Elektrik und Heizungssystemen. Außerden muss die technische Infrastruktur erneuert werden: Dazu zählen zum Beispiel Labore, die auf den neusten Stand gebracht werden müssen, Lüftungsfragen und die IT.
Ein wichtiger Aspekt dabei: Oft gehören die Gebäude den Universitäten gar nicht und sind vom Land angemietet. Das macht schon die Frage, ob Kabel unter oder über dem Putz verlegt werden, zum Problem. Es seien viele verschiedene Player beteiligt und diverse Faktoren zu bedenken bei Sanierungen, erklärt Armin Himmelrath.
Nur an kleinen Stellschrauben lässt sich kurzfristig drehen
Schon in den 1990er-Jahren war Experten klar, dass ein massiver Sanierungsstau besteht, sagt der Journalist. Schon damals haben andere politische Themen Vorrang bei der Vergabe von Geldern bekommen, erklärt er.
Nicht nur, dass das Thema jahrzehntelang vernachlässigt wurde, ist ein Problem, sondern auch, dass die Hochschulgebäude gar nicht für die rund drei Millionen Studierenden ausgelegt sind, sondern eher für zwei Millionen, schätzt Armin Himmelrath. Die starke Frequentierung bedeute natürlich auch eine entsprechend starke Abnutzung.
"Es hieß, wir müssen da ran. Das ist häufig nicht gehört worden, weil immer andere Probleme wichtiger waren."
Um den Sanierungsstau in Angriff zu nehmen, sieht Armin Himmelrath verschiedene Maßnahmen – als einen möglichen kleinen Einstieg:
- Bisher ist die Sanierung Sache der Bundesländer – das erfordert aber, dass der Bund Sonderprogramme für Investitionen ins Leben rufen muss. Das verkompliziert die Abwicklung aber.
- Eine Vereinfachung von Vergabe- und Planungsrecht wäre hilfreich.
- Die Zeiten und Fristen zu verkürzen, würde die Kosten senken.
- Eine modularisierte Bauweise könnte Bauzeit und Kosten verringern.
- Eine Möglichkeit wären auch private Investoren: Public-Private-Partnerships – wobei das bei staatlichen Hochschulen natürlich auch kritisch gesehen werden kann.
- Mehr Personal bei der planungstechnischen Verwaltung (Bauverwaltungen und Planungsabteilungen der Hochschulen) wäre nötig.
"Dann haben wir eine Gemengelage an kleinen Stellschrauben, wo man etwas tun könnte. Aber den großen Wurf wird es nicht geben."
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