Drohnen, Bomben und Angriffe auf die Energieversorgung: Die ukrainische Stadt Cherson steht massiv unter Beschuss. Jimmy hat es dort jahrelang ausgehalten. Jetzt ist auch er geflohen. Warum greift Russland ausgerechnet Cherson gerade so brutal an?
Zahnarzttermin in der südukrainischen Stadt Cherson. Jimmy macht sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Er hofft, heil hin und zurück zu kommen. "Die Praxis liegt in der Stadtmitte, da ist es ja ganz gefährlich", sagt Jimmy.
Denn die Drohnen können jederzeit auftauchen. Im schlimmsten Fall explodieren sie. Vor allem in der Stadtmitte, sagt Jimmy. "Wenn ich Drohnen höre, springe ich vom Fahrrad und verstecke mich in einem Hauseingang oder verberge mich im Schatten."
Leben unter Beschuss
Jimmy heißt eigentlich anders – zu seinem Schutz haben wir seinen Namen geändert. Er lebt in seinem eigenen Haus in Cherson und arbeitet als Fotograf. Das Leben dort ist schon seit Jahren gefährlich. Inzwischen herrscht fast überall Lebensgefahr.
"Man entwickelt eine Art Drohnenphobie, wo alle ähnlichen Geräusche zu Triggern werden."
Die Stadt liegt am Fluss Dnipro. Am gegenüberliegenden Ufer, 800 Meter entfernt, befindet sich das von Russland besetzte Gebiet. Von dort schickt die russische Armee Drohnen in die Stadt. "Alle fünf Minuten hört man ein Drohnengeräusch", berichtet Jimmy, "Sie kommen aus allen Richtungen. So schlimm war es hier bisher noch nie."
Drohnen, die Jagd auf Menschen machen
Anfang August 2026 taucht ein Video aus Cherson auf, das viele auch außerhalb der Ukraine schockiert: Ein ukrainischer Gemüsehändler wird von einer Drohne verfolgt. Er rennt weg, doch die Drohne bleibt hinter ihm – bis sie schließlich neben dem Mann explodiert. Der Mann überlebt, wird aber verletzt, sagen Behörden. Die Tagesschau hat das Video verifiziert.
Um Bewohner*innen zu schützen, sind über viele Straßen in Cherson Netze gespannt. Auch Störsender und Drohnen-Detektoren werden gegen die russischen Drohnen eingesetzt. Doch eigentlich gibt es keinen Schutz für die Menschen, sagt Rebecca Barth. Die ARD-Korrespondentin war kürzlich mit einer Hilfsorganisation in der Ukraine unterwegs.
"Menschen haben mir erzählt, dass die Drohnen mittlerweile durch die Fenster in Häuser hineinfliegen und dort Wohnungen abbrennen oder beispielsweise Menschen in Treppenhäusern töten."
Bei den First-Person-View-Drohnen, auch FPV-Drohnen genannt, handelt es sich um kleine, handelsübliche Drohnen, erklärt die Korrespondentin. Sie werden sowohl von russischen als auch ukrainischen Streitkräften genutzt. Doch besonders perfide sei es, wenn sie wie in Cherson gezielt gegen Zivilisten eingesetzt würden, sagt Rebecca Barth: "Die Sprengladung wird entweder aus der Luft fallen gelassen oder die Drohne explodiert beim Aufprall."
UN: "Gewaltsame Vertreibung" aus Cherson durch Russland
Seit fast zwei Jahren wird Chersons Bevölkerung mit FPV-Drohnen angegriffen, berichtet sie, in letzter Zeit haben die Angriffe allerdings zugenommen. Laut Regionalverwaltung waren es aktuell allein in einer Woche 6.500 solcher Attacken. Und nach Angaben der UN sind in Cherson schon Hunderte Menschen getötet und Tausende verletzt worden.
"Viele gehen davon aus, dass Cherson in den letzten zwei Jahren von russischen Soldaten als eine Art Trainingsgelände genutzt wird, um am lebenden Objekt das Drohnenfliegen zu üben."
Hinzu kommen große Drohnen, Bomben und Artillerie, die gegen zivile Ziele eingesetzt werden, beispielsweise Wärmekraftwerke und Supermärkte, so die Journalistin. Ihr Fazit: "Den Menschen hier wird jede Lebensgrundlage genommen."
Bereits im Mai 2025 hat eine unabhängige Untersuchungskommission der Vereinten Nationen festgestellt, dass es Russlands politisches Ziel sei, Menschen aus Cherson gewaltsam zu vertreiben, sagt die Korrespondentin.
Zudem ist sie überzeugt, dass diese Form von Angriffen auf einzelne Menschen Schule machen wird. Der Grund: Es handelt sich um handelsübliche Drohnen, die relativ einfach zusammengelötet und mit Sprengstoff versehen werden können.
"Es wäre ein logischer Schritt, wenn sich kriminelle Gruppierungen außerhalb der Ukraine diese Technik zu eigen machen, um beispielsweise politische Gegner anzugreifen."
Zurück nach Cherson: Viele Bewohner*innen haben Cherson aufgrund der massiven Angriffe in den letzten Jahren verlassen. Stand jetzt leben dort noch 60.000 Menschen, so Rebecca Barth. Doch die Lage verschärft sich immer mehr, ergänzt sie, sodass nun auch der Gouverneur die Bevölkerung zur Evakuierung aufgerufen hat.
Menschen fliehen aus Cherson
Jimmy hat jahrelang in Cherson durchgehalten. Nun flieht auch er. Kurz bevor er mit uns zum Interview verabredet ist, schickt er eine Nachricht: Starker Beschuss, Russland greift Cherson massiv an. Das Gespräch könne vorerst nicht stattfinden.
Als wir dann mit Jimmy sprechen können, ist er in Mykolajiw. Die Stadt ist mit dem Auto eine Stunde von Cherson entfernt. Viele Menschen fliehen hierher, sagt er. Auch er werde wohl hier bleiben. Hier sei ein bisschen Frieden.
"Es ist besser, am Leben zu bleiben, als irgendwelche Heldentaten zu verwirklichen, die niemand braucht."
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