Menschen mit ADHS empfinden vieles intensiver: Xenia weiß, dass Dating kräftezehrend sein kann. Eine psychologische Psychotherapeutin empfiehlt Betroffenen daher, in der ersten Datingphase zurückhaltender zu sein und sich selbst zu regulieren.
Viele Eigenschaften, die bei Personen mit ADHS ausgeprägt sein können, beobachtet Xenia auch an sich selbst:
- Überforderung, wenn sie mit zu vielen Matches gleichzeitig chattet
- Konzentrationsschwierigkeiten, wenn beim Date im Café die Geräuschkulisse zu hoch ist
- Hyperfixierung und eine extreme emotionale Reaktion bei Ablehnung
- Erschöpfungsgefühle – wegen zu vieler Entscheidungen, zu vieler Dates oder weil sie zurückgewiesen wurde
Eigene Bedürfnisse im Fokus
Ihre Beobachtungen hat Xenia ernst genommen und vieles an ihre Bedürfnisse angepasst. Obwohl sie es gerne mag, wenn jemand ein Date für sie plant, übernimmt Xenia diese Aufgabe mittlerweile oft selbst. Dadurch weiß sie, dass die Location gut zu ihren Bedürfnissen passt. Außerdem hat sie entschieden, die Zahl der Matches zu begrenzen und beispielsweise nur noch mit drei bis vier Personen gleichzeitig zu schreiben. Um sich selbst vor Überforderung zu schützen.
"Rejection sensitive dysphoria – das heißt nicht, das jemand empfindlich oder beleidigt ist. Es ist eher ein intensiver sozialer Schmerz, der sich körperlich anfühlt. So als ob jemand mit der Faust in den Magen trifft."
Was das Dating für Menschen mit ADHS besonders erschwert, ist die Ablehnungsempfindliche Dysphorie oder Zurückweisungsempfindlichkeit (rejection sensitive dysphoria, kurz RSD), erklärt der Psychotherapeut Martin Winkler. Bei Zurückweisung, tatsächlich oder befürchtet, oder auch in Situationen, die uns peinlich sind oder Scham hervorrufen, haben neurodivergente Menschen meist eine viel stärker Reaktion als neurotypische.
Für einige fühlt sich das dann wie ein Schlag in die Magengrube an. Diese Ablehnungsempfindlichkeit wird nicht mehr nur zum Hintergrundgeräusch, sondern übertönt dann möglicherweise alles andere.
Wenn Dating zu anstrengend wird
Wenn sich in der Vergangenheit aus Dates nichts ergeben hat, war Xenia oft sehr enttäuscht oder hat eine "krasse Müdigkeit" verspürt, wie sie sagt. Wenn sie abgelehnt wurde, hat sie oft Monate gebraucht, um sich zu erholen – auch wenn sie diese Person nur zwei Wochen lang gedatet hat.
Oft hat sie danach noch monatelang mit ihren Freund*innen über diese Person gesprochen. Das hat Xenia selbst auch gestört, weil sie lieber schneller wieder nach vorne geschaut hätte. Nach ein paar solchen Dates hatte sie oft monatelang keine Lust mehr, jemanden kennenzulernen. Weil die Überforderung und Anstrengung einfach zu auslaugend waren.
Aber ihr Durchhaltevermögen hat sich doch noch ausgezahlt: Nach sechs Jahren Dating ist Xenia nun glücklich in einer Beziehung.
"Auch wegen der Reizüberflutung: Ich kann nicht jeden Tag jemanden treffen. Ich brauche ein oder mehrere Tage Abstand zwischen verschiedenen Dates."
Rosalie Weigand ist psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie und hat sich auf ADHS spezialisiert. "Zu viel, zu nah, zu sehr" heißt ihr Buch über Neurodivergenz in Beziehungen.
Manche Prozesse laufen mit ADHS anders ab
Bei Menschen mit ADHS laufen manche Prozesse anders als bei neurotypischen Menschen, sagt Rosalie Weigand:
- Aufmerksamkeitssteuerung
- Hyperfokus
- Emotionsregulation
- Impulsivität
- Exekutive Dysfunktion (was das Planen von Dates schwieriger macht oder dazu führt, dass Termine vergessen werden)
- Ein neuer Datingpartner/ eine neue Bezugsperson ist ein hoher Dopaminreiz.
- Wenn die Neuheit vergeht, kann es den Eindruck machen, dass das Interesse nicht mehr da ist.
"Das Dopaminsystem funktioniert bei Menschen mit ADHS anders, sodass alles, was Dopamin auslöst, erst mal sehr, sehr attraktiv ist."
Rosalie Weigand sagt, dass für Menschen mit ADHS die Selbstkenntnis wichtig ist. Sie empfiehlt, am Anfang der Datingphase zurückhaltender zu sein, sich selbst etwas zu regulieren und "an die Zügel zu nehmen".
Denn oft ist es für die oder den Betroffenen und auch für den Datingpartner schwierig zu unterscheiden, ob das Interesse durch einen Hyperfokus oder eine erhöhte Dopaminausschüttung verursacht wird – oder ob im Moment des Kennenlernens eine dauerhafte emotionale Bindung entsteht.
Sich selbst an die Zügel nehmen
Sie empfiehlt einem Menschen mit ADHS, in der ersten Datingphase über ein paar Wochen hinweg zu beobachten, wie man sich mit der anderen Person fühlt und was man tatsächlich über diese Person weiß oder erfährt.
Sonst kann es nämlich passieren, dass sich eine neurodivergente Person durch eine Hyperfokussierung in die Projektion einer anderen Person verliebt. Das heißt, dass die eigentliche Person, der Datingpartner oder die Datingpartnerin, von dieser Projektion überschattet wird. Und das kann auf Dauer zu einer Enttäuschung auf beiden Seiten führen.
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