Auf die Angriffe von USA und Israel reagiert der Iran mit massiver Gegenwehr. Er beschießt Flughäfen und US-Basen in der Golfregion. Und auf die Raketen der Hisbollah antwortet Israel mit Gewalt. Kann die gesamte Region im Krieg versinken?
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte zuletzt, die USA würden täglich stärker, der Iran schwächer. Israel meldete Angriffe im Iran auf das iranische Präsidialbüro und den Obersten Nationalen Sicherheitsrat. Auch die USA setzen ihre Angriffe fort, angeblich sogar mit einer neuen Art von Marschflugkörpern.
Der Iran reagiert weiterhin militärisch. Zahlreiche Staaten wurden bereits getroffen: die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuweit, Bahrain, Saudi-Arabien, Irak, Jordanien, Oman und sogar Zypern. Die Spannungen in der Region nehmen dadurch deutlich zu und der Konflikt bleibt dynamisch und unberechenbar.
Golfstaaten – Luxusmaskerade im Krisengebiet
Haben die Menschen im Nahen Osten Angst, in einen größeren Krieg gezogen zu werden? Schwer zu sagen, denn in den Golfstaaten ist die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt.
Laut Moritz Behrendt, unserem Korrespondent für die arabische Welt, haben die Regierungen in der Region ausdrücklich davor gewarnt, unbestätigte Informationen oder Bilder von Schäden durch iranische Angriffe zu verbreiten. Öffentliche Äußerungen werden genau beobachtet, besonders in sensiblen Sicherheitsfragen.
In Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten stellen Staatsbürger nur etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung. Die Mehrheit sind Gastarbeiter*innen oder Expats, viele leben in prekären Verhältnissen. Kritik könnte ihren Status gefährden – klassische Straßenumfragen zur Kriegsangst sind daher kaum möglich.
"Es gibt durchaus massive Sachschäden an verschiedenen Orten der Emirate, auch Menschen sind gestorben sind."
Der große Tenor dessen, was Moritz aus Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten hört, ist im Weiten: Trotz der Angriffe aus dem Iran sind wir hier sicher, die Schäden überschaubar und die Zahl der Verletzten und Toten ist noch relativ gering. Influencer in Dubai zeigen laut Moritz vor allem ihren eigenen Ausschnitt der Realität. Restaurants sind geöffnet, die Metro fährt, Menschen liegen am Strand – das Bild vom luxuriösen Alltag funktioniert weiterhin.
Was sie zeigen, entspricht also durchaus ihrem Erleben vor Ort, aber nur einem Teil der Wirklichkeit. Gleichzeitig gibt es massive Sachschäden und auch Tote. In den Vereinigten Arabischen Emiraten starben drei Gastarbeiter, die weiterhin arbeiten mussten. Diese Aspekte tauchen in den Hochglanz-Posts kaum auf – sie passen nicht ins Bild vom sorgenfreien Leben.
Tourismus im Golf unter Druck
Die Flugausfälle in Dubai und Abu Dhabi sind laut Moritz kurzfristig ein harter Schlag für den Tourismus. Beide Länder leben vom Image, sichere Orte zu sein. Fällt der Luftverkehr aus, gerät dieses Bild ins Wanken. Zwar werden Sonderflüge organisiert, doch für die gesamte Region ist das ein deutlicher wirtschaftlicher Einschnitt.
Auch in Saudi-Arabien ist die Lage schwer einzuschätzen, da freie Meinungsäußerung stark eingeschränkt ist. Zwar sind dort Drohnen eingeschlagen, doch der Luftraum bleibt geöffnet. Menschen können ein- und ausreisen, auch Pilger in Mekka und Medina. Gleichzeitig bemüht sich der Iran, rund 8.000 Staatsbürger aus Saudi-Arabien auszufliegen – trotz der angespannten Beziehungen beider Länder.
Libanon zwischen Hisbollah und israelischen Angriffen
Im Zuge des Konflikts spitzt sich auch im Libanon die Lage weiter zu. Nach Angriffen der Hisbollah feuert Israel zurück. Viele Menschen mussten fliehen, vor allem aus dem Süden und aus Vororten von Beirut. Zehntausende sind betroffen. Über 100 Schulen und Universitäten werden erneut als Notunterkünfte genutzt – regulärer Unterricht ist dort kaum noch möglich.
"Im Libanon leiden die Menschen gleichermaßen unter der Hisbollah und unter den Angriffen von Israel."
Die Meinungen im Land gehen stark auseinander, meint Moritz. Einige machen die Hisbollah verantwortlich, weil sie den Libanon in einen Krieg hineingezogen habe, der nicht der eigene sei. Andere verurteilen vor allem Israel für die massiven Angriffe. Trotz der Erklärung, nur Stellungen der Hisbollah anzugreifen, kommen auch Zivilisten ums Leben.
Für viele Menschen bedeutet das Angst von zwei Seiten. Sie leiden unter den militärischen Aktionen der Hisbollah ebenso wie unter den israelischen Gegenangriffen. Die humanitäre Lage ist prekär, die politische Spaltung tief. Der Konflikt trifft ein Land, das ohnehin seit Jahren in einer schweren Krise steckt.
Hamas weitgehend aus dem Iran-Bündnis herausgebrochen
Israel hat Soldaten an die Grenze und in den Süden des Libanon verlegt – ein taktisches Manöver, kein Beginn eines Bodeneinsatzes. Die Armee will eine Sicherheitszone schaffen. Obwohl der Libanon nicht an den Iran grenzt, operieren dort mit der Hisbollah dem Iran verbundene Kräfte, die Israel bekämpen.
"Der Iran hat noch einige Freunde, aber er hat keine Staaten mehr als Freunde."
Der Iran hat laut dem Islamwissenschaftler Guido Steinberg keine staatlichen Verbündeten mehr, nur noch einige substaatliche Akteure. Dazu zählen neben der Hisbollah im Libanon schiitische Milizen im Irak und die Houthi-Rebellen im Nordjemen. Aktuell unterstütze von diesen Gruppen nur die Hisbollah aktiv den Iran, indem sie Israel angreift.
Die Hamas zähle zwar weiter zur Achse des Widerstands, doch die Verbindungen zum Iran seien stark geschwächt. Seit zweieinhalb Jahren wird die Hamas effektiv von Israel bekämpft. Der Experte sieht sie derzeit weitgehend aus dem Bündnis herausgebrochen.
Langjährige Konflikte schwächen Iran und Verbündete
Das Kräfteverhältnis zwischen Israel und Iran liegt laut Guido Steinberg klar zugunsten Israels. Grund dafür sei, dass Israel seit zweieinhalb Jahren direkt und indirekt gegen den Iran vorgeht. Der aktuelle Konflikt begann mit dem Hamas-Angriff im Oktober 2023, gefolgt von massiven Angriffen auf Gaza und den Junikrieg gegen Iran 2025.
"Die iranische Seite war vor Beginn der jetzigen Auseinandersetzungen schon so stark geschwächt, dass sie den Israelis und den Amerikanern jetzt nicht mehr viel entgegenzusetzen hat."
Durch diese langfristigen Aktionen waren Iran und seine Verbündeten bereits stark geschwächt, bevor die jetzigen Auseinandersetzungen begannen, sagt Guido Steinberg. Zwar könne der Iran weiterhin Nachbarstaaten oder Israel mit Raketen treffen, doch das Potential sei deutlich geringer als noch vor einigen Jahren, da die militärische Schlagkraft durch die vergangenen Konflikte stark reduziert wurde.
Guido Steinberg: große Eskalation aktuell unwahrscheinlich
Saudi-Arabien hatte gehofft, im Konflikt außen vor zu bleiben und sich durch Annäherung an den Iran als kein Feind zu zeigen, meint der Experte. Diese Strategie sei gescheitert: In den letzten Tagen wurden Saudi-Arabien und die Golfstaaten von iranischen Drohnen angegriffen. Riad reagiere nun deutlich aggressiver, sende auch Drohungen an Teheran und bleibe nicht länger neutral, was die regionale Lage weiter verschärfe.
"Iran hatten gehofft, dass Saudi-Arabien und andere jetzt Druck auf die USA ausüben, damit dieser Krieg schnell vorbei geht. Aber die Signale aus Riad sind zumindest widersprüchlich."
Guido Steinberg sieht die größte Gefahr darin, dass der Iran seine Angriffe auf die Golfstaaten intensiviert. Bisher wurden leicht verwundbare Öl- und Gasanlagen in Saudi-Arabien, US-Basen und zivile Gebäude in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen. Die Golfstaaten könnten sich auf die Seite Israels und der USA stellen, doch sei ihre militärische Schlagkraft begrenzt, sodass eine größere Eskalation aktuell unwahrscheinlich ist, glaubt er.
Huthi-Blockade am Roten Meer möglich
Die Kriegsrhetorik im Nahen Osten bleibt scharf: Die iranische Revolutionsgarde droht mit weiteren massiven Gegenschlägen, während US-Präsident Trump eine Welle neuer Angriffe ankündigt. Der Konflikt ist groß, so der Experte, eine Ausweitung auf sechs bis acht weitere arabische Staaten hält er derzeit aber für unwahrscheinlich.
"Ein ganz großer Konflikt, der nun sechs, sieben oder acht arabische Staaten noch in diesen Krieg hineinzieht, das sehe ich eigentlich nicht."
Problematischer sei die faktische Sperrung der Straße von Hormus mit erheblichen Folgen für die Region. Auch eine mögliche Blockade am Roten Meer durch die Huthi-Rebellen könnte Auswirkungen haben, doch militärisch könnten die Golfstaaten nicht annähernd die Intensität erreichen, die Israel und die USA aktuell zeigen.
Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de
