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FIFA-Boss Infantino steht stark in der Kritik: etwa für Autokraten-Nähe, unklare Zahlungen und gekaufte Stimmen. Seine Wiederwahl 2027 ist in Gefahr. Noch schützt ihn sein aufgebautes System bei der FIFA. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Aktuell läuft die U17-Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Marokko. In den Schlagzeilen stehen allerdings vor allem die FIFA und ihr Präsident Gianni Infantino. Die Times berichtet diese Woche über eine millionenschwere Prämie, die Infantino zusätzlich zu seinem Gehalt erhalten haben soll.

Dazu kommen Berichte über extrem teure Büros im Trump Tower, die die FIFA anmietet, aber kaum nutzt. Auch wurde bekannt, dass die FIFA milliardenschwere Ausschüttungen an ihre Mitgliedsverbände plant – knapp ein halbes Jahr vor der nächsten FIFA-Präsidentschaftswahl.

Die FIFA und ihr Alleinherrscher

Jetzt trifft sich der FIFA-Rat in Zürich. Das Gremium besteht aus 37 Mitgliedern, darunter FIFA-Präsident Gianni Infantino und DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Eigentlich ist der Rat so etwas wie die Regierung des Weltfußballverbands.

Doch in der Praxis sieht das offenbar anders aus, sagt Matthias Friebe aus unserer Sportredaktion. Er beschäftigt sich intensiv mit der FIFA und hat gemeinsam mit seinem Kollegen Maxi Rieger den Podcast "Behind the Games – wer den Sport kontrolliert" über Gianni Infantino gemacht.

"In der Realität bestimmt in der FIFA genau einer, und das ist Infantino."
Matthias Friebe, Deutschlandradio Sportredaktion

Gegenwind für den FIFA-Boss

Zehn Jahre lang konnte Infantino an der FIFA-Spitze nahezu ungestört durchregieren. Bei Wahlen wurde er ohne Gegenkandidaten per Applaus bestätigt. Auch die Kritik an der kommenden WM – etwa wegen teurer Tickets, langer Reisewege und fehlender Fußballbegeisterung in den USA – schien ihm wenig auszumachen. Doch inzwischen ist Infantino so angeschlagen wie nie, meint Matthias.

"Infantino ist so angeschlagen wie nie zuvor."
Matthias Friebe, Deutschlandradio Sportredaktion

Denn zuletzt hat seine Machtposition Risse bekommen. Erst sorgte ein Anruf von US-Präsident Donald Trump wegen einer Roten Karte während der WM 2026 für Ärger. Dann stieß Infantino mit seinen Privatisierungsplänen auf Widerstand. Offenbar wollte Infantino den Mitgliedsverbänden mehr Geld verschaffen und sich damit zugleich die Unterstützung für seine Wiederwahl sichern.

Die UEFA will Infantino entmachten

Nach den gescheiterten Privatisierungsplänen hatte die UEFA, der europäische Dachverband, sogar mit einem WM-Boykott gedroht. Daraufhin zog Infantino seine Pläne zurück. Inzwischen stellen sich die europäischen Fußballverbände auch gegen seine Amtsführung und fordern grundlegende Reformen.

"Machtbeschränkung des Präsidenten, mehr repräsentative Funktionen, sie wollen für den Rat mehr Entscheidungsbefugnisse und Initiativkompetenz."
Matthias Friebe, Deutschlandradio Sportredaktion

Vor allem soll die Macht des FIFA-Präsidenten begrenzt werden. Der FIFA-Rat soll mehr Entscheidungsbefugnisse bekommen und eigene Vorschläge einbringen können. Zudem soll die Gewaltenteilung innerhalb der FIFA gestärkt werden.

Bemerkenswert ist, dass noch vor zwei Jahren auch die europäischen Verbände einer Strukturreform zugestimmt hatten. Dadurch sind frühere Kontrollmechanismen abgeschafft und Infantinos Macht weiter gestärkt worden, sagt Matthias.

Infantino will sein System bewahren

Infantino zeige allerdings keinerlei Bereitschaft, seine Macht einzuschränken, stattdessen wolle er das System erhalten. Das Prinzip: Die FIFA nimmt immer mehr Geld ein und verteilt einen großen Teil davon an ihre Mitgliedsverbände. Gerade kleinere Fußballnationen profitieren davon.

"Infantino signalisiert null Prozent Offenheit. Er will das System erhalten, das er selbst zur Perfektion gebracht hat."
Matthias Friebe, Deutschlandradio Sportredaktion

Entscheidend ist dabei das Abstimmungssystem der FIFA: Jedes der 211 Mitgliedsländer hat genau eine Stimme. Die Stimme von Vanuatu zählt so viel wie die von Deutschland. Für Infantino lohnt es sich deshalb besonders, die vielen kleinen Verbände auf seiner Seite zu halten. Denn mit deren Unterstützung kann er seine Macht auch gegen den Widerstand großer Fußballnationen absichern.

Die Suche nach einem Gegenkandidaten

Wer bei der nächsten FIFA-Präsidentschaftswahl gegen Gianni Infantino antreten könnte, ist völlig offen. Die UEFA hat bislang keinen Namen genannt, wohl um mögliche Kandidaten vor einer Schmutzkampagne zu schützen.

Bis zum 18. November muss die Nominierung stehen. Anfang November will die UEFA offenbar einen Namen präsentieren. Gespräche mit möglichen Kandidaten sollen bereits laufen, meint Matthias.

"Es braucht eine große Strahlkraft, es muss jemand sein, der im Fußball gut vernetzt ist, sich politisch auskennt und integer ist."
Matthias Friebe, Deutschlandradio Sportredaktion

Matthias hält es für denkbar, dass die UEFA eher auf einen bekannten ehemaligen Fußballprofi als auf einen klassischen Funktionär setzt. Jemanden, der auch außerhalb Europas bekannt ist und dort Stimmen gewinnen könnte.



Ein Name, der immer wieder fällt, ist der frühere portugiesische Weltstar Luis Figo, der bereits einmal für das FIFA-Präsidentenamt kandidierte. Wer tatsächlich gegen Infantino antreten könnte, ist derzeit aber reine Spekulation.

Ex-Mitarbeiter über Infantinos loyale Gefolgsleute

Alexander Koch kennt die FIFA von innen: Er arbeitete dort zunächst im Marketing, wechselte 2007 in die Kommunikationsabteilung und war zuletzt Pressesprecher.

Infantino habe er als seinen Vorgänger Joseph Blatter, im Umgang mit Mitarbeitern eher menschenscheu erlebt. Koch selbst sei Infantino vor allem auf der Rauchertreppe begegnet. Im persönlichen Gespräch sei der FIFA-Boss immer freundlich gewesen.

"Die FIFA wird derzeit eher wie eine Monarchie geführt als wie ein System, das auf demokratischen Strukturen basiert."
Alexander Koch, Ex-FIFA-Mitarbeiter

Infantino habe von Beginn an gezielt Vertraute in wichtige Positionen gebracht und beispielsweise in der Ethik- und Finanzkommission sowie im Compliance-Komitee Mitglieder durch loyale Personen ersetzt. Die FIFA werde deshalb inzwischen eher wie eine Monarchie geführt als nach demokratischen Prinzipien, kritisiert der Ex-Mitarbeiter.

Unzufriedenheit hinter den Kulissen

Seiner Einschätzung nach stehe intern kaum jemand wirklich hinter Infantino. Selbst enge Vertraute würden Entscheidungen oft nur aus Eigeninteresse mittragen.

"Die Stimmung ist sehr angespannt, weil Infantino mehrfach gezeigt hat, dass Kritiker entfernt werden."
Alexander Koch, Ex-FIFA-Mitarbeiter

Trotzdem sei die Stimmung angespannt. Weil Infantino wiederholt Kritiker aus ihren Positionen entfernt habe, trauten sich viele nicht mehr, offen ihre Meinung zu sagen. Unter seinem Vorgänger Sepp Blatter habe es etwas mehr Raum für kritischen Austausch gegeben. Viele arbeiten allerdings nur noch in ihren Silos und haben kaum noch Bezug zur Außenwelt, so Alexander. Die Kritik in den Medien bekämen sie deshalb oft gar nicht mit.

Alexander hält einen Wechsel an der FIFA-Spitze für dringend nötig. Ob Infantino bei der Präsidentschaftswahl im März 2027 tatsächlich abgelöst werden kann, bezweifelt der frühere FIFA-Pressesprecher allerdings zunehmend.

Sieben Länder in fünf Tagen – Infantino auf Stimmenfang

Bei der Präsidentschaftswahl im März braucht ein Kandidat mindestens 106 von insgesamt 211 Stimmen. Die meisten der 55 europäischen Verbände dürften gegen Infantino stimmen. Auch in Asien und Nordamerika gibt es Widerstand. Seinen größten Rückhalt hat Infantino in Afrika, wo mehr als 50 Verbände stimmberechtigt sind.

Infantino arbeitet bereits daran, weitere Stimmen zu gewinnen, sagt Sportredakteur Matthias Friebe. Mit einem Flugzeug, das ihm Qatar Airways für FIFA-Aufgaben kostenlos zur Verfügung stellt, reist er um die Welt. "Er war letzte Woche innerhalb von fünf Tagen in sieben Ländern auf drei Kontinenten", berichtet Matthias. Dort habe Infantino neue Fußballplätze in Betrieb genommen und Kontakte zu den Verbänden gepflegt.

Entscheidend wird zunächst der 18. November. Bis dahin muss ein Gegenkandidat oder eine Gegenkandidatin nominiert sein. Ohne Gegenkandidatur wäre Infantinos Wiederwahl praktisch sicher. Matthias rechnet bis März 2027 mit heftigen Auseinandersetzungen. Aktuell sieht er Infantino leicht im Vorteil. Eine prominente Gegenkandidatur könnte das aber ändern.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Fußball
FIFA-König Infantino kämpft um seine Herrschaft
vom 14. Oktober 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartner: 
Matthias Friebe, Deutschlandradio Sportredaktion
Gesprächspartner: 
Alexander Koch, Ex-FIFA-Mitarbeiter