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Am Tag nach dem Feiern hatte Alisa einen Emokater. Dann war sie in der Gedankenspirale: Hab ich mich doof verhalten? Dieses Phänomen schaut sich auch die Wissenschaft an. Es gibt aber Wege, wie wir mit der Hangxiety umgehen können.

Warum habe ich das gemacht? War ich peinlich? Als Alisa jünger war, ist sie mit diesen Gedanken oft aufgewacht, nachdem sie am Abend davor feiern war. Ihr ging es nicht gut – körperlich und emotional – sie hat sich hinterfragt und war innerlich nervös, ängstlich.

"Am Vortrag hat man meistens einen Gott-Komplex, wo man sich denkt: 'Ich bin die coolste Sau ever'. Am nächsten Tag ist man nur so: 'Oh Gott, das war eine große, falsche Selbsteinschätzung'."
Alisa, hat sich früher am Tag nach dem Feiern oft als unangenehm wahrgenommen

Was Alisa beschreibt, ist auch als Hangxiety bekannt. Das setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern Hangover (Kater) und Anxiety (Angst, Unruhe). Damit ist das Gefühl am nächsten Tag gemeint, das manche Menschen haben, wenn sie Alkohol getrunken haben. Bei Hangxiety geht es um mehr als körperliche Symptome wie Kopfschmerzen oder Übelkeit. Hier ist der mentale Aspekt im Fokus.

War ich "zu viel"?

Alisa erinnert sich, dass sie sich damals besonders dann so gefühlt hat, wenn sie am Abend zuvor zum Beispiel mit fremden Menschen in der Kloschlange persönliche Geschichten geteilt hat. Oder auch wenn sie mit jemandem auf einer Party rumgeknutscht hat.

Ihre Freund*innen haben ihr am nächsten Morgen teilweise gespiegelt, dass sie sich anders als sonst verhalten habe. Alisa beschreibt sich als eher introvertiert. Damals hat sie Alkohol als eine Art Kompensation genutzt, wenn sie mit einer großen Gruppen unterwegs war.

Was Alkohol mit den Gefühlen macht

Tobias Rüther ist Suchtforscher am LMU Klinikum in München. Er vergleicht die Wirkung von Alkohol mit dem Gasgeben und Bremsen beim Autofahren. Demnach bremst Alkohol einige Gefühle, zum Beispiel Scham oder Hemmungen.

Zuerst hat das eine beruhigende Wirkung und macht uns gelassener. Am nächsten Morgen kann uns die Partynacht aber gefühlt doppelt wieder einholen. Das wird auch Rebound-Effekt genannt. "Dann ist mehr Gas da und weniger Bremse und dann geht dieses Grübeln los, dann gehen die ganzen Stresshormone im Körper los", sagt Tobias Rüther. Das Phänomen zeige sich in verschiedenen Studien.

"Sobald das Suchtmittel den Konsum kontrolliert und ich das nicht mehr im Griff habe, geht es in die Sucht."
Tobias Rüther, Suchtforscher, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, LMU Klinikum

Was uns zudem bewusst sein sollte: Alkohol ist eine Substanz, die abhängig macht und gesundheitsschädlich ist – und das schon ab dem ersten Tropfen. Wir sollten uns daher auch fragen, warum wir etwas trinken wollen. Ist es Genuss oder ein Drang? "Sobald das Suchtmittel den Konsum kontrolliert und ich das nicht mehr im Griff habe, geht es in die Sucht", erklärt der Suchtforscher.

Hangxiety: Was hilft

Verglichen mit anderen negativen Folgen von Alkohol ist Hangxiety im besten Fall zeitlich begrenzt. Das heißt: Sie wird vorbeigehen. Wir können sie aber auch nutzen, noch mal genauer hinzuschauen. "Die Frage 'War ich gestern zu viel, war ich völlig daneben', ist meist keine Frage zum letzten Abend, sondern vielmehr zum eigenen Selbstwert. Hangxiety legt alte Erfahrungen von Nichtdazugehören, Beschämung und auch Anpassungsdruck offen", sagt die Psychoanalytikerin Cemile Tamboga.

"Hangxiety ist ein moderner Ausdruck von Scham auf der einen Seite und Kontrollverlust und Selbstoptimierungsdruck auf der anderen Seite."
Cemile Tamboga, Psychoanalytikerin

Schlechter Schlaf, Kopfschmerzen, Übelkeit, starker Durst oder Müdigkeit sind körperliche Folgen von Alkohol, die viele kennen: der klassische Kater. Was aber psychisch passiert, sei individuell. Bei manchen bleibe es bei dem Kater. Andere würden hingegen in eine kleine Identitätskrise rutschen.

"Menschen, die ohnehin zu Angst, starkem Grübeln oder einem fragilen Selbstwert neigen, erleben diesen neurochemischen Absturz wie eine Art inneren Verstärker. Das heißt: Die körperliche Unruhe heftet sich direkt an Sätze wie 'Bin ich peinlich', 'War ich falsch', 'Bin ich nicht liebenswert'", so die Psychoanalytikerin.

"Menschen, die ohnehin zu Angst, starkem Grübeln oder einem fragilen Selbstwert neigen, erleben diesen neurochemischen Absturz wie eine Art inneren Verstärker."
Cemile Tamboga, Psychoanalytikerin

Was in einem Hangxiety-Moment helfen könne, ist:

  • Nervensystem beruhigen: Sich bewusst machen, dass es eine vorübergehende Reaktion ist und kein Beweis, dass etwas mit uns nicht stimmt. Das kann den Druck rausnehmen, sagt Cemile Tamboga. Wasser trinken, Essen, Duschen und frische Luft helfen zusätzlich.
  • Inneren Kritiker bemerken: Hier geht es darum, sanft mit sich selbst zu sein, statt sich zu verurteilen. Wir können uns fragen: Würden wir so auch mit einer Freundin reden? "Wichtig ist, diesen Tag danach nicht zu einer Art inneren Gerichtstag zu machen, sondern zu einem Regenerationstag", erklärt sie.

Wenn die Angstzustände nach dem Trinken aber häufig und sehr intensiv sind, unser Leben dadurch eingeschränkt wird, in dem wir beispielsweise Treffen aus Scham vermeiden oder wenn wir Alkohol immer öfter dazu nutzen, unsere Emotionen zu regulieren, sollten wir uns professionelle Hilfe holen. Hangxiety ist keine Diagnose. Aber ein wichtiges Warn- und Einladungssignal, so die Psychoanalytikerin.

Alisa hat bei ihrer Hangxiety ein anderes Umfeld geholfen. Zu ihren aktuellen Freund*innen hat sie eine tiefe Verbindung. Sie geht heute auch kaum noch feiern. Wenn sie Alkohol trinkt, fühlt sie sich mehr in der Kontrolle und hat nicht das Bedürfnis, wie früher, wild und exzessiv zu feiern.

In der Podcast-Folge erzählt Alisa noch mehr darüber, welchen Einfluss ein Gefühl von Unsicherheit früher auf ihren Alkoholkonsum hatte. Suchtforscher Tobias Rüther geht zudem weiter darauf ein, welche Rolle das Belohnungssystem hat. Klickt dafür oben auf den Play-Button.

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Shownotes
Hangxiety
Wie overthinken wir weniger nach dem Feiern?
vom 27. Februar 2026
Gesprächspartnerin: 
Alisa, hat sich früher am Tag nach dem Feiern oft als unangenehm wahrgenommen
Gesprächspartner: 
Tobias Rüther, Suchtforscher, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, LMU Klinikum
Gesprächspartnerin: 
Cemile Tamboga, Psychoanalytikerin
Autor und Host: 
Przemek Żuk
Redaktion: 
Yevgeniya Shcherbakova, Christian Schmitt, Ivy Nortey, Anne Bohlmann, Friederike Seeger
Produktion: 
Christiane Neumann
Quellen: