Seit er sechs Jahre alt ist, will Jochen Hemmleb nur eins: Er will wissen, ob George Mallory und Andrew Irvine es 1924 auf den Gipfel des Mount Everests geschafft haben. Die beiden Bergsteiger sind 1924 am Everest verschollen und niemand weiß, was passiert ist. Jochen Hemmleb beginnt jahrelange Nachforschungen, bis er sich eines Tages selbst zum Mount Everest aufbricht. 

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

In dieser Geschichte spielt ein Berg die Hauptrolle. Gemeint ist nicht irgendein Berg, sondern der Berg schlechthin, der Mount Everest. Und es geht um drei Menschen, die sich diesem Berg verschrieben haben: George Mallory, Andrew Irvine und Jochen Hemmleb.

George Mallory und Andrew Irvine wollten in den 1920er Jahren die Ersten auf dem Gipfel des Mount Everest sein, dem höchsten Berg der Welt. Jochen Hemmleb ist Jahrzente später riesiger Fan der beiden.

Jochen Hemmleb: Mallory war derjenige der diese Vision, diesen Traum hatte von der Everest-Besteigung. Und der sich da auch sehr taktisch mit auseinandergesetzt hat, wie er diese Besteigung angehen kann und ihm gegenüber war Andrew Irvine. Er war definitiv ein abenteuerlustiger Typ. Eine gute Ergänzung zu Mallory.

1924 war der Weg zum Mount Everest härter als heute

Heute gibt es am Everest eine Infrastruktur. Basislager, ausgetretene Pfade – das alles hatten George Mallory und Andrew Irvine nicht, als sie 1924 aufgebrochen sind. 

Jochen Hemmleb: Man wusste also gar nicht mal, wie ist der Weg zum Berg überhaupt und dann letztendlich auch wo führt die beste Route zum Gipfel. Und dann kommen die logistischen Umstände. Anreise per Schiff. Dann mit der Bahn weiter und dann zu Fuß die ganze Strecke. Heute ist man mit dem Jeep sechs Tage unterwegs, bis man am Everest ist oder noch kürzer. Damals hat man sechs Wochen zu Fuß gebraucht.

Im Juni 1924 haben sie es zumindest so weit geschafft, dass sie zum Gipfel aufsteigen können. Am Mittag werden sie nochmal gesehen von einem Kollegen – einige hundert Meter unter dem Gipfel. Und dann verschwinden die beiden im Schneesturm. Es wird nach ihnen gesucht – sie bleiben verschwunden.

Wann sind die beiden gestorben? Auf dem Weg hoch zum Gipfel? Oder auf dem Rückweg? Das sind wichtige Fragen. Denn wenn sie auf dem Gipfel waren, dann wären sie die ersten Menschen gewesen, die jemals dort oben waren.

Und genau diese Geschichte – und die offenen Fragen – die sind für Jochen Hemmleb zu einer Art Lebensaufgabe geworden.

Altes Foto von Expeditionsteam 1924
Das Bild zeigt das Expeditionsteam von Andrew Irvine und George Mallory am Mount Everest. Andrew Irvine ist die erste Person links in der hinteren Reihe, George Mallory die zweite.

Gestorben am Berg, aber nie gefunden

Jochen Hemmleb: Irgendwann war wirklich mal eine Situation. Da hatte ich meine Studentenbude, das war ja ein kleines Zimmer, 16 Quadratmeter, da konnte ich mein eigenes Bett nicht mehr benutzen, weil ich mein gesamtes Archivmaterial ausgebreitet hatte. Im Zimmer. Dann bin ich eben auf den Flur ausgewichen und hab mich da mit Schlafsack und Isomatte hingelegt, weil ich nicht am Abend alles wieder wegräumen wollte. Nur um es dann am nächsten Mittag wieder auszubreiten, wenn ich aus der Uni heimkam.

"Da habe ich dann länger hinter Fotos und Landkarten vom Everest, als hinter den Geologie-Büchern gesessen."
Jochen Hemmleb über seine Nachforschungen zu George Mallory und Andrew Irvine während seines Studiums

Jochen Hemmleb spricht hier vom Jahr 1997. Er studiert damals Geologie in Frankfurt am Main. Die Diplomarbeit steht an und er will ein Gebirge in Neuseeland untersuchen. In seinem winzigen Studentenappartement sieht es damals auch nach akribischer wissenschaftlicher Arbeit aus: Jochen Hemmleb wälzt Bücher und Karten. Bloß – darauf sieht man eben keine Berge in Neuseeland, sondern fast nur den Mount Everest.

Für die Diplomarbeit hat er irgendwann immer weniger Zeit. Stattdessen dreht sich für ihn alles um die Frage: Was ist 1924 mit George Mallory und Andrew Irvine passiert? Waren sie die Ersten auf dem Gipfel des Mount Everest?

Mit sechs hört Jochen Hemmleb das erste Mal von George Mallory und Andrew Irvine

Gut 20 Jahre später sitze ich jetzt mit Jochen Hemmleb bei ihm zuhause an seinem Wohnzimmertisch in Südtirol, wo er mittlerweile lebt. Um uns herum auf dem Boden liegen Bücher und Bauklötze seiner Kinder. 

Sein Sohn ist etwa sechs, sieben Jahre alt. Und genauso alt ist auch Jochen Hemmleb, als sein Vater, der ist selbst begeisterter Bergsteiger, ihm zum ersten Mal die Geschichte von Mallory und Irvine erzählt. Ein paar Jahre später, da ist Jochen Hemmleb 16 Jahre alt, da kommt dann ein Buch über die beiden Bergsteiger raus.

"Das ist genau das. Da fing alles an."
Jochen Hemmleb über seine Faszination mit George Mallory und Andrew Irvine

Jochen Hemmleb hat tiefblaue Augen und die leuchten jetzt als er das Buch durchblättert. "The Mystery of Mallory and Irvine" heißt es und es ist das erste ausführliche Buch über die Expedition von Mallory und Irvine – und die offenen Fragen, die es dabei gibt. Jochen Hemmleb bekommt es 1987 von seinen Eltern zu Weihnachten geschenkt.

Jochen Hemmleb: Ich habe das in drei Tagen verschlungen. Und dann kam es zu diesem Moment, 26. oder 27. Dezember, kurz nach Weihnachten. Ich saß vormittags in meinem Zimmer, las die letzten Seiten von diesem Buch und deswegen kann ich diesen Moment, der letztendlich für mein Leben entscheidend geworden ist, so genau datieren. Es war an diesem Vormittag, damals lief im Hessischen Rundfunk eine Sendung, die hieß Hitcontainer. Da konnte man sich Musik wünschen und es lief da gerade ein Lied – es war "Midnight Blue" vom Foreigner-Sänger Lou Gramm. Und es war als dieses Lied lief, der Moment: Ich habe das Buch zugemacht, ich habe diese Bilder auch vor meinem inneren Auge gehabt, diese Vorstellung, wie Mallory und Irvine im Nebel verschwinden. Und plötzlich hatte ich wirklich dieses innere Bauchgefühl – diese Geschichte, die führt zu irgendwas im Leben.

"Da war ich mir in diesem Moment total sicher, das habe ich innerlich gespürt, diese Geschichte wird mich nicht mehr loslassen. Das war der Beginn."
Jochen Hemmleb über den Moment, als er wusste, dass diese Geschichte sein Leben prägen würde

Jochen Hemmleb fängt kurz danach an, sein privates Everest-Archiv anzulegen: Bücher, Berichte und Fotos, er versucht alles zu bekommen. Jochen ist damals 16, lebt in Südhessen und geht noch aufs Gymnasium. Das heißt: Der Mount Everest ist für ihn damals eigentlich unerreichbar. Er will trotzdem alles über den Berg wissen. 

Dafür sucht er damals umständlich Adressen raus von Bergsteigern. Auf der Schreibmaschine schreibt er ihnen Briefe und fragt nach Bildern vom Everest oder Informationen zur Expedition von 1924. Ich stelle mir das ein bisschen so vor, wie ein Teenager, der ein riesiger Fan von ner Band oder einem Künstler ist und da unfassbar viel Zeit reinsteckt. Bei Jochen hört diese Begeisterung aber nicht irgendwann auf.

Jochen Hemmleb: Also ich weiß noch, wie ich dann nach meinem Abitur Führerschein machen wollte und mal so einen kleinen Betrag von einer Oma zugesteckt bekommen habe und gedacht habe: Nö, von dem zahle ich jetzt nicht wieder eine Fahrstunde. Jetzt kaufe ich mir erstmal die Bücher von 1924. Die kosten ja nicht wenig. Und da gab es ein bisschen lange Gesichter, nach dem Motto: Der Junge soll jetzt seinen Führerschein machen und nicht diese Bücher kaufen. Aber in solchen Dingen bin ich immer schon ein intuitiv handelnder Mensch gewesen und ich habe gewusst, dass diese Bücher jetzt das sind, was ich mehr brauche.

Das Mount Everest-Rätsel als Hilfe durch schwere Zeiten

In der Schule ist Jochen eher ein Einzelgänger, manche Mitschüler mobben ihn sogar, weil er sich eben für ganz andere Dinge interessiert als die anderen in seiner Klasse – mit Mallory und Irvine können die anderen Teenies nix anfangen. Jochen Hemmleb scheint das nichts auszumachen, zumindest lächelt er viel, als er mir davon erzählt. Das irritiert mich. Es wirkt so, als habe er sich sogar wohlgefühlt in der Freak-Schublade, in die ihn die meisten schnell reinstecken.

Mit seinem Vater ist er viel in den Alpen unterwegs. In einem Alter wo ich dringend nach meiner ersten Freundin suche, hat Jochen Hemmleb schon den ersten Viertausender in den Alpen bestiegen. Und seine Berufung hat er da auch gefunden – das Rätsel um Mallory und Irvine. Das hilft ihm damals auch bei einer anderen Sache: Jochen Hemmlebs Mutter ist krank.

Jochen Hemmleb: Depressionen können ein Leben unheimlich ausbremsen. Egal ob als Betroffener oder Angehöriger. In so einer Zeit dann wirklich etwas daneben zu haben, was einem immer wieder dieses Lichtsignal gibt: Hey hier gibt’s noch was. Hallo! Das war teilweise unheimlich wichtig. Dass diese Funktion diese Mallory-Geschichte übernommen hat und in gewisser Weise bis heute tut, die Everest-Geschichte. Eine Angelschnur die ich auswerfe, an der ich mich entlang hangeln kann. Das hat eine große Bedeutung für mich. Ein wunderschönes Heilmittel. 

"In so einer Zeit dann wirklich etwas daneben zu haben, was einem immer wieder dieses Lichtsignal gibt: Hey hier gibt’s noch was. Hallo! Das war teilweise unheimlich wichtig."
Jochen Hemmleb hat das Rätsel um den Mount Everest geholfen, mit der Krankheit seiner Mutter umzugehen
Mann mit Karte von Everest
© Deutschlandfunk Nova | Linus Lüring
Jochen Hemmleb mit einer Karte des Mount Everests

Jochen Hemmleb bewegt sich zwischen zwei Leben

Und so vertieft sich Jochen Hemmleb immer weiter in die Geschichte von Mallory und Irvine und in die Frage: Haben es die beiden vor ihrem Tod bis auf den Gipfel des Mount Everest geschafft? Das will er wissen und er verschreibt sich dieser Geschichte. Gleichzeitig muss er ganz normal zur Schule gehen und den Alltag bestehen.

Jochen Hemmleb: Der Wunsch wirklich mein eigenes Ding zu machen, der war irgendwie immer größer. Und es war immer auch ein schmaler Grat, einerseits in einer gewissen Alltagsstruktur zu bleiben, nicht zum kompletten Aussteiger zu werden, also bis zu einem gewissen Grad die Regeln mitzuspielen, um eben auch den klassischen Alltagsweg mit Abitur, Ausbildung gehen zu können und in gewisser Weise auch zu wollen. Und trotzdem aber dieses Individuelle zu wahren. 

Es gibt also zwei Leben, zwischen denen sich Jochen Hemmleb da bewegt. Das eine ist eben der normale Alltag im System: Schule, Zivildienst, Studium und so weiter. Das andere, das sind die Berge und das ist vor allem seine Leidenschaft für die Geschichte von Mallory und Irvine. Er nennt das sein Parallel-Leben. Aber dieses doppelte Leben macht es schwer für Jochen Hemmleb, längere Beziehungen zu haben.

Er recherchiert trotzdem immer weiter und nach und nach kapiert er, wie die Expedition zum Gipfel 1924 abgelaufen sein könnte. Dabei ist dieses Bauchgefühl noch immer da, das er 1987 hatte, als er zum ersten Mal das Buch gelesen hat.

"Ich hatte keine Ahnung was diese Geschichte mit meinem Leben machen würde. Ich hatte nur das ganz tiefe Gefühl, dass sie definitiv etwas mit meinem Leben machen würde."
Jochen Hemmleb forscht auch während seines Studiums immer weiter

Jochen Hemmleb: Ich möchte wissen, was ist dort oben passiert. Weil dieses Entlocken von Rätseln aus der Vergangenheit, das geht wieder auf diese Ur-Motivation zurück: Grenzen erweitern. Wissen erweitern. Vielleicht sogar auch über eine Grenze zu schauen, die man im Allgemeinen für unüberwindlich hält. Nämlich was ist jenseits des Todes. Die beiden sind gestorben – was können sie uns immer noch erzählen? Und das ist sowas, das… wenn ich Ihnen das jetzt sage, da läuft es mir richtig den Rücken runter, mir stellen sich die Haare auf.

Auf seinem Bein ist in dem Moment tatsächlich eine Gänsehaut.

1997 kommt ein Punkt, an dem hat Jochen Hemmleb so gut wie alles zusammengetragen zur Expedition von 1924. Aber ein eindeutiger Beweis für das, was mit den beiden geschehen ist, der fehlt. Da hoffen Jochen Hemmleb und viele andere auf die kleine Kamera, die Mallory und Irvine dabei hatten. Experten sagen, dass dass der Film durch die große Kälte noch gut erhalten sein konnte. Wenn man darauf ein Foto findet, das die beiden am Gipfel zeigt – dann wäre das Rätsel gelöst.

Jochen Hemmleb: Es gab einfach einen gewissen Wissenstand, der auch einen gewissen Stillstand bedeutete und ich hab mich natürlich gefragt, wie kann man das vorwärts treiben, wie kann man neue Schritte gehen?

Eine Idee bringt die Nachforschungen weiter

Eine Idee hat Jochen Hemmleb noch: 1975 hat ein chinesischer Bergsteiger hoch oben am Mount Everest eine Leiche gefunden. Er hat von einem "alten englischen Toten" erzählt, den er ungefähr 20 Minuten von Lager sechs entfernt gefunden hat. Das ist eines der höchsten Lager auf dem Weg zum Gipfel, in dem die Kletterer übernachten. 

Bei dem Toten könnte es sich um Mallory oder Irvine handeln. Doch Jochen Hemmleb kann den Chinesen nicht einfach fragen, er stirbt einen Tag nach seinem Fund bei einem Lawinenabgang. Und seitdem hat auch nie wieder ein anderer Bergsteiger von so einer Leiche berichtet.

Dann macht Jochen Hemmleb eine Entdeckung, als er am Schreibtisch verschiedene Fotos von Lager 6 vergleicht. Darunter ist auch ein Bild, das während der Expedition gemacht wurde, bei der der chinesische Bergsteiger dabei war.

Jochen Hemmleb: Ich habe auf einmal gemerkt, Moment mal, diese ganzen Fotos sehen ja gar nicht einheitlich aus. Also im Hintergrund die Art und Weise, die Perspektive auf den Gipfel auf den Grat im Hintergrund von dem Lager, die war zwischen den Fotos immer eine andere. Nicht immer gleich. Und da wusste ich in dem Moment, es gibt kein einheitliches Lager 6 dort oben. Es gibt Verschiebungen. Die Zelte, die stehen mal da, mal dort.

"Ich habe auf einmal gemerkt, Moment mal, diese ganzen Fotos sehen ja gar nicht einheitlich aus. "
Jochen Hemmleb hat während seiner Nachforschungen eine entscheidende Entdeckung gemacht

Dann hilft Jochen Hemmleb etwas, das er aus dem Geologie-Studium kennt: Er sucht auf den Fotos immer die gleichen Punkte, den Gipfel zum Beispiel oder markante Schneefelder und verbindet die unterschiedlichen Sichtlinien, die sich ergeben. So findet er raus, wo das jeweilige Foto aufgenommen wurde. Er weiß dann auch wo das Lager gestanden hat, von dem aus der Chinese 1975 die Leiche gefunden hatte. 

Jochen Hemmleb: Ich hatte es anhand dieser Rekonstruktion von Sichtlinien etwa in diesem Bereich geortet. Am Rand von diesem Schneefeld auf dieser Felsrippe auf etwa 8.200 Metern. Ich konnte sagen, das Lager, von dem der Chinese losgegangen ist, liegt an einem anderen Ort, als die üblichen Lager sechs, was eben auch erklärte, warum bisher niemand mehr in dieser Gegend war, um den Toten zu sichten oder zu finden. Und das war dann der Punkt, an dem ich gesagt habe, so jetzt müsste man eigentlich an Bergsteiger herantreten und sagen – Leute habt ihr Interesse dieses Rätsel zu lösen? Ich hab hier einen Ansatz, ich kann euch einen etwas genaueren Hinweis geben, wo man suchen müsste.

1999 setzt Jochen Hemmleb alles auf eine Karte

Als Jochen Hemmleb an diesem Punkt ist, ist es Mitte 1998, er ist 26 Jahre alt – und steckt mitten in seiner Diplomarbeit über das neuseeländische Gebirge fest. Und dann dieser Durchbruch.

Eher zufällig bekommt Jochen Hemmleb in dieser Zeit auch Kontakt zu amerikanischen Bergsteigern. Die Amerikaner wollen das Rätsel um Mallory und Irvine wirklich lösen. Als er mir von dieser Zeit erzählt, setzt sich Jochen Hemmleb aufrecht hin, als wolle er allen Leuten erklären, die gesagt haben "Hey, zum Everest wirst du nie fahren": "Euch zeige ich es jetzt".

Jochen Hemmleb: Ich war damals in einer Lebenssituation, wo ich einen Wechsel auch gewollt habe. Und das war auch eine Motivation dieses Wagnis der Expedition einzugehen. Weil ich gemerkt habe, dass mich – so sehr ich eine Faszination für die Geologie habe und hatte – die akademische Arbeit nicht mehr befriedigt hat. Also es gab da Momente an die ich mich erinnere, wo ich am Institut saß, in die Runde geschaut habe und dachte: Was soll ich hier? Ich habe den Gesprächen zugehört und mir gedacht ich gehöre hier nicht mehr rein. Mein Weg geht woanders hin. 

Und war auch privat in einer Situation, ich war damals Single und habe mir einen Lebenspartner auch gewünscht und hatte irgendwie unterschwellig sehr, sehr viel in diese Expedition reingelegt und gesagt: Diese Expedition hat eigentlich für mich das Potenzial mein Leben auf den Kopf zu stellen.

Jochen Hemmleb setzt 1999 alles auf eine Karte: Er legt seine Diplomarbeit endgültig, erstmal auf Eis und plündert sein Konto, um die ganze Ausrüstung für die Expedition kaufen zu können: Jacken, Schuhe und so weiter.. Dazu kommt: Dabei wird er wieder als Freak abgestempelt. Viele Kommilitonen und Dozenten können nicht fassen, was er da tut.

Eine Expedition bricht auf, um den toten George Mallory zu finden

Jochen Hemmleb: Ich bin nach Katmandu gekommen und bin zum ersten Mal auf das Team getroffen. Und da habe ich auch gemerkt, dass es ein paar Leute gab, die sehr offen waren und es gab auch welche die einen skeptisch betrachtet haben. So was ist dieser Student hier wirklich? Und ich hatte auch das Gefühl unter einem gewissen Druck zu stehen, mich jetzt beweisen zu müssen. Nachdem Motto ich bin es wirklich wert, dass man mich hier mitnimmt. Und das hat diese Expedition nicht ganz leicht gemacht für mich.

Jochen Hemmleb ist gerade mal 27 und ist am Berg zwar kein Anfänger, er hat inzwischen selbst schon den Mont Blanc und den Kilimandscharo bestiegen – aber um ihn herum stehen jetzt teilweise richtige Bergsteiger-Cracks, die meisten aus den USA. Einer davon ist Jake Norton. Der ist selbst etwa so alt wie Jochen Hemmleb und versteht ihn ganz gut. Er erinnert sich noch gut an dieses erste Treffen und die übergroßen Egos der Bergsteiger.

"The Climbing Community, to my liking, has far more ego involved than it should. And there were a lot of people looking at him, like he was young. He had climbed, but wasn’t a climber per se. So there was a lot of challenge on that front."
Jake Norton, war mit Jochen Hemmleb auf der Expedition

Jochen Hemmleb muss jetzt beweisen, was er wirklich kann. Kann die Expedition mit seiner Hilfe Mallory oder Irvine finden? Vielleicht sogar die Kamera? Bislang kennt er selbst das Suchgebiet ja nur von Landkarten und Fotos.

"Das war dann wirklich ein großartiger Moment, den Everest zum ersten Mal zu sehen. Es war eben nicht nur der Anblick vom Everest, es war dieses Bild - hey ich bin wirklich hier. Träume können wahr werden. "
Jochen Hemmleb reist das erste Mal zum Mount Everest

Jochen Hemmleb bleibt also im Basislager auf rund 5000 Metern Höhe. Anders als bei den beiden Männern, die ihn zum Everest gebracht haben, Mallory und Irvine, ist sein Ziel ja nicht den Gipfel zu besteigen – sondern das Rätsel um die beiden verschollenen Bergsteiger zu lösen.

Mann mit Teleskop an Mount Everest
© Dave Hahn
Jochen Hemmleb 1999 am Mount Everest

Die Codewörter lauten "Boulder" und "Gorak"

Am 1. Mai 1999 sind alle Vorbereitungen abgeschlossen. Früh morgens machen sich fünf Bergsteiger aus dem Suchteam auf den Weg. Das Team will sich heute eigentlich nur umsehen und langsam ins Suchgebiet vortasten. Jochen Hemmleb sitzt rund 20 Kilometer entfernt im Basislager und beobachtet alles durch ein Teleskop. Ein wolkenloser Morgen, die Sicht ist gut.

Jochen Hemmleb: Es war ein zutiefst befriedigendes Gefühl, die fünf da oben zu sehen, wie sie da unterwegs waren. Weil bis zu diesem Zeitpunkt war wirklich noch nie ein Team so definiert da oben auf eine Suche gegangen. "Jetzt wird es ernst!" Das war ein ganz spezieller Moment auch.

Die Bergsteiger müssen extrem vorsichtig sein. In der dünnen Luft ist jeder Schritt anstrengend. Dazu ist das Gelände ziemlich steil und voller Geröll. Ein Fehltritt könnte einen Sturz über mehrere tausend Meter in die Tiefe bedeuten. Konzentriert suchen sie jetzt nach einem Leichnam oder anderen Spuren. Über Funk ist Jochen Hemmleb mit dem Team verbunden.

Jochen Hemmleb: Wir hatten vereinbart, wenn Mallory oder Irvine gefunden werden sollte, dann dies nicht als direkte Nachricht durchzugeben, sondern codiert. Weil wir hatten einfach eine gewisse Exponiertheit mit unserer Expedition. Es gab auch sicherlich welche, die, als sie wussten, wir sind am Berg, uns am liebsten zuvorgekommen wären und natürlich haben auch Leute unsere Gespräche abgehört. Und da haben wir gesagt, wir überlegen uns ein Codewort. Da haben wir eben vereinbart, wenn Boulder, also Felsblock, genannt wird, dann heißt das sie haben eine Leiche – Mallory oder Irvine. Und wenn dann noch ein Gorak erwähnt wird, ein Himalayarabe, dann haben sie die Kamera.

Durch das Teleskop sieht er, was da hoch oben am Everest passiert. Dann, kurz vor Mittag, kommt wieder ein Funkspruch.

Jochen Hemmleb: Wie dann um 11.30 Uhr Conrad Anker über Funk kam und diesen kryptischen Satz äußerte: "Das letzte Mal, als ich versucht hab einen Felsblock mit Nagelschuhen zu besteigen, da bin ich dabei runtergefallen", "The last time I climbed a boulder problem in hobnailed boots , I fell off", hat keiner wirklich in dem Moment realisiert, was er sagen will.

"Ich weiß, wir haben das gehört, wir haben das registriert im Basislager: 'Ok Conrad, danke für die Info.' Ja und ich erinnere mich noch dran, wir saßen da: 'hhm. Moment mal. Der hat doch gerade eben Boulder gesagt. Hallo? Leute, heißt das jetzt möglicherweise, die haben den?'"
Jochen Hemmleb über den Moment, in dem das Expeditionteam die Leiche von Mallory findet

"Jochen, du wirst jetzt ein glücklicher Mensch werden"

Durch das Teleskop sieht Jochen Hemmleb, dass sich alle Bergsteiger an einer Stelle treffen und zwei Stunden lang fast nicht wegbewegen. Viel mehr kann er nicht erkennen. Aber er ahnt, es muss etwas passiert sein. Spät am Abend dann endlich kann er mit dem Team über Funk sprechen – und ganz am Ende hört er noch diese Botschaft:

Jochen Hemmleb: "Jochen du wirst jetzt ein glücklicher Mensch werden." Und wie der Satz fiel, da wusste ich: Das isses! Ich bin aufgestanden, raus aus dem Zelt. So 20 Meter raus in die Geröllebene. Ich bin wirklich auf die Knie, Richtung Berg und: Jaaa! Das wars, das isses. Ja! Ein unglaublicher Moment.

Aber Jochen Hemmleb weiß immer noch nicht, was da hoch oben am Everest wirklich passiert ist. Erst zwei Tage später, als das Team zurück ins Basislager kommt, erfährt er es: Sie haben die Leiche von George Mallory gefunden, 75 Jahre nachdem er gestorben ist. Der Leichnam ist sehr gut erhalten, durch die Kälte quasi mumifiziert, das sieht Jochen Hemmleb auf Videos. 

Und bevor die Bergsteiger George Mallory unter Steinplatten bestattet haben – so war es vorher mit den Angehörigen abgesprochen – haben sie die Leiche vorsichtig durchsucht. Denn es geht ja um eine Frage: Gibt es irgendwelche Beweise dafür, dass Mallory und Irvine 1924 den Gipfel des Everest erreicht haben? Finden sie vielleicht sogar die Kamera?

Jochen Hemmleb: Sie haben geradewegs rausgesagt: "Wir haben keine Kamera gefunden. Wir haben in allen Taschen gesucht, keine Kamera, keinen Film gefunden." Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass da Enttäuschung war, sondern man hat das einfach registriert. Also isses so.

Trotzdem – dass man George Mallory überhaupt gefunden hat, den legendären Bergsteiger, das ist 1999 eine Riesensache: Medien berichten weltweit darüber. Und ohne Jochen Hemmleb wäre das so nicht möglich gewesen, sagt Jake Norton – der Bergsteiger, der Mallory mitentdeckt hat.

"Jochen brought so much knowledge and understanding to the team. And so much passion around it. Without him I don’t think that the team would have coalesced in the way it did. Jochen’s intimate knowledge of the upper mountain, of all the details and all his research. So yeah, I really believe that without him it would not have happened the way it did."
Jake Norton über Jochen Hemmleb

Ohne Jochens Wissen hätten Jake und seine Kollegen den toten Mallory wahrscheinlich nicht gefunden. Und das obwohl Jochen Hemmleb vor der Expedition einfach nur ein Geologie-Student, der keine Lust mehr hat auf die Uni hat, seine Diplomarbeit unterbricht und alles auf diese Expedition setzt - und noch nie am Everest war.

Ein Mann mit einer alten Sauerstoffflasche
© Deutschlandfunk Nova | Linus Lüring
Jochen Hemmleb heute.

Das Rätsel um die Erstbesteigung ist der rote Faden in Jochen Hemmlebs Leben

Jochen Hemmleb: Letztendlich kann ich sagen, die ganzen Erwartungen, die ich hatte an die Expedition, die haben sich erfüllt. Es ging nur nicht auf einen Schlag. Es hat einfach, den Anstoß zu Entwicklung gegeben, die mich Stück für Stück zu diesen Sachen hingeführt hat. Wenn ich jetzt auf die 18 Jahre zurückschaue, ich bereue kein einziges Jahr, was in irgendeiner Weise von diesem Ereignis getriggert wurde. Dieser 1. Mai 1999 gibt mir bis heute ein extremes Gefühl von Ganzheitlichkeit. Dass mein Leben so eine ununterbrochene Kette darstellt seitdem – ohne einen wesentlichen Bruch.

Nach der Expedition ändert dreht sich Jochens Leben komplett. Das was vorher sein Parallelleben war, das wird jetzt endgültig sein Lebensinhalt. Sein Studium lässt er erstmal links liegen und schreibt stattdessen ein Buch über diese Suchexpedition. 

Seine Diplomarbeit gibt er dann zwar mit einigen Jahren Verspätung noch ab, aber nach und nach wird er ein gefragter Alpin-Historiker. Er schreibt Bücher und dreht Dokumentarfilme. Aber - das Rätsel um Mallory und Irvine, das ja alles ausgelöst hat – es bleibt bis heute ungelöst. 

"Obwohl dieser Fund ein absolutes Highlight war und meinem Leben eine ganz andere Richtung gegeben hat, besteht das Mysterium weiter."
Jochen Hemmleb

2001 meldet sich dann eine Studentin bei Jochen Hemmleb. Begeistert hat sie sein Buch über die Such-Expedition gelesen. Sie fragt, ob er einige Fragen zur Kleidung der Bergsteiger in den 1920er Jahren beantworten kann. Sie möchte eine ähnliche Kollektion entwerfen.  Klar kann er ihr helfen, er hatte Proben von Mallorys Kleidung schließlich intensiv untersucht. Mittlerweile haben die beiden zwei Kinder. Und Jochens Hemmlebs zwei Leben – sie haben zusammengefunden.