Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selbst. Forschende haben aber jetzt festgestellt, dass die von den Menschen verursachte Erderwärmung diese Drehung verlangsamt. Warum uns das alarmieren sollte.
Diese Drehung der Erde um sich selbst bestimmt unseren Tag, der 24 Stunden misst. Schon immer hat sich diese Taglänge aber verändert. Wir spüren das nicht, weil sich diese Veränderungen im Bereich von 10 bis 20 Mikrosekunden bewegt, erklärt Astrophysiker Michael Büker.
Nur für Satelliten-Navigationssysteme wie GPS oder in der Astronomie, wo mit präziser Zeitmessung gearbeitet wird, ist das wichtig. Deshalb wurde in der Vergangenheit schon eine Schaltsekunde eingelegt, um diese Veränderung auszugleichen. Davon merken wir in unserem Alltag aber nichts.
Natürliche Prozesse
Die Forschung beobachtet diese Veränderungen der Taglänge, weil sie daraus Rückschlüsse auf die verschiedenen Einflüsse auf unseren Planeten ziehen kann. Der größte Einfluss auf die Taglänge haben die Gezeitenkräfte zwischen Erde und Mond, sagt Michael Büker. Diese Kräfte haben über Jahrmillionen hinweg dafür gesorgt, dass unser Tag heute 24 Stunden misst. Zu Zeiten der Dinosaurier betrug der nämlich nur 22 bis 23 Stunden, erklärt der Wissenschaftsjournalist.
Wie sich die Verteilung von Wasser auf die Erdumdrehung auswirkt
Andere Einflüsse auf die Erddrehung entstehen durch die Bewegungen des Gesteins im Innern der Erde, die Verschiebung der Kontinentalplatten auf der Erdoberfläche und durch die Verteilung des Wassers auf der Erde. Vor allem das Wasser in den Böden – also ob es sich eher um Feuchtgebiete oder trockenes Land handelt – und die Verteilung von Eis auf den Landmassen sind entscheidend. Und genau hier greift der Mensch ein.
Durch die jahrhundertelange Verbrennung von gewaltigen Mengen an Kohle, Öl und Gas setzen wir Treibhausgase in die Atmosphäre frei. Dadurch wird der Treibhausgaseffekt verstärkt, der zu einer Erwärmung der Erdoberfläche und der Erdatmosphäre führt. Inzwischen haben wir im Jahresmittel ein 1,5 Grad wärmeres Klima als vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.
Umverteilung von Wasser durch Erderwärmung
Diese Erwärmung führt dazu, dass die Eisschilde auf Grönland und der Antarktis schmelzen. Das Schmelzwasser verteilt sich in den Ozeanen und ist somit weiter weg von den Polen der Erde und ihrer Drehachse. Dadurch verlangsamt sich die Drehung der Erde.
"Die Erde dreht sich langsamer – wie ein Eiskunstläufer, der seine Pirouette bremst, indem er die Arme ausstreckt."
Dass sich die Taglänge über die vergangenen Jahrmillionen immer wieder veränderte, ist nicht ungewöhnlich. Teilweise waren die Unterschiede sogar größer, als sie derzeit gemessen werden. Doch die Forschenden haben auch festgestellt, dass diese Veränderungen in den letzten vier Millionen Jahren nie so schnell waren wie die jetzige. Und diese Schnelligkeit der Veränderungen zeigt sich auch in anderen Bereichen der Geowissenschaften. Denn auch Temperaturveränderungen gab es in der Erdgeschichte – " aber nahezu niemals haben sie sich so rasant vollzogen", sagt Michael Büker.
Um überhaupt feststellen zu können, wie vor Jahrmillionen sich die Taglänge verändert hat, haben Forschende Fossilien der Foraminiferen analysiert. Das sind kleine Meeresbewohner, deren Schalen die chemische Zusammensetzung im Tages- und Jahresverlauf speichern. Mit diesen und weiteren physikalischen Daten haben die Forschenden KI-Modelle gefüttert, um so die Zeitenreihen zu rekonstruieren, erklärt der Wissenschaftsjournalist.
Wenn der Mensch die natürlichen Prozesse übertrifft
Diese Mikroveränderungen spüren wir zwar nicht in unserem Alltag - pro Jahrhundert verlängert sich die Taglänge um ein paar Millisekunden –, dennoch sollte uns diese Entwicklung alarmieren. Mit dem Verbrennen von Kohle, Öl und Gas verursachen wir so starke Veränderungen auf der Erde, dass wir gerade dabei sind, die natürlichen Prozesse der vergangenen Jahrmillionen zu übertreffen.
