Celina hat Angst vor Ablehnung und vermeidet Konflikte. Eine Expertin erklärt, wie wir lernen, Spannungen auszuhalten. Und ein Konfliktforscher zieht Parallelen zwischen einem Nachbarschaftsstreit und Auseinandersetzungen in der Weltpolitik.
Celina beschreibt sich selbst als schüchtern und anpassungsfähig, sie geht Konflikten möglichst aus dem Weg. "Wenn mich irgendwas stört, dann lasse ich das bei mir, anstatt, dass ich es anspreche, weil ich das einfach nicht bereden möchte, weil ich keine Lust auf diesen Konflikt habe“, sagt sie.
"Es ist nicht nur keine Lust, sondern diese Angst vor Ablehnung und was diese Person über mich sagt."
Celina sagt auch, sie hat sogar Angst, Probleme anzusprechen. Kann sich jedoch nicht erklären, warum. Das bedeutet: Sowohl in ihrer Partnerschaft, als auch bei der Arbeit, sagt sie grundsätzlich ja und nimmt Dinge und Aufgaben hin, die sie eigentlich gar nicht machen möchte oder müsste. "Vor allen Dingen bei Fremden oder bei Leuten, die mich halt nicht zu 100 Prozent kennen, heißt es sowieso immer ja", sagt Celina.
"Ich kann kein Nein sagen. Geht nicht."
Wenn sie in einer Situation ist, in der sich ein Konflikt anbahnt, spürt sie das sogar körperlich: "Ich werde nervös, ich habe Herzrasen und stehe dann auch schon kurz vor einer Panikattacke. Also es ist nicht ohne", sagt Celina. Sie würde sich wünschen, einfach häufiger mal Nein zu sagen. Und sie hat auch das Gefühl, dass andere Menschen sie dann vielleicht ernster nehmen, wenn ihr das gelingen würde.
Private und politische Auseinandersetzungen ähneln sich
Jede und jeder von uns erlebt Konflikte im Alltag – zum Beispiel mit Freund*innen, Kolleg*innen, Familie. Und wenn wir Nachrichten schauen, geht es auch oft um Konflikte, allerdings sind das dann meist Kriege und Auseinandersetzungen auf der Ebene der Weltpolitik. Wir haben einen Konfliktforscher gefragt, ob all diese sehr unterschiedlichen Konflikte auch Gemeinsamkeiten haben.
Tobias Ide arbeitet am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung und sagt: Ja, die Auseinandersetzungen ähneln sich durchaus. Und vor allem sagt er, Konflikte können auch Verbesserungen bringen. "Vielleicht habe ich zum Beispiel mit meinem Partner, meiner Partnerin, einen Konflikt. Wer bringt jetzt den Müll raus? Und im Rahmen dieses Konflikts fällt uns auf, dass die Hausarbeit vielleicht wirklich ungleich verteilt ist. Und es gibt einen positiven Wandel."
Und das Gleiche gilt auch wieder auf der ganz großen Ebene. "Viele wichtige Errungenschaften, die wir hier in den letzten 150 Jahren hatten – Demokratie, Frauenrechte, Minderheitenrechte, soziale Marktwirtschaft – sind teilweise aus ganz erheblichen Konflikten hervorgegangen", sagt der Forscher.
"In dem Moment, wo Konflikte gewaltsam umschlagen – und das kann von Kneipenschlägereien hin zu Atomkriegen reichen –, hat es in der Regel ganz massive negative Auswirkungen."
Konflikte können aber auch ausarten, begleitet von großer Gewalt. "Es werden Menschen verletzt, es werden Menschen getötet, es werden Dinge zerstört. Aber wenn wir eins wissen, dann ist es auch, dass wenn Konflikte einmal so eine Gewaltschwelle überschritten haben, dann können sie dazu tendieren, sich selber zu verfestigen." Dann wird es immer schwieriger, wieder einen Frieden zu schließen.
Und diese Dynamik, so Tobias Ide, gebe es ebenfalls beim Nachbarschaftsstreit: "Wenn ich mich einmal mit meinem Nachbarn anbrülle, ist es relativ einfach, morgen wieder zu dem zu gehen und zu sagen: 'Komm, finden wir vielleicht eine Lösung – Schwamm drüber'. Wenn er mir jetzt zwei Zähne ausgeschlagen hat, tue ich mich damit vielleicht schwerer."
Trotz Konflikt in Kontakt bleiben
Tobias Ide sagt, egal um welchen Konflikt es sich handelt, es sei wichtig, trotzdem noch irgendwie mit dem Gegenüber in Kontakt zu bleiben, "weil das einfach dazu führt, dass es auch in angespannten Situationen immer noch einen Austausch von Informationen gibt". Denn wenn ein Kontakt ganz abbricht, ist es noch schwieriger, ihn irgendwann wieder aufzunehmen.
"Ein ganz wichtiger Grund ist die Vermeidung von Spannung."
Es ist natürlich sehr schwierig, Lösungen für Konflikte zu finden, wenn wir uns scheuen, sie anzusprechen. Da lohnt es sich genauer hinzuschauen und den Grund dafür zu verstehen. Die psychologische Psychotherapeutin Sarah Becker sagt, dass viele Menschen die Spannungen nicht ertragen, "die man aushalten müsste und dann werden dadurch manchmal Dinge gar nicht angesprochen."
"Das Problem ist, dass ich dann wahrscheinlich die Dinge in mich reinfresse. Was dazu führt, dass ich die ganze Zeit in so einem Alarmmodus bin."
Für manche Menschen sei die Angst vor Ablehnung allerdings noch größer. Und das führe dann dazu, dass man lieber mit einem unguten Gefühl weitermacht, anstatt es anzusprechen. "Wenn ich mir Sorgen mache, ob ich andere enttäuschen könnte oder nicht mehr so doll gemocht zu werden, dann halte ich vielleicht lieber aus, dass irgendwie ein bisschen was zwischen uns steht, als dass ich dann noch eine Stufe weitergehe und dann die direkte Ablehnung erfahre", sagt Sarah Becker.
Der Umgang mit Konflikten ist individuell
Wie gut wir mit Spannungen in Konflikten umgehen können, das sei sehr individuell und habe auch verschiedene Facetten. "Das hat auch ein bisschen was Biologisches. Wie schnell reagieren wir auf Spannung oder negative Rückmeldung?", sagt sie. Und auf der anderen Seite hängt es auch damit zusammen, wie wir gelernt haben, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen. "Wurde gestritten? Durfte man widersprechen? Konnte jemand sauer sein und war danach alles wieder gut oder bedeutete das, wenn jemand sauer auf mich war, dass ich dann tagelang mit so einem unguten Gefühl durch die Wohnung geschlichen bin?", so Sarah Becker.
So können wir lernen, Konflikte auszuhalten
Sarah Becker sagt, es lohne sich, daran zu arbeiten, einen Konflikt auszutragen. Und nicht einfach immer nur wegzustecken. Der erste Schritt sei zu hinterfragen, warum wir eigentlich so eine Angst haben. Und in einem nächsten Schritt können wir das Nein-Sagen einfach mal in kleinen, wenig wichtigen Situationen üben: "Zum Beispiel, ich möchte heute Abend lieber zu Hause bleiben, als auszugehen. Oder ich möchte jetzt lieber die Pizza mit Tomaten anstatt die mit Pilzen. Also völlig banale Alltagsdinge, wo man mal üben kann, wie fühlt es sich an, zu widersprechen."
"Wenn man es mit sicheren Menschen in einer sicheren Umgebung übt, geht es auch bei fremderen Personen zunehmend leichter."
Und noch etwas können wir trainieren, sagt die psychologische Psychotherapeutin: Einfach mal die Spannung in einem Konflikt aushalten und beobachten, was passiert, "dass ich wahrnehme, krass, ich habe jetzt eben meine Meinung gesagt, jetzt geht mein Herzschlag hoch, jetzt fange ich an, schwitzige Hände zu bekommen. Und das wie ein neutraler Beobachter wahrzunehmen, ohne es gleich als falsch oder Katastrophe zu bewerten."
Denn wenn wir das ein bisschen aushalten, dann merken wir auch, wie die körperliche Reaktion auf die Spannung nach wenigen Minuten und ein paar ruhigen Atemzügen von alleine wieder verschwindet.
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