Innerhalb weniger Wochen haben sich rund 730 Beschäftigte des Schlachtbetriebs Tönnies im Kreis Gütersloh mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Rund 7000 Menschen müssen in Quarantäne, weil sie in dem Schlachtbetrieb arbeiten oder mit Beschäftigten Kontakt hatten.

Seit Mittwoch (17.06.20) liegt die Schlachtung in dem betroffenen Tönnies-Werk still. Erst am 15. Mai meldete der Schlachtbetrieb vereinzelte Infizierungen unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Werks in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh. Den Anstieg auf ungefähr 730 Infizierte (Stand: 18.06.20) innerhalb der letzten Wochen macht Michael Esken sprachlos. Er ist Bürgermeister der Stadt Verl, wo rund 350 der Beschäftigten des Schlachtbetriebs leben.

"Ich war erst sprachlos. Es ist eine unglaubliche Zahl."
Michael Esken, Bürgermeister der Stadt Verl im Kreis Gütersloh

Wie es zu dem Ausbruch kommen konnte, ist bisher unklar. Irgendjemand muss die Infektions- und Hygienevorschriften nicht eingehalten haben, vermutet der Bürgermeister. Anders könne er sich die aktuelle Zahl nicht erklären.

Zusammenleben auf engstem Raum

Michael Esken kennt die Wohnverhältnisse, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schlachterei leben. Die 350 Menschen in Verl sind auf engstem Raum in bedenklichen Wohnverhältnissen untergebracht, erklärt er, für die sie eine unverhältnismäßig hohe Miete zahlen müssten. Jetzt stehen die Beschäftigten zusätzlich für 14 Tage unter Quarantäne.

Mitarbeitende in Schlachterei: Opfer eines bekannten Systems

Der Bürgermeister sieht sie als Opfer eines Systems. Die Verantwortung für die aktuelle Situation liege auch bei der Politik, erklärt er. Dazu zählt er auch sich selbst: "Haben wir denn nicht alle gewusst, die wir Verantwortung tragen, dass die Menschen auf so engem Raum zusammenleben? Dass dieses System so ist, wie es ist? Haben wir vielleicht doch zu spät gehandelt?", fragt Michael Esken.

"Ich habe Mitleid mit den Menschen. 350 Menschen wohnen auf sehr engem Raum zusammen. In Wohnverhältnissen, in denen ich nicht leben möchte. Und jetzt sind sie für 14 Tage in Quarantäne."
Michael Esken, Bürgermeister der Stadt Verl im Kreis Gütersloh

Die Stimmung in Verl sei gerade dementsprechend schwierig. Das liegt auch an der Ungewissheit vor dem, was noch kommen kann und der sich ständigen verändernden Lage in der Stadt, erklärt der Bürgermeister. Als Reaktion auf den Ausbruch hat der Kreis Gütersloh alle Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen.