Die neue Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah ist brüchig. Benjamin Netanjahu wollte weiter angreifen, wurde von US-Präsident Donald Trump aber zurückgepfiffen. Wie kann es weitergehen? Und was bedeutet das für die Menschen im Land?
Elsy ist zwanzig Jahre alt, Studentin und lebt in Dahija, einem Vorort von Beirut. Das Viertel gilt als Hochburg der Hisbollah und wird immer wieder Ziel israelischer Angriffe. Als Israels Premierminister Benjamin Netanjahu Anfang der Woche ankündigte, noch weiter im Libanon vorzurücken und gezielt Vororte der Hauptstadt anzugreifen, bedeutete das für Elsy vor allem eines: fliehen.
Gemeinsam mit ihrer Familie ist sie im Haus eines Onkels in den Bergen untergekommen. Dort sei es sicherer als in der Hauptstadt, erzählt sie. Wirklich sicher fühle sie sich aber immer noch nicht.
"Israel hat im Verlauf dieser Kriege bewiesen, dass es keinen wirklich sicheren Ort gibt."
Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg, an dem sich auch die Hisbollah beteiligt, lebt der Libanon im Ausnahmezustand. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurde zeitweise jeder fünfte Mensch im Land vertrieben. Laut der libanesischen Regierung wurden allein seit Beginn des Irankriegs im März 2026 mehr als 3.300 Menschen getötet.
Flucht gehört zum Alltag
Der Alltag vieler Menschen im Libanon besteht aus permanenter Unsicherheit, sagt die freie Korrespondentin Stella Männer, die im Libanon lebt, sich derzeit aber in Deutschland aufhält.
Die Folge sei nicht nur die Angst vor Angriffen, es wirke sich auch auf das alltägliche Leben aus. Elsy hätte in diesem Sommer eigentlich ihren Universitätsabschluss machen sollen. Doch daraus wird vorerst nichts. Universitäten werden aufgrund der Angriffe geschlossen, Veranstaltungen fallen aus oder finden nicht regulär statt.
"Der Krieg und die Sicherheitslage verändern wirklich jeden Aspekt des Lebens."
Nach Einschätzung der Journalistin spitzt sich die Lage im Land zu. Israelische Bodentruppen seien weit in den Libanon vorgedrungen. Im Grenzgebiet seien ganze Dörfer zerstört worden, in anderen Teilen des Südlibanons gehörten Raketenangriffe weiterhin zum Alltag.
Die Macht der Hisbollah im Libanon
Israel begründet seine Angriffe damit, Stellungen der Terrormiliz zu bekämpfen. Gleichzeitig sterben immer wieder Zivilist*innen. Das liege auch daran, dass die Grenzen zwischen militärischen und zivilen Strukturen im Libanon oft schwer zu ziehen seien, erklärt Stella Männer. "Libanon ist seit Jahren eine Art Failed State, das heißt, er kann seiner Bevölkerung keine öffentliche Infrastruktur zur Verfügung stellen." Diese Lücken habe die Hisbollah gefüllt. Sie betreibe Krankenhäuser, Schulen, Tankstellen sowie Hilfsorganisationen und Rettungsdienste.
"Die Hisbollah ist nicht nur eine Miliz, sie hat auch ein großes Netzwerk an Organisationen, die die staatliche Infrastruktur übernehmen."
Dadurch werde es schwierig zu unterscheiden, welche Einrichtungen unmittelbar mit der Hisbollah verbunden sind und welche nicht. Gleichzeitig gebe es Berichte über Angriffe auf rein zivile Einrichtungen, sagt Stella Männer.
"Es gibt ganz klare Berichte, die belegen, dass auch Hilfsorganisationen angegriffen werden, die nichts mit der Hisbollah zu tun haben."
Die massiven Bombardements haben weite Teile des Südlibanons verwüstet. Ganze Dörfer und Städte seien dem Erdboden gleichgemacht worden, sagt Stella Männer.
Julio Segador, ARD-Korrespondent im Studio Tel Aviv, bestätigt die Zerstörungen. Aus israelischer Sicht gehe es darum, entlang der Grenze eine Sicherheits- beziehungsweise Pufferzone zu schaffen.
Israel Ziel: Fakten schaffen, solange es geht
Julio Segador erläutert die israelische Position: Es heißt, die Dörfer seien von der Hisbollah besetzt, unter der Erde befänden sich weitverzweigte Bunker, Waffenlager und Tunnel. Daher haben der israelische Premierminister und sein Militär das Gebiet mit Vehemenz angegriffen. Fest steht laut Julio Segador: Spätestens jetzt seien diese Orte unbewohnbar geworden. Für die Menschen bedeutete das vor allem eines: Flucht.
Folgen der Angriffe auf den Norden Israels
Doch auch im Norden Israels greift der Krieg in das Leben der Menschen ein. "Seit dem Angriff der Hisbollah nach dem 7. Oktober 2023 haben schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Menschen ihre Häuser verlassen", sagt der Korrespondent.
"Von einem normalen Leben kann man im Norden Israels nicht sprechen"
Drohnenangriffe gehörten hier zum Alltag. Auch in dieser Nacht habe es erneut Angriffe gegeben. "Die Menschen können mitunter schon zu Hause sein, doch Schulen und Kindergärten bleiben geschlossen", fasst Julio Segador die Lage der Menschen zusammen. Gleichzeitig betont er, dass Israel über ein sehr gutes und ausgeklügeltes System an Schutzräume verfügt. Im Libanon fehle eine solche Infrastruktur.
Trumps Einfluss auf Netanjahu
Trotz ausgerufener Waffenruhen scheint ein Ende der Angriffe nicht in Sicht. Das könnte sich unter Umständen ändern, falls ein Deal zwischen den USA und dem Iran zustande kommt, vermuten politische Beobachter*innen. Laut Julio Segador sei das ein Grund, weshalb Netanjahu versucht, bis dahin möglichst viele militärische Fakten zu schaffen.
"Da wird eben versucht, so schnell es noch geht, Fakten zu schaffen und so viele Gebiete wie möglich zu besetzen – bevor aus den USA ein Diktat kommt.“
Vor diesem Hintergrund sei auch Netanjahus Ankündigung zu verstehen gewesen, den Beiruter Vorort Dahija anzugreifen. Doch US-Präsident Donald Trump soll in einem, wie es heißt, "hitzigen" Telefonat dagegengehalten haben. Seine Sorge, so Julio Segador: Eine weitere Eskalation hätte die Verhandlungen der Amerikaner mit dem Iran gefährden können.
Tatsächlich hat die israelische Armee aufgehört, jene Angriffspläne weiter zu verfolgen, sagt Julio Segador. "Die israelische Armee bleibt dennoch weiterhin im Süden des Libanon präsent." Ein Gebiet, das Israel als Sicherheitszone bezeichnet, während andere von Besatzung sprechen.
Wie geht es weiter?
Geplant sind nun weitere Gespräche zwischen Israel und der libanesischen Regierung. Vertreter der Hisbollah würden allerdings nicht mit dabei sein. Julio Segador spricht deshalb eher von Alibi-Verhandlungen. Korrespondentin Stella Männer erwartet keine Veränderung.
"Ich gehe davon aus, dass es weiter zu Angriffen kommen wird."
Entscheidend ist aus Sicht der Journalistin, wie die internationale Gemeinschaft reagiert. "Viel hängt davon ab, wie die internationale Gemeinschaft reagiert. Übt sie weiterhin Druck aus? Oder guckt man weiter weg, wenn Israel Völkerrecht und internationales Recht bricht?"
Für die Menschen im Libanon bedeutet dieser Zustand vor allem eines: weitere Unsicherheit.
Nachdem klar war, dass Israel den Süden Beiruts vorerst nicht gezielt angreifen würde, hat sich Elsy übrigens entschlossen, nach Dahija zurückzukehren. Wie lange sie in ihrem Zuhause bleiben kann, weiß sie aber nicht.
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