Lithium kennen die meisten von uns als Bestandteil von Akkus oder Psychopharmaka. Aber was ist dran an Lithium als Nahrungsergänzungsmittel, zum Beispiel, um die Stimmung zu stabilisieren oder um präventiv vor einer Alzheimer-Erkrankung zu schützen?

Lithium als Nahrungsergänzungsmittel soll ausgeglichener und friedfertiger machen – so wird es zumindest im Netz angepriesen. Aber was ist tatsächlich dran? Das Leichtmetall wird seit über 60 Jahren bei der Behandlung von bipolaren Störungen eingesetzt. Lithiumsalze (wie Lithiumcarbonat oder Lithiumcitrat) beeinflussen den Botenstoffwechsel im Gehirn und wirken dadurch stimmungsstabilisierend.

Als Bestandteil von Psychopharmaka gilt Lithium als wirksam. Allerdings löst der Stoff häufig auch starke Nebenwirkungen bei Patienten und Patientinnen aus. Dazu zählen Symptome wie Schwindel, Übelkeit und Muskelzittern. Mit der Dauer der Einnahme gehen diese Symptome jedoch oft von selbst wieder weg.

"Lithium gilt bei der Behandlung von bipolaren Störungen als der Goldstandard, ist allerdings auch nicht ohne."
Julia Demann, Deutschlandfunk Nova

Die Besonderheit von Lithium: Es hat einen engen therapeutischen Korridor. Das Medikament so zu dosieren, dass es sowohl wirksam als auch sicher ist, ist kompliziert. Rund ein Drittel der Behandelten muss die Therapie wegen Unverträglichkeit oder zu starker Nebenwirkungen abbrechen. "Außerdem kann die Niere geschädigt werden, wenn man es eben über einen sehr, sehr langen Zeitraum nimmt", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Julia Demann.

"Zwischen guter Wirksamkeit und Vergiftung liegt ein schmaler Grat."
Julia Demann, Deutschlandfunk Nova

Ein weiteres Problem besteht in den Wechselwirkungen, die Lithium mit anderen Medikamenten haben kann, zum Beispiel mit einigen Schmerzmitteln, Blutdrucksenkern, Herzmedikamenten und Psychopharmaka. Lithium kann zudem einem ungeborenen Kind im Mutterleib schaden und auch über die Muttermilch in den Körper eines Babys gelangen.

Lithium ist im Netz auch als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, obwohl es beispielsweise in der EU als solches gar nicht zugelassen ist. Viele Hersteller und Vertreiber nutzen Schlupflöcher, um es anzubieten. Nahrungsergänzungsmittel werden nicht so engmaschig kontrolliert, und die Dosierung kann bei verschiedenen Herstellern sehr unterschiedlich sein. Das macht eine Zulassung deutlich schwieriger, weil ja bekannt ist, dass eine hohe Dosierung von Lithium gesundheitsgefährdend sein kann.

"Als Nahrungsergänzungsmittel ist es in der EU aber bislang verboten, weil es eben diese pharmakologische Wirkung hat und nicht als essentieller Nährstoff deklariert ist."
Julia Demann, Deutschlandfunk Nova

Was die Diskussion um Lithium als Nahrungsergänzungsmittel verstärkt, sind bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse. Es gibt Studien, die nachgewiesen haben, dass dort, wo mehr Lithium natürlich im Leitungswasser vorkommt, weniger Menschen Suizid begehen. Außerdem erkranken Personen, die Lithium nehmen, weil sie eine bipolare Störung haben, seltener an Demenz. Forschende konnten an Mäusen zeigen, dass sich tatsächlich weniger Alzheimer-Plaques im Gehirn bilden, wenn man ihnen Lithium gibt.

Alzeheimer bei Mäusen anders als bei Menschen

Aber selbst diese Forschungsergebnisse rechtfertigen nicht, Lithium als Nahrungsergänzungsmittel zu empfehlen, sagt Özgür Onur, Demenz-Forscher und Leitender Oberarzt an der Kölner Uniklinik. Die Untersuchungen, die an Mäusen durchgeführt wurden, lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen. Weil die Proteine, die bei Mäusen nicht korrekt gebildet werden und dadurch Alzheimer-Erkrankungen verursachen können, eine andere Struktur haben als die entsprechenden Proteine beim Menschen.

Was fehlt, sind klinische Studien, die die Wirkung von Lithium – etwa weniger Suizide, seltener auftretende Alzheimer-Erkrankungen – eindeutig nachweisen, erklärt der Neurologe Özgür Onur. Solange wissenschaftliche Nachweise dafür nicht existieren, könne man keine Einnahme von Lithium als Nahrungsergänzungsmittel empfehlen, sagt der Mediziner.

Shownotes
Medizin
Lithium als Nahrungsergänzungsmittel ist nicht zu empfehlen
vom 02. Juli 2026
Moderatorin: 
Anke van de Weyer
Gesprächspartnerin: 
Julia Demann, Deutschlandfunk Nova