• Deutschlandfunk App
  • ARD Sounds
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Meterhoch und hart wie Beton: Nach der Sturzflut in Nepal begraben Schlammmassen ganze Täler. Hunderte Menschen sind tot, etwa 3.000 werden noch vermisst. Nun drohen weitere Fluten, was die Arbeit der Rettungskräfte noch schwerer macht.

Die Bilder aus Nepal und dem Grenzgebiet zum chinesisch kontrollierten Tibet sehen teils aus wie aus einem Science-Fiction-Film: Eine riesige Schlammwelle hat am Mittwochvormittag nepalesischer Zeit wie aus dem Nichts ganze Gebäude, Brücken, Busse und Menschen mitgerissen.

"Es sind Tote gefunden worden, 150 Kilometer entfernt. Die sind 150 Kilometer mitgerissen worden von dem Fluss, von dieser Flutwelle."
Lena Bodewein, ARD-Korrespondentin in Südasien

"Ich habe gesehen, wie etwa neun Lastwagen von den Fluten mitgerissen wurden, einschließlich der Menschen", berichtet ein Anwohner der ARD. "Ich bin hier seit 18 Jahren und so etwas habe ich noch nie erlebt."

Die Zahl der Todesopfer ist inzwischen – Stand: 30.08.2026 – auf 750 gestiegen. In Nepal wurden bisher 734 Leichen geborgen, Chinas Behörden sprechen in der Region Tibet von bisher 16 Opfern.

Die Opferzahlen steigen immer weiter

Die Zahlen werden vermutlich noch deutlich steigen. Denn im Katastrophengebiet werden noch etwa 3.000 Menschen vermisst, Einheimische wie Tourist*innen – darunter auch mehrere Deutsche. Das betroffene Gebiet im Norden Nepals ist ein beliebtes Wander- und Pilgerziel. Satellitenbilder zeigen, dass ganze Dörfer quasi verschwunden sind.

Nach einer Naturkatastrophe zählt jede Stunde, um noch Überlebende zu finden. Doch die Rettungsarbeiten mussten zwischendurch unterbrochen werden, weil neue Sturzfluten drohen, berichtet Lena Bodewein. Hilfskräfte versuchen, die Kommunikation so schnell wie möglich wiederherzustellen, um vor eben diesen neuen möglichen Fluten warnen zu können.

Schlamm, hart wie Beton

Für die Rettungskräfte gibt es oft kaum ein Durchkommen. Denn der Schlamm, den die Lawine mit sich gebracht hat, bestehe aus „dickem Schlick, der sich aus der pulverisierten Gletscherzunge und dem pulverisierten Gestein gebildet hat“, so unsere Korrespondentin. Und dieser Schlick ist inzwischen hart wie Beton.

Er bleibt hunderte Meter weit im Land liegen und hat Autos, Häuser und Bäume überzogen. Und Menschen: Auch die Überlebenden, die noch aus Häusern oder von Häuserdächern geborgen werden konnten, sind voller Schlamm.

Lichtblicke, die Hoffnung machen

Zum Glück gibt es diese kleinen Lichtblicke, diese Fälle, wo Menschen tatsächlich noch gerettet werden konnten bzw. können:

"In einem Zimmer haben die Leute die Tür zugehalten und der Schlamm ist nicht reingekommen. Das Wasser ist zwar durchgekommen, aber der Schlamm ist draußen geblieben."
Lena Bodewein, ARD-Korrespondentin in Südasien

Einmal konnten Bewohner eines Hauses mit aller Kraft eine Tür zuhalten, so dass zwar das Wasser, nicht aber der Schlamm durchkam. Anschließend war die Tür blockiert und die Menschen wurden mit Seilen aus dem Schlamm herausgezogen, berichtet Lena Bodewein.

Einzige Hoffnung: Hilfe aus der Luft

Weil Zufahrtsstraßen und Brücken zerstört wurden, sind manche Regionen überhaupt nicht mehr zugänglich – und damit auch abgeschnitten von der Hilfe. Rettungshubschrauber der Armee sind daher aktuell die einzige Möglichkeit. Und sie fliegen weiter, trotz der Warnung vor einer weiteren Flutwelle.

Sie werfen Hilfsgüter ab, vor allem Decken und Planen. Es hat nämlich auch noch angefangen zu regnen, da ist es wichtig, sich zuzudecken und ein Dach über dem Kopf aufspannen zu können. Außerdem sind natürlich Medikamente wichtig. Und Wasserfilter, damit die Leute Trinkwasser haben und nicht krank werden.

"Diese eine Straße, diese Lebensader, die an diesem Fluss entlanggeführt hat, ist über 40 km weggespült worden. 60 Brücken wurden weggespült."
Lena Bodewein, ARD-Korrespondentin in Südasien

Menschen, die überlebt haben, werden von den Hubschraubern evakuiert und in Notunterkünfte in der etwas sicherer gelegenen Talregion Trishuli gebracht. Verletzte, alte und kranke Personen werden in die Krankenhäuser der Hauptstadt Kathmandu geflogen. Die Regierung hat angekündigt, dort alle Menschen gratis zu versorgen.

Wie konnte es zu dieser Sturzflut kommen?

Georg Veh ist Geomorphologe am Institut für Umweltwissenschaften und Geographie der Universität Potsdam. Er erforscht, was an der Erdoberfläche passiert und schaut auf Gletscher und Hangrutsche. Die Höhe der Flutwelle in Nepal und was dadurch weggeschwemmt wurde - so etwas habe er noch nie gesehen, sagt er.

"Insgesamt mehrere hundert Millionen Kubikmeter Material hat sich auf einmal gelöst in einer Höhe von über viereinhalbtausend Metern – und ist dann fast senkrecht nach unten gefallen."
Georg Veh, Geomorphologe an der Uni Potsdam

Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist ein sehr großes Stück eines Gletschers abgebrochen, erklärt Georg Veh – gleichzeitig außerdem auch noch das darunterliegende Gestein. "Das war im Volumen nach sogar noch viel, viel, viel mehr als die Gletschermasse selbst. Also insgesamt mehrere hundert Millionen Kubikmeter Material."

In einer Höhe von über viereinhalbtausend Metern habe sich diese Masse quasi auf einmal gelöst und sei dann fast senkrecht nach unten gefallen – mehrere tausend Meter.

Reibungshitze schmilzt das Gletschereis zu Wasser

Durch das Herunterfallen und Zerbrechen des Gesteinsmaterials sei dann eine enorme Reibungshitze entstanden, die das mitgeschleifte Gletschereis zu Wasser aufgeschmolzen hat. Dazu kamen noch andere Wasserquellen:

  • Schneeschmelze
  • der Monsun, der gleichzeitig stattfindet
  • das Wasser des Flusses im Tal

Aus der ursprünglichen Hangrutschung habe sich so eine enorme Fließbewegung gebildet – und diese habe sich dann innerhalb weniger Minuten unfassbar schnell hangabwärts ins Tal gewälzt und alles mit sich gerissen.

"Erste Schätzungen sagen, dass sich die Flutwelle mit 50 Metern pro Sekunde abwärts bewegt hat."
Georg Veh, Geomorphologe an der Uni Potsdam

Konkrete Hinweise darauf, dass so etwas passieren würde, gab es nicht, sagt Georg Veh. "Es hat sich etwas bewegt, aber das ist auch nicht unüblich. Es war – Stand jetzt, also mit den Daten, die man jetzt hat – tatsächlich unerwartet."

Frühwarnsystem: Viele Länder müssen zusammenarbeiten

Man sei zwar daran, Frühwarnsysteme zu entwickeln, sagt Georg Veh. Das Problem liege aber an der Umsetzung: "Man sieht ja, dass diese Flut sich an der Grenze zwischen China und Nepal ausgebreitet hat und sich sogar noch 200 Kilometer bis nach Indien ausgebreitet hat. Also es ist ein multinationaler Kontext, das heißt, viele Länder müssen zusammenarbeiten, um Frühwarnsystem zu etablieren."

In einer Größenordnung von etwa 15 Minuten von Warnung bis Eintreffen der Flutwelle könne man es zwar theoretisch noch schaffen, hangaufwärts zu laufen, um sich irgendwie in Sicherheit zu bringen. In den steilen Tälern Nepals wäre das aber so oder so sehr sehr schwierig geworden, sagt Georg Veh.

"Wenn man jetzt allerdings diese Bilder sieht, dann in diesen steilen Tälern… Es ist so extrem gewesen, also selbst dann hätte man wahrscheinlich schlechte Chancen gehabt."
Georg Veh, Geomorphologe an der Uni Potsdam

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Nepal
Die Sturzflut zerstörte ganze Dörfer
vom 28. August 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartner: 
Georg Veh, Geomorphologe am Institut für Umweltwissenschaften und Geographie an der Universität Potsdam
Gesprächspartnerin: 
Lena Bodewein, Korrespondentin in Neu-Delhi, Indien