Therapien oder Medikamente sind konventionelle Mittel, um psychische Erkrankungen zu behandeln. Ein etwas anderer Ansatz sind Peer-Beratungen: Menschen, die selbst psychische Krisen durchlebt haben, beraten akut Betroffene auf Augenhöhe.

Die Behandlung von psychisch Erkrankten verlangt eine große Expertise. Psychiater und Psychotherapeuten durchlaufen eine langwierige und aufwendige Ausbildung, um anderen Menschen in Krisen zur Seite stehen zu können.

Bei der Behandlung besteht aber auch immer eine gewisse Hierarchie. Hier soll die Peer-Beratung ansetzen, da sich ehemalige Betroffene und Patienten auf Augenhöhe begegnen können. Nach wie vor leitet aber der Therapeut die Therapie an und verschreibt die Medikamente.

"Gleichwertiger" Peer als Anlaufstelle, Wegweiser und Mutmacher

Der englische Begriff Peer bedeutet auf Deutsch gleichwertig oder ebenbürtig. So haben Peer-Berater wie Jens Jüttner selbst einen langen Leidensweg hinter sich. Er erzählt davon, dass er zehn Jahre lang mit mehreren heftigen Psychosen und Depressionen zu kämpfen hatte. Im Verlauf der Jahre bekam er auch unterschiedliche Diagnosen – unter anderem paranoide Schizophrenie und schizoaffektive Störung.

Die Erfahrungen, die er in diesen Jahren gemacht hat, wollte er irgendwann nutzen, um anderen zu helfen, ihre psychischen Krisen zu überstehen. Dafür hat er eine einjährige, bundesweit anerkannte Weiterbildung zum Genesungsberater gemacht. Seit fünf Jahren arbeitet er als Peer-Berater im Landschaftsverband-Rheinland-Klinikum und im Sozialpsychiatrischen Zentrum der Stadt Düsseldorf.

"Es geht darum, erst mal auf Augenhöhe den Leuten zu begegnen und ein bisschen Nähe aufzubauen. Also ganz niederschwellig, ohne dass da irgendwie so ein großes Hierarchiegefälle ist."
Jens Jüttner, Peer-Berater

Peer-Beratungen oder auch Genesungs- oder Ex-In-Begleitungen gibt es in vielen sozialpsychiatrischen Zentren, karitativen Verbänden oder psychologischen Kliniken, – auch wenn sie nicht ganz prominent oben auf der Website stehen. Die Beratungen folgen allgemein keinem festen Muster. Sie sind abhängig vom Peer-Berater selbst.

Peer-Bertung ist keine Therapie

Dementsprechend verfolgt Jens Jüttner ein Konzept, dass er selbst entwickelt hat. Er ist Autor und bietet Workshops für Kreatives Schreiben an. Er möchte, dass sein Angebot möglichst niedrigschwellig ist: Auf Augenhöhe sein, eigene Gedanken zu Papier bringen und dann darüber ins Gespräch kommen.

"Der große Anspruch der Peer-Beratung: Betroffene sollen sich auf Augenhöhe verstanden fühlen. Da sitzt jemand, der Ähnliches durchgemacht hat, der die eigene Position kennt."
Felix Feldmann, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Zu Jens Workshops kommen sowohl Ersterkrankte, die Orientierung im ganzen Therapie- und Psychotherapeuten-Umfeld brauchen und Erkrankte, die seit Jahren immer wieder in Kliniken behandelt werden. Ganz klar ist allen Beteiligten aber, dass Jens Jüttner keine Therapie anbietet.

"Dort, wo Diagnostik, Therapie oder klinische Entscheidungen gefragt sind, hat Peer-Support einfach schlichtweg seine Grenze."
Franziska Günther, schreibt ihre Doktorarbeit über Peer-Beratung an der TU Dortmund

Ist die Rollenverteilung zwischen Medizin, Psychologie, Pflege und Peer-Beratung klar, dann zeigen Franziska Günthers eigene Arbeiten und internationale Studien klare positive Effekte bei Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit der Betroffenen.

"In der Forschung wird Peer-Support auch oft als ergänzend zu klinischen Interventionen beschrieben."
Franziska Günther, schreibt ihre Doktorarbeit über Peer-Beratung an der TU Dortmund

Immer dann, wenn Menschen Vertrauen oder Stabilisierung brauchen, – da wo klassischen Beratungsangebote an ihre Grenzen stoßen – hat die Peer-Beratung die Möglichkeit, eine positive Veränderung zu bewirken.

Team kann Belastungen von Peer-Berater auffangen

Peer-Berater Jens Jüttner versteht sich selbst genau so: Als Anlaufstelle, Wegweiser und Mutmacher. Dass ihn diese Arbeit selbst belasten könnte, auch aufgrund seiner Vorgeschichte, ist ihm bewusst – er hat aber gelernt, sich abzugrenzen von den Probleme der Betroffenen. Außerdem stehen den Peer-Beratenden auch professionelle Teams zur Seite, um Belastungen abzufangen.

Shownotes
Peer-Beratung
Beratung auf Augenhöhe
vom 09. Januar 2026
Moderation: 
Christoph Sterz
Autor: 
Felix Feldmann, Deutschlandfunk Nova