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Im Iran gehen Menschen wieder auf die Straße. Der Protest richtet sich vor allem gegen die schlechte wirtschaftliche Lage im Land, aber längst auch gegen das Regime. Wie hoch ist der Druck auf die Mullahs?

Nachdem die iranische Landeswährung innerhalb weniger Monate gegenüber dem US-Dollar auf ein historisches Tief gefallen ist, breiten sich im Land Proteste aus. Der Währungsverfall trifft die Menschen unmittelbar: Lebensmittel, Mieten und Energie werden immer teurer. Für viele ist der Alltag kaum noch bezahlbar.

Besonders auffällig: In der Hauptstadt Teheran schließen zahlreiche Händler, die sogenannten Basaris, ihre Geschäfte und gehen auf die Straße. Sie rufen "Nieder mit der Diktatur" und "Tod dem Diktator Khamenei".

Proteste sind im Iran lebensgefährlich

Laut iranischen Aktivist*innen gibt es inzwischen Demonstrationen im ganzen Land. Mehr als 2.000 Menschen sollen festgenommen worden sein, Dutzende wurden laut der Human Rights Activists News Agency getötet.

Was sich gerade im Iran abspielt, verfolgt Shoan Vaisi sehr genau. Der 35-Jährige stammt aus dem Iran, ist Kurde und lebt heute in Essen. Er floh mit 21 Jahren als politisch Verfolgter nach Deutschland, arbeitet als Schulsozialarbeiter und engagiert sich politisch zu Iran und Kurdistan. Bis 2025 saß er auch für die Linke im Essener Stadtrat.

"Die Menschen wissen, was sie erwartet, wenn sie auf die Straße gehen. Es kann sein, dass sie nicht wieder nach Hause kommen."
Shoan Vaisi, Exil-Iraner

Viele seiner Freund*innen und Familienangehörigen gehen zurzeit auch auf die Straße. Aus seiner Heimatregion berichtet Shoan Vaisi, dass die Proteste täglich zunehmen. "Gerade heute gab es bei uns im iranischen Kurdistan in großen Teilen der kurdischen Gebiete einen Generalstreik." Dazu hätten kurdische Parteien und Menschenrechtsorganisationen aufgerufen.

Die Menschen wüssten genau, welches Risiko sie eingehen. Trotzdem protestieren immer mehr. "Die Menschen haben es satt", fasst Shoan Vaisi die Situation zusammen.

"Besonders junge Menschen sehen, dass sie keine Perspektive haben, und sie wissen, dass sich daran in den kommenden Jahren nichts ändern wird."
Shoan Vaisi, Exil-Iraner

Shoan Vaisi erzählt, dass er Angst hat um die Menschen, die auf die Straße gehen. "In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Freund*innen und Familienangehörige bei Protesten festgenommen und verhaftet. Einige wurden auch getötet." Gleichzeitig könne er ihre Wut auf das Regime und die Sehnsucht nach einem Wechsel verstehen. Zumal er sich das auch wünscht.

Shoan Vaisi beschreibt das am Beispiel eines Freundes im Iran: Trotz 16-Stunden-Arbeit reiche das Geld nicht zum Leben. Viele Menschen bräuchten zwei oder drei Jobs, um überhaupt über die Runden zu kommen. Gleichzeitig gebe es unzählige Arbeitslose. Die wirtschaftliche Lage habe sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert – auch durch jahrelanges Missmanagement.

Der Iran hat in kurzer Zeit mehrere Verbündete verloren

Die aktuellen Proteste sind Teil eines länger andauernden Konflikts, sagt Politikberater Cornelius Adebar. Er ist auch für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) tätig und spricht von "der Fortsetzung eines langen Ringens und Kampfes gegen das Regime". Dass ausgerechnet Händler ihre Geschäfte schließen, sei ein Warnsignal für die Mullahs.

Darüber hinaus hat sich die geopolitische Lage für den Iran in den vergangenen Monaten verändert, erklärt Cornelius Adebar. Seit dem sogenannten Zwölf-Tage-Krieg im Sommer 2025 sei das Regime schwer angeschlagen. Zwar habe es überlebt, doch gezielte Angriffe Israels auf Militärs, Einrichtungen und das Atomprogramm hätten tiefe Spuren hinterlassen.

Hinzu kämen massive wirtschaftliche Folgen: Währungsverfall, fehlende Produkte, Wasserknappheit und Stromausfälle. All das habe das Vertrauen der Bevölkerung in das Regime weiter zerstört. Nur eine Minderheit profitiere noch vom System – darauf stützen sich die Mullahs.

"Die Menschen haben kein Vertrauen mehr in den Staat."
Cornelius Adebar, Politikberater unter anderem bei der DGAP

Auch international sei der Iran geschwächt. "Das liegt daran, dass viele seiner Verbündeten in kürzester Zeit weggebrochen sind", erklärt Cornelius Adebar. Dazu zähle die geschwächte Hamas, der durch die USA abgesetzte Nicolas Maduro in Venezuela und allem voran Machthaber Baschar al-Assad in Syrien.

Reicht der Druck für einen Umbruch?

Es gibt Beobachter*innen, die sagen, dass die jetzigen Proteste der Anfang vom Ende des Mullah-Regimes bedeuten könnten. Cornelius Adebars Einschätzung nach müsste dafür noch mehr passieren. Zunächst müsste sich aus den Protesten eine Bewegung mit breiter gesellschaftlicher Front bilden. Das sei bisher noch nicht absehbar. "Außerdem braucht es eine gemeinsame Vorstellung davon, was nach der Islamischen Republik kommen soll." Doch daran fehle es bislang sowohl auf Seiten der Opposition im Land als auch in der Diaspora.

Auch wenn aus den Protesten bisher keine Bewegung geworden ist, treffe sie auf eine geschwächte Führung und finde in einer Zeit mit einer unvorhersehbaren US-Regierung statt, betont Cornelius Adebar. "Donald Trump hat der iranischen Führung zuletzt wieder gedroht: Wenn sie Demonstrierende töten, würden die USA eingreifen." Wie realistisch das ist, sei unklar, aber die Drohung stehe im Raum.

Shoan Vaisi versucht trotz aller Unvorhersehbarkeit die Hoffnung nicht zu verlieren und gleichzeitig realistisch zu bleiben. "Jeder Protest ist ein weiterer Schritt", sagt er. Seine Hoffnung ist, dass die Menschen auf der Straße irgendwann stark genug werden, das Regime zu stürzen. "Und ich will ihnen in Deutschland eine Stimme geben."

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Proteste im Iran
Wie stabil ist das Mullah-Regime noch?
vom 08. Januar 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartner: 
Shoan Vaisi, 2011 aus dem Iran geflüchtet
Gesprächspartner: 
Cornelius Adebahr, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik