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Ole klingelt an fremden Haustüren und wirbt für taktisches Wählen. "Die Umfragen machen uns sehr große Angst", sagt er. Seine Kampagne will eine AfD-Alleinregierung verhindern. Aber kann taktisches Wählen wirklich den Unterschied machen?

Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Laut Umfragen wird hier die AfD, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, stärkste Kraft.

Für eine Alleinregierung braucht die Partei aber die absolute Mehrheit der Sitze im Landtag – und die wird wahrscheinlicher, wenn weniger kleine Parteien einziehen. Deshalb will Ole aus Halle Menschen in Sachsen-Anhalt davon überzeugen, einer kleinen Partei ihre Stimme zu geben.

Unterwegs für die Initiative Taktisches Wählen: Nicht alle wollen reden

Ole berichtet von unterschiedlichen Reaktionen, wenn er an den Haustüren klingelt: Ältere Menschen hätten ihm von ihrer Angst angesichts der hohen AfD-Umfragewerte erzählt und betont, wie wichtig Engagement sei, berichtet er. Jüngere Menschen hätten ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus und Sexismus geschildert und die Sorge geäußert, dass sich die Situation unter einer AfD-Regierung weiter verschärfen könnte.

"Es gibt Menschen, die sehr ablehnend reagieren – teils auch mit Beleidigungen oder ähnlichen Sachen."
Ole Horn, Kampagne Taktisch Wählen 2026

Neben offenen Begegnungen gibt es auch deutliche Ablehnung, sagt Ole. Manche Menschen wollten nicht sprechen. Teilweise hätten sie beleidigend reagiert oder die Gespräche bereits an der Haustür beendet.

Wahlempfehlung gegen eine AfD-Mehrheit

Die Initiative Taktisch Wählen hat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein Online-Tool entwickelt, das anhand der Postleitzahl eine Wahlempfehlung gibt – mit dem Ziel, eine rechtsextreme Regierung zu verhindern. Je nach Wahlkreis könne das Tool bei der Erststimme etwa einen CDU-Kandidaten und bei der Zweitstimme SPD oder Grüne empfehlen, FDP und BSW würden dabei ausgeschlossen.

"Das BSW hat mehrfach gesagt, dass sie auch eine AfD-Regierung unterstützen würden."
Ole Horn, Kampagne Taktisch Wählen 2026

Ole begründet den Ausschluss des BSW damit, dass die Partei mehrfach signalisiert habe, notfalls auch eine AfD-Regierung zu unterstützen. Auch bei der FDP gebe es keine ausreichende Sicherheit, da Aussagen des Bundesvorsitzenden und Auftritte in Sachsen-Anhalt Zweifel weckten, ob die Partei im Landtag nicht auch gemeinsame Gesetzesvorhaben mit der AfD mittragen könnte.

Mehr Parteien, weniger Sitze für die AfD

Bei der anstehenden Landtagswahl ist für den Politikwissenschaftler Janek Treiber entscheidend, ob die AfD die absolute Mehrheit erreicht und damit den Ministerpräsidenten stellen könnte. Falls das nicht gelingt, sei die Frage, welche Regierungskoalition sich anschließend bilde. Taktisches Wählen könne dabei eine Rolle spielen, weil sich die Sitze auf mehr Parteien verteilten.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass die AfD die absolute Mehrheit erreicht, sinkt, wenn eben viele Parteien ins Parlament einziehen, weil sich dann die Sitze auf mehr Parteien verteilen."
Janek Treiber, Politikwissenschaftler

Janek Treiber erklärt, dass eine AfD-Alleinregierung vor allem dann wahrscheinlicher werde, wenn nur drei Parteien in den Landtag einzögen: In den Umfragen führen AfD, CDU und Linke. Dann könne die AfD trotz weniger als 50 Prozent der Stimmen eine absolute Mehrheit der Sitze erreichen. Würden zusätzlich SPD und Grüne die Fünf-Prozent-Hürde überspringen, werde dieses Szenario deutlich unwahrscheinlicher.

Die Kampagne könnte jedoch auch nach hinten losgehen. Sie setze darauf, dass sich Stimmen gezielt auf bestimmte Parteien wie SPD oder Grüne konzentrierten. So können Menschen, die ohnehin SPD wählen, stattdessen für die Grünen stimmen, so der Politikwissenschaftler. Im schlimmsten Fall könnten die Grünen dadurch zwar zulegen, aber mit etwa 4,5 oder 4,8 Prozent trotzdem an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.

Wahlempfehlung oder Wahlkampf?

Den Machern widerspricht er vor allem bei der Aussage, es gehe nicht um Parteiwerbung: Am Ende werde ja durch das Tool eine Partei empfohlen und eine andere nicht. Und auch das Ziel, eine Mehrheit der AfD zu verhindern, sei eine klare politische Forderung.

Die Kampagne hält Janek also nicht für neutral – Neutralität ist für ihn allerdings in dieser Sache ohnehin keine sinnvolle Kategorie, denn das hieße, auch gegenüber Extremismus oder Verfassungsfeinden neutral zu sein.

Nicht für eine Partei, sondern für eine demokratische Mehrheit

Auch wenn die Kampagne als Wahlkampf verstanden werden könne, betont Ole, dass es dabei nicht um den Erfolg einer einzelnen Partei gehe. Trotz der Empfehlungen und des Ausschlusses von FDP und BSW sei die Kampagne auch breit aufgestellt.

"Wir sind aus ganz unterschiedlichen politischen Bereichen und uns liegt es am Herzen, dass es nach der Wahl eine demokratische Mehrheit gibt."
Ole Horn, Kampagne Taktisch Wählen 2026

Unterstützt werde sie von Menschen ohne Parteimitgliedschaft genauso wie von Mitgliedern der Grünen, SPD, Linken und CDU. Sie hätten zwar unterschiedliche politische Ansichten, würden aber ein Ziel teilen: eine demokratische Mehrheit im Landtag sichern.

Wenn die eigene Wahl zur Gewissensfrage wird

Politikwissenschaftler Janek Treiber hält es grundsätzlich für sinnvoll, die Partei zu wählen, der man tatsächlich am nächsten steht. Wer dauerhaft aus taktischen Gründen andere Parteien wähle, als er eigentlich wolle, könne politisch frustriert werden. Das sei langfristig auch für politisch interessierte und demokratisch engagierte Menschen problematisch.

"Menschen sollten die Partei wählen, der sie tatsächlich am nächsten stehen, sonst führt das Ganze auf Dauer zu politischer Frustration."
Janek Treiber, Politikwissenschaftler

Für Ole Horn ist die aktuelle Situation aber eine besondere. Er verweist auf Menschen in seinem Umfeld, die geflüchtet seien, deren Geschlechtsidentität infrage gestellt werde oder die wegen einer Beeinträchtigung von Ausgrenzung bedroht seien. Die Pläne der AfD machten ihm deshalb Angst. Er sei bereit, eine Partei zu wählen, bei der er einzelne Positionen kritisch sehe, solange eine Gesprächsgrundlage bestehe.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Sachsen-Anhalt
Kann taktisches Wählen die AfD ausbremsen?
vom 10. August 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner: 
Ole Horn, Kampagne Taktisch Wählen 2026
Gesprächspartner: 
Janek Treiber, Politikwissenschaftler