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Der Rücktritt von Bärbel Bas und ein Ordnungsgeld für einen AfD-Abgeordneten sorgen für Diskussionen. Er hatte am Rednerpult über die Klitoris einer Bundestagsabgeordneten gesprochen. Wie groß ist das Sexismus-Problem im Bundestag?

Am 15. Oktober 2026 spricht der AfD-Abgeordnete Martin Reichardt im Bundestag. Am Ende seiner Rede wendet er sich an die Linken-Abgeordnete Kathrin Gebel: "Sie mit ihrer Unkenntnis über ihre eigene Klitoris." Später erklärt er, er habe das Wort nur verwendet, weil Kathrin Gebel es selbst in einer früheren Plenardebatte benutzt habe. Damals hatte sie im Bundestag über "frauenbezogene Anträge" gesprochen und war dabei von Reichardts schrillem Lachen unterbrochen worden. Sie reagiert darauf mit folgenden Worten: "Herr Reichardt, die Klitoris hat 3.000 Nervenenden, und sie sind trotzdem empfindlicher. Das muss man erst mal schaffen."

Reichardt erhält für seine Aussage ein Ordnungsgeld. Sein Einspruch wird abgelehnt.

Drei Tage zuvor, am 12. Oktober, tritt Bärbel Bas als Bundesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende zurück. Danach beginnt nicht nur ein Streit über das Miteinander innerhalb der Koalition; es wird auch über den Umgang mit Frauen in politischen Spitzenämtern diskutiert. Carmen Wegge, Bundesvorsitzende der SPD-Frauen, spricht ganz direkt von "Sexismus mit System".

Was im Detail an diesen Vorwürfen dran ist, können wir an dieser Stelle nicht klären. Wir wollen aber wissen, was Frauen im Deutschen Bundestag täglich erleben und welche Zahlen und wissenschaftlichen Erkenntnisse es dazu gibt.

Abgeordnete: Sexistische Sprüche gehören zum Alltag

Paula Piechotta, Ärztin und seit 2021 für Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, sagt, sexistische Sprüche kämen dort "sehr häufig" vor. Auch sie selbst hat das erlebt.

"Als ich mich mit Jens Spahn im Zusammenhang mit den Maskendeals beschäftigt habe, haben mich alle zwei bis drei Tage Kollegen von der Union gefragt, ob ich das alles nur machen würde, weil ich untervögelt oder heimlich in ihn verliebt wäre."
Paula Piechotta, MdB für Bündnis 90/Die Grünen

Piechotta berichtet im Podcast auch von einer weiteren Situation. Außerdem spricht sie über sexuelle Belästigung von Mitarbeiterinnen, unter anderem durch AfD-Abgeordnete.

Die Abgeordnete lässt sich von diesen Erfahrungen nicht einschüchtern. Ihr sei bewusst, welches Ziel Sexismus verfolge: "Die, die das sagen, zielen darauf ab, dich zu verunsichern und ins Zweifeln zu bringen. Vielleicht schaltest du danach einen Gang zurück."

Sexismus im Bundestag ist Realität, sagt sie. In den vergangenen Jahren habe sie allerdings eine Veränderung beobachtet. Das liege unter anderem daran, dass inzwischen weniger Frauen im Deutschen Bundestag säßen und die Abgeordneten älter seien. "Es gibt einen deutlichen Rollback", sagt sie.

"Im Haushaltsausschuss, in dem etliche AfD-Herren sitzen, ist es konstant so, dass Frauen negative Kommentare abkriegen von Leuten, die selber kaum vorhandene Expertise haben."
Paula Piechotta, MdB für Bündnis 90/Die Grünen

Forschung zeigt: Frauen in der Politik stehen unter besonderer Beobachtung

Sarah Dingler ist Assistenzprofessorin für empirische Geschlechterforschung. Sie beschäftigt sich regelmäßig mit Frauen als politischen Akteurinnen.

"Weltweit geben sehr viele Politikerinnen in Umfragen an, von Sexismus betroffen zu sein. Die Studienlage deutet an, dass oft jüngere Frauen betroffen sind sowie Frauen, die besonders sichtbar sind."
Sarah Dingler, Assistenzprofessorin für empirische Geschlechterforschung

Dingler selbst hat dazu geforscht, ob Ministerinnen anders kontrolliert werden als Minister. Das Ergebnis: "Ministerinnen werden vom Parlament stärker kontrolliert als Minister. Das heißt, sie bekommen mehr schriftliche und mündliche Anfragen", erklärt die Wissenschaftlerin. In der Folge müssen Ministerinnen Zeit und Ressourcen dafür aufwenden, diese Anfragen zu beantworten, statt beispielsweise Gesetze zu initiieren.

Sexismus gefährdet politische Teilhabe von Frauen

Sexismus ist nicht nur eine Herabwürdigung und Beschämung für jede betroffene Frau, sagt die Wissenschaftlerin. Sie befürchtet langfristige Folgen für das politische System. "Wir müssen uns überlegen, ob diese Frauen gewillt sein werden, weiterhin in der Politik zu bleiben oder es sich doch zweimal überlegen, ob sie sich noch mal für die nächste Legislaturperiode aufstellen lassen wollen."

Darüber hinaus schließt Dingler negative Auswirkungen auf die folgende Generation nicht aus. "Wenn junge Frauen beobachten, dass Frauen in Machtpositionen häufig mit politischer Gewalt oder Sexismus zu tun haben, macht das natürlich auch etwas mit der Ambition, eine politische Karriere anzustreben."

"Sexismus oder politische Gewalt können dazu führen, dass Frauen nicht mehr so häufig sprechen oder nach Unterbrechungen länger brauchen, sich wiederzufinden als beispielsweise Männer."
Sarah Dingler, Assistenzprofessorin für empirische Geschlechterforschung

Demokratie braucht Gleichstellung

Damit sich Strukturen und Normen in Parlamenten verändern, braucht es laut Sarah Dingler mehr Bewusstsein für das Problem. Das fange mit dem Wissen darum an, dass Frauen andere Hürden in den Weg gelegt werden als Männern – und dies System habe. "Es ist auch wichtig, dass auf Vorfälle aufmerksam gemacht wird und sie gemeldet werden", so die Wissenschaftlerin.

Dass das Miteinander respektvoll wird und das Geschlecht kein Grund mehr für Herabwürdigung ist, ist wichtig – für die Betroffenen und für unsere Gesellschaft. Sarah Dingler begründet das so: "Wenn Frauen nicht so häufig in die Politik gehen oder aufgrund sexistischer Kommentare beim nächsten Mal schweigen, dann ist es für unsere Demokratie ein Problem. Dann können nicht alle gleich teilhaben, auch wenn sie gleichermaßen gewählt worden sind."

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Schikanen und Pöbeleien
Sexismus im Bundestag
vom 20. Oktober 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartnerin: 
Sarah Dingler, Assistenzprofessorin für empirische Geschlechterforschung an der Uni Innsbruck (Österreich)
Gesprächspartnerin: 
Paula Piechotta, Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestags