Wer in Deutschland Hilfe sucht, wartet oft monatelang auf einen Therapieplatz. Eine Idee, um die Wartezeit zu überbrücken ist das "Stepped-Care-Modell" mit Online- und Einzelsitzungen. Wie wirksam es ist, zeigen Zahlen aus dem Ausland.

Therapieplätze für gesetzlich Versicherte sind rar. Betroffene müssen sich häufig wochen-, wenn nicht monatelang bemühen, um einen Platz zu finden. Das erfordert viel Motivation und Durchhaltevermögen: immer wieder in Praxen anrufen, Absagen verkraften, hoffen. Gerade für Menschen mit Depressionen ist das besonders anstregend.

Weniger Tabu, mehr Nachfrage

Warum die Wartezeiten so lang sind, erklärt Deutschlandfunk Nova-Reporterin Anne-Katrin Eutin mit Verweis auf die Bundespsychotherapeutenkammer. Das Problem liege an der sogenannten Bedarfsplanung, die veraltet sei. "Der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen", sagt die Journalistin. Die Zahl der Therapieplätze sei aber kaum angepasst worden.

"Um die vorhandenen Plätze konkurrieren alle Betroffenen, unabhängig davon, wie schwer ihre psychische Erkrankung ist."
Anne-Katrin Eutin, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die höhere Nachfrage wird auch damit begründet, dass Menschen inzwischen mehr psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen als früher. Die am häufigsten vergebene Diagnose in Deutschland ist die Anpassungsstörung, so Anne-Katrin Eutin. Darunter fallen etwa Niedergeschlagenheit oder Ängste nach belastenden Lebensereignissen, wie etwa dem Tod eines nahestehenden Menschen.

"Psychische Erkrankungen sind gesellschaftlich nicht mehr so tabuisiert und das führt unter anderem dazu, dass Menschen sich jetzt eher oder schneller trauen, zur Therapie zu gehen."
Anne-Katrin Eutin, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Hilfe in Stufen: das Stepped-Care-Modell

Das Problem ist seit Jahren bekannt und ist inzwischen auch in der Politik angekommen, sagt die Journalistin, "im aktuellen Koalitionsvertrag steht zum Beispiel, dass die Bedarfsplanung gerade im ländlichen Raum und für Kinder und Jugendliche an die aktuellen Zahlen angepasst werden soll." Außerdem will die Regierung die Versorgung zum Beispiel durch, wie sie es nennt, "niedrigschwellige Online-Beratung" und "digitale Gesundheitsanwendungen" verbessern.

Einige dieser Angebote gibt es bereits in Deutschland. Noch verbreiteter sind sie im Ausland – in Form sogenannter Stepped-Care-Modelle. Diese sehen einen stufenweisen Zugang zu Hilfsangeboten vor. Vor einer klassischen Psychotherapie stehen zunächst andere Formen der Unterstützung: Online-Angebote, Gruppentherapien oder einmalige Einzelsitzungen. Die Idee dahinter: Betroffene sollen diese Angebote nutzen können, während sie auf einen festen Therapieplatz warten.

Bianca Simonsmeier ist Entwicklungspsychologin an der Universität Trier. Die Forscherin hat untersucht, wie wirksam Stepped-Care-Modelle im Ausland in der Kinder- und Jugendpsychotherapie sind.

"Das Angebot hat sich als ähnlich effektiv herausgestellt wie so eine klassische Psychotherapie."
Bianca Simonsmeier, Universität Trier

Das Fazit fällt in mehrfacher Hinsicht positiv aus: Viele Patient*innen benötigten im Anschluss keine weitere Therapie. Zudem waren die Abbruchquoten geringer als bei klassischen Einzeltherapien. Ein weiterer Vorteil – gerade mit Blick auf knappe Gesundheits- und Haushaltskassen:

  • geringere Kosten
  • niedrigerer Personalaufwand

Es bleibt jedoch die Sorge, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen dadurch nur eine "Zwischenlösung" bekommen könnten. Bianca Simonsmeier gibt mit Blick auf ihre Forschungsergebnisse Entwarnung: "Aus wissenschaftlicher Sicht ist es nicht so, dass die Therapie bei schwerer Krankheitsausprägung notwendigerweise intensiver sein muss." Daher ist Bianca Simonsmeier überzeugt, dass das Stepped-Care-Modell auch für Betroffene in Deutschland eine gute Idee wäre. Und für die klammen Krankenversicherungskassen sicher auch.

Shownotes
Stepped-Care-Modell
Erst Onlinesitzungen, dann Therapieplatz
vom 23. Februar 2026
Moderation: 
Nik Potthoff
Gesprächspartnerin: 
Anne-Katrin Eutin, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin