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OT ist Ende 20, als ihre Mutter an Krebs stirbt. Für sie die bislang schwerste Zeit in ihrem Leben. Eine Therapeutin erklärt, warum es in diesem Alter besonders schwer ist, einen Elternteil zu verlieren – und was in der Trauerphase helfen kann.

OT ist gerade mit ihrem Freund im Urlaub, als sie einen Anruf erhält, der für sie alles verändert: Sie erfährt von der Krebsdiagnose ihrer Mutter. "Dieser Anruf hat bei mir so viel ausgelöst. Man hatte einen superschönen Urlaub, man hatte natürlich auch seine Sorgen – aber ab diesem Zeitpunkt waren es plötzlich ganz andere Sorgen", erinnert sich OT.

Schockmoment: Die eigene Mutter hat Krebs

Als sie wieder zurück ist, verbringt OT sehr viel Zeit mit ihrer Mutter: "Ich habe sie jeden Tag im Krankenhaus besucht, später auch im Hospiz. Ich habe fast mein eigenes Leben pausiert – was mir aber auch sehr wichtig war."

"Meine Mutter war mein ganzes Leben für mich da und für mich war sofort klar, dass ich alles dafür geben möchte, auch für meine Mama da zu sein."
OT, vor ein paar Monaten ist ihre Mutter an Krebs gestorben

OT spricht von einer sehr intensiven Zeit. Etwa anderthalb Jahre lagen zwischen der Diagnose und dem Tod ihrer Mutter. "Es ist so viel passiert, dass man das alles auch jetzt noch nicht richtig greifen und begreifen kann. Es gab viele hoffnungsvolle Momente, aber natürlich auch sehr große Rückschläge. Es war immer ein Auf und Ab", erzählt OT.

Trotz Krebsdiagnose positives Mindset

Was sie nachhaltig beeindruckt: Ihre Mutter bleibt in dieser schwierigen Zeit stets positiv. "Sie hat die Gedanken 'Was würde passieren, wenn ich es nicht schaffe?' überhaupt nicht zugelassen. Sie hat gesagt: 'Ich schaffe das, mach dir keine Sorgen.' Ich glaube, sie wollte es auch unbedingt für mich."

OT spricht deshalb ganz bewusst wenig mit ihrer Mutter über den schlimmsten möglichen Ausgang, auch wenn die Ärzte sie immer wieder daran erinnern. Erst als ihre Mutter im Hospiz ist, wird die Situation für sie greifbar, erzählt OT.

Den Tod eines Elternteils verarbeiten

Dass ihre Mutter gestorben ist, kann OT auch Monate später noch nicht richtig begreifen – immer wieder überkommt sie eine große Traurigkeit. "Das ist irgendwie ein komischer Zustand. Es kommt immer in Wellen, auf die man nicht vorbereitet ist", sagt sie.

Sie verspüre eine große Dankbarkeit dafür, dass sie so eine gute Beziehung zu ihrer Mutter hatte und diese bedingungslose Liebe erfahren durfte. Aber oft schlage dieses Gefühl innerhalb von Sekunden um, sagt sie: "Man kann gefühlt nicht mehr aufstehen und ist unendlich traurig darüber."

"Es kommt aus dem Nichts und es kommt so schnell und so rasant auf einen zu, dass man gar keine Chance hat, darauf zu reagieren."
OT, vor ein paar Monaten ist ihre Mutter an Krebs gestorben

Ihre Mutter sei ihre engste Bezugsperson gewesen, sagt OT. Sie sei noch immer dabei herauszufinden, was ihr bei der Trauerbewältigung helfen könnte und was sie selbst braucht. "Ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass es für mich wichtig ist, von Menschen umgeben zu sein, bei denen ich authentisch ich selbst sein kann", sagt OT.

Sie habe schon immer den Wunsch gehabt, keine Belastung für andere zu sein. "Und gerade in dieser Situation ist es umso wichtiger, Menschen zu haben, bei denen man sich fallen lassen kann", sagt OT.

"Ich habe wieder mehr meine Mama präsent im Kopf"

OT versucht außerdem zunehmend, die Zeit, in der ihre Mutter krank war, in den Hintergrund treten zu lassen und sich stattdessen an die schönen gemeinsamen Momente zu erinnern: "Man hat gesehen, wie sie leidet, wie große Schmerzen sie hat, und man hat so sehr mitgelitten. Und jetzt ist es schön zu merken, dass man wieder mehr die strahlende Person vor Augen hat – die lachende Person."

"Man kann darauf vertrauen, dass die Erinnerungen an die Person wieder schöner werden."
OT, vor ein paar Monaten ist ihre Mutter an Krebs gestorben

OT sagt, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter noch viel zu regeln hat. Sie merkt aber auch, dass sie jetzt erst einmal eine Pause für sich braucht. "Ich habe tatsächlich geplant, den Fisherman’s Trail in Portugal zu laufen. Ich gehe dann zehn Tage wandern und hoffe, dass mich das in dieser schnelllebigen Welt ein bisschen zur Ruhe bringen kann", sagt sie.

Ansonsten hat OT derzeit wenig Pläne für die Zukunft. Sie befindet sich in einer Orientierungsphase. Das sei ein ganz normaler Prozess, sagt die psychologische Psychotherapeutin Verena Düttmann. Ihr eigener Vater ist gestorben, als sie Anfang 30 war.

Verlust eines Elternteils in jungen Jahren belastender

Verena Düttmann sagt, dass es einen Unterschied macht, in welcher Lebensphase wir einen Elternteil verlieren: "Wenn ich in meinen Zwanzigern einen Elternteil verliere, passiert das in einer Phase, in der viele gerade dabei sind, sich von ihrem Elternhaus zu lösen, eine eigene Identität aufzubauen, Beziehungen zu gestalten oder beruflich Fuß zu fassen. Unterm Strich geht es darum, erwachsen zu werden." Plötzlich seien die Kinder jedoch für Aufgaben verantwortlich, die zuvor möglicherweise der verstorbene Elternteil übernommen habe.

In dieser Lebensphase müssen Betroffene laut der Psychotherapeutin häufig nicht nur den Verlust des Elternteils verarbeiten, sondern auch das eigene Erwachsenwerden neu ordnen.

"Der Tod des Elternteils kann sich anfühlen wie ein Verlust von Sicherheit, von Herkunft, von der eigenen Kindesrolle oder von Zukunftsbildern."
Verena Düttmann, psychologische Psychotherapeutin bei der Online-Therapieplattform "HelloBetter"

Bei der Trauerbewältigung spielt laut Verena Düttmann auch die Beziehung zum verstorbenen Elternteil eine wichtige Rolle. Insbesondere ambivalente oder belastende Gefühle können die Trauer sehr komplex machen. "Zum Beispiel, wenn vieles ungeklärt geblieben ist, wenn Dinge nicht ausgesprochen wurden oder wenn ich keinen Kontakt zu dem Elternteil hatte", sagt die Psychotherapeutin.

Alle Gefühle dürfen sein

Vielleicht gab es die Hoffnung, dass sich die Beziehung irgendwann verändert. Mit dem Tod gehe dann auch diese Möglichkeit verloren. Aber auch bei einer guten Beziehung können ambivalente Gefühle auftreten, sagt Verena Düttmann: "Da können zum Beispiel Ärger oder Wut aufkommen: Warum hast du mich allein gelassen? Warum bist du gegangen? All diese komplexen oder widersprüchlichen Gefühle dürfen da sein."

Trauer ist nicht nach einer bestimmten Zeit vorbei

Jeder Mensch trauert anders. Deshalb ist es auch sehr individuell, wann und wie intensiv jemand trauert. Trauer verläuft nämlich nicht nach festen Phasen, sagt Verena Düttmann. "Lange war die Vorstellung, dass man eine Phase abschließt und dann in die nächste übergeht. Entsprechend gab es Phasenmodelle der Trauer, die ich selbst noch im Studium kennengelernt habe. Aber Trauer ist nicht linear."

"Trauer kann sich verändern. Sie kann leiser werden, in den Hintergrund treten und dann plötzlich kommt sie mit voller Wucht wieder zurück und ist wahnsinnig präsent."
Verena Düttmann, psychologische Psychotherapeutin bei der Online-Therapieplattform "HelloBetter"

Dass Menschen auch lange nach einem Verlust noch starke Trauer empfinden, zeigt sich häufig bei besonderen Ereignissen im Leben – etwa beim Schul- oder Uniabschluss, dem ersten Job, einer Hochzeit, der Geburt eines Kindes oder an Geburtstagen. "Also immer dann, wenn besonders spürbar wird: Diese Person wäre jetzt eigentlich Teil dieses Moments gewesen", sagt Verena Düttmann.

Früher Tod eines Elternteils passt nicht ins Lebensskript

In der Forschung spricht man in solchen Fällen von sogenannten Off-Time-Events, erklärt die Psychotherapeutin. "Das sind Lebensereignisse, die nicht zum sozial erwarteten Zeitpunkt eintreten und damit der sogenannten sozialen Uhr widersprechen. Auch wenn der Tod der Eltern oder eines Elternteils grundsätzlich erwartbar ist, aber das ist es nicht, wenn man erst in seinen Zwanzigern ist."

Elternteil verloren – Wie wir die erste Zeit überstehen

Ist die eigene Mutter oder der eigene Vater vor Kurzem gestorben, geht es aus Sicht der Psychotherapeutin zunächst nicht darum, den Verlust zu verarbeiten. Wichtiger sei es, die nächsten Tage und Wochen möglichst stabil zu überstehen: "Also essen, schlafen, duschen, rausgehen, eine Person kontaktieren oder einfach ein- und ausatmen. Das klingt banal, ist aber in einer akuten Trauer oft schon sehr, sehr viel."

Außerdem müsse nicht alles sofort entschieden oder verstanden werden. "Viele funktionieren in den ersten Wochen auf Autopilot. Es ist aber völlig in Ordnung, Entscheidungen zu vertagen, Hilfe anzunehmen und sich vor zu vielen Meinungen von außen zu schützen", sagt Verena Düttmann.

"Es ist auch okay, die Trauer zu vertagen. Ich darf auch sagen, ich möchte das gerade nicht. Ich möchte mich gerade nur ablenken."
Verena Düttmann, psychologische Psychotherapeutin bei der Online-Therapieplattform "HelloBetter"

Wichtig sei es außerdem, sich nicht mit anderen zu vergleichen. "Nur weil andere anders trauern oder schneller wieder funktionieren, heißt das nicht, dass man selbst etwas falsch macht. Es gibt keine richtige Art zu trauern und entsprechend auch keinen festen Zeitplan", erklärt die Psychotherapeutin.

So kann das Umfeld helfen

Wer Menschen nach dem Verlust eines Elternteils unterstützen möchte, sollte sich darüber im Klaren sein, dass jeder anders trauert. "Es ist wichtig, nicht vom eigenen Gefühl auszugehen – also zu überlegen, was mir helfen würde –, sondern wirklich zu schauen: Was braucht mein Gegenüber?" Hilfreich sei es zum Beispiel, konkrete Unterstützung anzubieten – etwa Essen vorbeizubringen oder Begleitung bei Behördengängen anzubieten. Und zu sagen: "Möchtest du reden oder lieber abgelenkt werden?"

Der Trauer Raum zu geben, sei wichtig, sagt Verena Düttmann. Langfristig sollten Betroffene jedoch auch wieder in den Alltag zurückfinden. Dabei können gewohnte Routinen, stabile Beziehungen und persönliche Ziele helfen.

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Shownotes
Tod der Eltern
Wie kommen wir damit klar?
vom 22. Juli 2026
Gesprächspartnerin: 
OT, vor ein paar Monaten ist ihre Mutter an Krebs gestorben
Gesprächspartnerin: 
Verena Düttmann, psychologische Psychotherapeutin bei der Online-Therapieplattform "HelloBetter"
Autorin und Host: 
Shalin Rogall
Redaktion: 
Betti Brecke, Friederike Seeger
Produktion: 
Philipp Adelmann