Erster gemeinsamer Urlaub mit Freunden – alle freuen sich, aber die Vorstellungen sind doch sehr unterschiedlich, muss Allie feststellen. Ein Freund fährt sogar vorzeitig zurück. Wieso auch ein misslungener Urlaub gut für eine Freundschaft sein kann.
Ein Freund von Allie verbringt ein Auslandssemester in Neuseeland. Mit einem gemeinsamen Freund entscheidet sie sich, nach Neuseeland zu fliegen, um ihn zu besuchen und gemeinsam Urlaub zu machen. Aber schon während des Fluges stellen sich erste Zweifel ein:
Das ist schon ganz schön viel Zeit, die man miteinander verbringt. Was, wenn es nicht gut wird?
"War das jetzt wirklich so eine gute Idee? Also ich kenne die schon super lange, aber trotzdem haben wir noch nie so viel Zeit am Stück zusammen verbracht. Ich hatte auf jeden Fall Angst."
Und wie sieht überhaupt der perfekte Urlaub aus? Sich treiben lassen, den Vibe eines Ortes spüren, verweilen, umschauen und genießen? Das ist Allies Idealvorstellung von einem Urlaub. Sie will sich Zeit nehmen und ihre Umgebung auf sich wirken lassen.
"Ich bin fast den ganzen Weg alleine weinend die Stufen runtergelaufen, weil ich mir gedacht habe: Ich will hier weg, ich halte das nicht mehr aus."
Andere finden es schöner, in kürzester Zeit das Maximum herauszuholen. Eine Liste mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten abhaken? Was manchen einen Kick gibt, empfinden andere als Freizeitstress.
Der eine will lieber 'Low Budget' reisen und übernachtet dafür auch mal im Auto oder im Zelt. Eine andere gönnt sich stattdessen lieber den Luxus eines bequemen Hotelbetts und will es sich auch kulinarisch gut gehen lassen. Das kann ins Geld gehen.
"Der eine hat gesagt: 'Nee, ich schlafe nicht im Auto oder in einem Zelt.' Und der andere möchte komplett Low-Budget reisen, am besten nur campen und nur Brot und Humus essen."
Tagsüber viel chillen und abends Party machen oder doch lieber die lokale Kultur erleben? Was wir uns für einen schönen Urlaub wünschen und wie sehr das mit den Vorstellungen unserer Freunde übereinstimmt, ist vielen vor einem gemeinsamen Urlaub oft gar nicht so klar.
Auch wenn wir oft annehmen, dass wir mit unseren Freunden auf einer Wellenlänge sind, können wir damit auch falsch liegen, sagt die Diplom-Psychologin und Autorin Ulrike Scheuermann. Die Wissenschaft spricht vom sogenannten "False-Consensus-Effect".
Im Urlaub gestritten und viel geweint
Nach einer Wanderung will Allie am Gipfel etwas verweilen, eine Kleinigkeit essen und die Aussicht genießen. Ein Mitreisender sieht das anders und will direkt weiter. Allie hat das Gefühl, die anderen nehmen ihre Bedürfnisse nicht ernst.
Die Stimmung kippt und sie bewältigt den Abstieg alleine. Es ist ein Urlaub, in dem sie viel weint. Einer ihrer Freunde entschließt sich dann, eine Woche früher zurückzureisen, weil es ihm einfach zu viel wird, wie er sagt.
Konstellation verändert Dynamik
Es kommt zur Aussprache, in der alle die Chance haben, mit den anderen ein offenes Wort zu reden. Schwierig ist für Allie nur, dass es zunächst so aussieht, als ob sie die letzte Woche alleine verbringen muss, weil ihr Kumpel, der vor Ort ein Auslandssemester macht, eigentlich wieder zurück an die Uni muss. Dann entscheidet er sich aber doch dafür, Allies letzten Urlaubstage gemeinsam mit ihr zu verbringen.
Der Resturlaub verläuft dann viel mehr so, wie Allie es sich auch gewünscht hatte. Dadurch stellt sie fest, wie sehr sich die Dynamik dadurch verändert hat, dass ihr anderer Kumpel bereits abgereist ist.
"In Zeiten des Konflikts wird der Urlaub immer wichtiger, weil er kompensieren soll, dass wir sonst im Alltag von irgendwelchen Ängsten und blöden Nachrichten umgeben sind. Der Druck steigt."
Die Ansprüche, die wir an einen Urlaub haben, steigen aus verschiedenen Gründen, sagt die Tourismussoziologin Kerstin Heuwinkel. Zum einen sehen wir in den sozialen Medien "perfekte" Bilder davon, wie ein Urlaub sein sollte.
In Zeiten von Krisen dient der Urlaub zudem auch als Kompensation: Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten und im Iran, wirtschaftliche Schwierigkeiten – der Urlaub dient als eine Art möglichst sorglose Auszeit.
"Im Nachhinein, wenn ich da jetzt an den Monat zurückdenke, denke ich mir so: Oh wie geil, ich will das unbedingt nochmal machen. Wir planen auch schon den nächsten Urlaub."
Allie hat viel in diesem Urlaub gelernt. Sie hat ihre Freunde besser kennengelernt und festgestellt, dass man in den Ferien möglicherweise etwas anders tickt als im Alltag. Sie möchte, dass der jährliche Urlaub mit ihren Freunden zu einer Art Routine wird.
Ein gemeinsamer Urlaub ist kein Projekt, das es immer weiter zu optimieren gilt
Aber sie hat sich auch vorgenommen, mit beiden genau zu überlegen, welche Art von Trip gut passen könnte. Außerdem möchte sie vor der gemeinsamen Reise auch nochmal "kurz alles durchquatschen", damit alle noch besser wissen, worauf sie sich einlassen. "Dann wird das schon" ist Allie überzeugt.
Urlaub ist ein Erlebnis und kein Projekt, das es immer weiter zu optimieren gilt, sagt die Diplom-Psychologin und Autorin Ulrike Scheuermann,. Wichtig findet sie, sich darauf einzulassen, loszulassen und nicht alles nach den eigenen Wünschen lenken zu wollen. Dinge durchzusprechen, hält sie für eine gute Idee, um die verschiedenen Vorstellungen miteinander abzugleichen.
Offenheit und Gelassenheit
Je nach Situation empfiehlt sie, Dinge anzusprechen oder aber auch einfach mal offen und neugierig zu sein und sich auf Neues einzulassen, statt Dinge einfach abzulehnen. Wenn wir Dinge, die uns stören, ansprechen wollen, dann sollten wir keine Vorwürfe machen, sondern eher von uns erzählen, sagt die Diplom-Psychologin.
Wenn sich eine*r der Reisenden vielleicht etwas mehr leisten kann als die anderen, sollten wir es auch akzeptieren können, wenn er oder sie anbieten, uns mal einzuladen, sagt Ulrike Scheuermann. Offenheit und Gelassenheit sind für sie die wichtigsten Garanten für einen gelungenen und entspannten Urlaub mit Freunden.
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