"Die Wahrscheinlichkeit sinkt stündlich, aber wir geben nicht auf", sagt Mareike Harms vom Technischen Hilfswerk. Sie sucht in Venezuela nach Überlebenden. Im Land wächst die Kritik: Staatliche Hilfe komme zu langsam an. Droht eine Staatskrise?
Es ist Mittwoch, der 24. Juni, gegen 18 Uhr Ortszeit: Zwei schwere Erdbeben treffen innerhalb weniger Sekunden den Bundesstaat La Guaira in Venezuela. An der Karibikküste ist die Zerstörung besonders groß. Tausende Menschen sterben oder werden verletzt, laut den Vereinten Nationen werden 50.000 Menschen vermisst.
Jenny Cabrera aus der Stadt La Guaira hofft, dass ihre Eltern noch leben. Den ganzen Tag und die ganze Nacht sitzt sie auf einem Plastikstuhl vor dem eingestürzten Gebäude, in dem ihre Eltern zum Zeitpunkt des Erdbebens waren.
"Das Erste, was ich gesehen habe, waren Menschen, die auf Matratzen und auf dem Boden saßen. In ihren Gesichtern war vor allem Verzweiflung zu sehen."
Viele Helfer*innen aus verschiedenen Ländern, darunter Deutschland, sind in den Norden Venezuelas gekommen, um Überlebende aus den Trümmern zu bergen. Das Technische Hilfswerk (THW) hat 47 Einsatzkräfte geschickt, darunter Mareike Harms.
Die Hoffnung, Überlebende unter Trümmern zu finden
Das THW-Team ist im Küstenort Caraballeda im Einsatz. Mit dabei sind 15 Tonnen Material. Die Ausstattung reicht aus, um zehn Tage vor Ort autark arbeiten zu können, erklärt Mareike Harms. Dazu gehören unter anderem Betonkettensägen, mit denen sich die Einsatzkräfte durch Geröll und Beton zu verschütteten Menschen vorarbeiten können. Außerdem haben sie Medikamente für die Erstversorgung dabei sowie Kameras und spezielle Mikrofone, mit denen sie hören können, ob unter den Trümmern Atemgeräusche zu hören sind.
"Um die Atemgeräusche zu hören, muss es wirklich still sein. Da bewegt sich keiner mehr. Auch nicht die vielen Menschen, die helfen wollen und auf ihre Verwandten hoffen. Alle sind still."
Mareike erzählt von einer Situation, in der das Team Klopf- und Atemgeräusche gehört hat: "Da haben wir 16 Stunden an einer Arbeitsstelle gearbeitet. Nach einiger Zeit war es dann aber so, dass wir keine Lebenszeichen mehr feststellen konnten. Die Suche ging dennoch weiter, weil es sein kann, dass eine verschüttete Person einschläft."
Später kamen Suchhunde zum Einsatz. Als auch sie keine Witterung aufnehmen konnten, wurde ein niederländisches Team hinzugezogen. Doch auch sie konnten keine Lebenszeichen mehr feststellen. "Das war natürlich sehr schwer“, sagt die THW-Helferin, "wenn man so lange an einer Einsatzstelle arbeitet und auch die Angehörigen vor Ort sind und hoffen."
Auf internationale Hilfe angewiesen
Hat ein Team einen Sektor durchsucht und keine Überlebenden gefunden, zieht es weiter. Doch mit jeder Stunde sinken die Chancen, Menschen lebend zu finden – auch wenn es diese Wunder, wie sie vor Ort genannt werden, immer noch gibt.
Tatsache sei inzwischen, dass aus Rettungsarbeiten zunehmend Bergungsarbeiten würden, sagt ARD-Korrespondentin Jenny Barke, die in Venezuela vor Ort ist.
"Vielerorts graben die Menschen nicht mehr verzweifelt nach Überlebenden, sondern da kommen jetzt große Räumfahrzeuge an, die die Trümmer wegtragen. Das heißt, die Zahl der Toten wird steigen."
Mit der Zeit verändern sich auch die Aufgaben der internationalen Rettungsteams, die nach Venezuela gekommen sind, erklärt Jenny Barke. "Mehr als 70.000 Menschen haben die vergangenen Nächte auf der Straße verbracht." Sie seien von jetzt auf gleich obdachlos geworden.
Umso wichtiger sei es nun, dass die internationalen Teams Bedingungen schaffen, unter denen die Menschen zumindest eine Grundversorgung erhalten können. Denn es fehle an allem. "Es sind schon Stromgeneratoren aufgestellt und Wasserfilter installiert worden, weil die Leitungen durch die Erdbeben einfach zerborsten sind", berichtet die Korrespondentin. Außerdem brauche es Lebensmittel, Medikamente und psychosoziale Betreuung für die vielen Menschen, die Angehörige verloren haben. Darunter seien auch viele Kinder.
Kritik an unzureichender staatlicher Hilfe
Die staatliche Hilfe hingegen habe vielerorts versagt. "Die Kritik haben wir immer wieder gehört", sagt Jenny Barke, "und wir haben es auch beobachten können."
"Vielerorts stehen wirklich Militärkräfte, die sich sprichwörtlich die Beine in den Bauch stehen und nichts machen. Und die Leute brüllen sie an: 'Wir haben hier mehr Waffen als Schaufeln.'"
Die Interimspräsidentin Delcy Rodríguez hat die besonders schwer von den Erdbeben getroffene Küstenregion La Guaira militärisch abriegeln lassen. Ziel sei es offenbar gewesen, auf diese Weise Chaos zu verhindern.
Nach Einschätzung der Korrespondentin habe das jedoch vor allem die große Solidarität der Bevölkerung ausgebremst: "Tausende Menschen sind mit Lebensmitteln, Medikamenten, aber auch mit ihren bloßen Händen hingereist, um zu helfen und Überlebende zu retten. Und die sind alle aufgehalten worden."
Interimspräsidentin Rodríguez wird ausgebuht
Als Delcy Rodríguez betroffene Orte besucht hat, um den Menschen ihr Beileid auszusprechen, ist sie ausgebuht worden, berichtet Jenny Barke. "Die Wut auf die Regierung wächst." Doch welche Folgen das für die Regierung haben könnte, lasse sich noch nicht abschätzen.
"Was das langfristig für das Regime bedeutet, können wir noch nicht absehen. Aber zumindest ist hier eine neue Dynamik, eine neue Wut, die sich irgendwann noch auf der Straße entladen könnte."
Gleichzeitig, sagt die Journalistin, sei es der Interimspräsidentin anzurechnen, dass sie internationale Hilfe überhaupt ins Land gelassen habe: "Das hätte ihr Vorgänger Nicolás Maduro, der Langzeitmachthaber, der im Januar von den USA festgenommen wurde, nicht gemacht."
Ein Land, das schon vor dem Erdbeben lange in der Krise war
Venezuela steckt seit Jahren in einer wirtschaftlichen und politischen Krise. Zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Millionen Menschen haben das Land verlassen. Nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe sind rund 7,9 Millionen Menschen ausgewandert – etwa ein Viertel der Bevölkerung.
Im Januar 2026 führten US-Präsident Donald Trump und die US-Regierung einen Militäreinsatz in Venezuela durch, bei dem der langjährige autoritäre Machthaber Nicolás Maduro festgenommen wurde. Die derzeit geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez war zuvor Vizepräsidentin unter Maduro.
Nach Einschätzung von Jenny Barke erschweren die marode Infrastruktur und die jahrelange Krise nun auch die Rettungsarbeiten. Hinzu komme ein Gesundheitssystem, das über Jahre kaputtgespart worden sei. "Viele Menschen gehen, wenn sie ins Krankenhaus müssen, mit ihren eigenen Medikamenten, ihren eigenen Spritzen, ihren eigenen Bettlaken ins Krankenhaus", berichtet sie.
"Man merkt an allen Stellen, dass die Infrastruktur kaputtgespart ist, dass Personal fehlt und dass eine Regierung überhaupt nicht auf so eine Katastrophe vorbereitet ist."
Nach Schätzung der Vereinten Nationen wird der Wiederaufbau von Strom- und Wassernetzen, Gebäuden, Straßen und Brücken rund 6,7 Milliarden US-Dollar kosten. Zwar haben die USA ihre angekündigte Hilfe von 150 auf 300 Millionen US-Dollar verdoppelt. Gemessen am Ausmaß der Zerstörung sei das aber nur ein Bruchteil dessen, was benötigt werde. "Viele Menschen, die jetzt schon in Armut gelebt haben, denen wird kaum geholfen werden", sagt Jenny Barke, denn die internationalen Rettungsteams werden das Land irgendwann wieder verlassen.
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