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Die Krise bei Volkswagen spitzt sich weiter zu. Mehrere Zehntausend Jobs sind bedroht. Die Beschäftigten gehen gegen die Pläne des Konzerns auf die Straße. Doch klar ist: Das Unternehmen muss sparen, um eine Zukunft zu haben.

Seit Monaten steht fest: Volkswagen, Europas größter Autobauer, muss sparen. Das bedeutet Stellenabbau. Zu den bereits angekündigten 50.000 Streichungen könnten weitere 50.000 hinzukommen. Außerdem ist von Standortschließungen in Deutschland die Rede. Hannover, Zwickau, Emden und das Audi-Werk in Neckarsulm sollen auf der Streichliste stehen.

Welche Bereiche betroffen sind – ob Verwaltung, Entwicklung oder die Werkshallen –, dazu verrät der Konzern bislang keine Details.

Mitarbeitende beklagen, nur häppchenweise Informationen aus den Medien zu erhalten. Die Unsicherheit ist groß, bestätigt Daniela Cavallo, Betriebsratschefin bei VW. "Die Angst ist groß." Und sie appelliert: "Das ist keine Art und Weise, mit uns als Belegschaft umzugehen."

"Wo ist das Konzept des Unternehmens? Dieses Konzept muss der Belegschaft erklärt werden." Daniela Cavallo, Betriebsratschefin bei VW
Daniela Cavallo, Betriebsratschefin bei VW

Proteste und Kritik an Kommunikation

Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven verfolgt die Lage bei VW und sagt: "Solche Existenzängste wie jetzt gab es bei Volkswagen-Mitarbeitenden noch nie." Auch er sieht die mangelnde direkte Kommunikation als Hauptursache für den inzwischen eskalierten Streit. Als der Aufsichtsrat am 9. Juli zusammenkam, gab es an allen Standorten Protestaktionen.

Am selben Tag veröffentlichte VW-Chef Oliver Blume ein Video-Statement. Darin heißt es: "Wir machen den Volkswagen-Konzern schneller, robuster, verschlanken."

Wie genau dieses Verschlanken aussehen soll, ist jedoch weiterhin unklar, so Lieven.

Warum VW sparen muss

Dass VW sparen muss, steht für Nicolas Lieven außer Frage – obwohl der Konzern 2025 rund sieben Milliarden Euro Gewinn gemacht hat. "Das sieht aber nur auf den ersten Blick gut aus", ordnet der Journalist ein. Im Vergleich zu früheren Jahren habe sich der Gewinn etwa halbiert. Zudem sei das Jahr 2026 deutlich schwächer gestartet als das Vorjahr.

Der Wirtschaftsjournalist erläutert: "Die Werke von VW sind auf elf bis zwölf Millionen Autos pro Jahr ausgelegt." Künftig gehe man aber davon aus, dass nur noch acht bis neun Millionen Fahrzeuge produziert werden. Die Folge: zu viele Kapazitäten und zu viele Werke.

Hinzu komme, so Lieven, dass VW vergleichsweise teuer produziere. "Wenn man schaut, wie viel Gewinn man mit einem Auto nach dem Verkauf macht, ist das bei VW extrem niedrig."

"Für VW ist das ein Schrumpfungsprozess, das kannst du gar nicht anders sagen. Die wollen das ganze Unternehmen auf Profitabilität trimmen."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Schon jetzt versuche VW, Kosten zu sparen, indem Fahrzeuge günstiger im Ausland – etwa in Spanien oder Osteuropa – produziert werden. "Doch inzwischen", sagt Lieven, "kommen Stimmen dazu, die sagen, dass auch Ingenieurs- und Entwicklungsleistungen aus China kommen könnten."

"Es werden entscheidende Bereiche beschnitten, die für VW immer wichtig waren und für deutsche Ingenieurs- und Produktionskunst standen."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Konkurrenz aus China und hohe Entwicklungskosten

Automobilhersteller sind auf Gewinne angewiesen, erklärt der Wirtschaftsjournalist. Nur so stehe genügend Geld für die Entwicklung neuer Modelle und Technologien zur Verfügung. Gerade jetzt sei der Innovationsdruck besonders groß – wegen der Konkurrenz aus China, aber auch, weil deutsche Hersteller mehrere Antriebstechnologien gleichzeitig weiterentwickeln.

"VW und viele andere Hersteller arbeiten gleichzeitig an Verbrennern, Hybriden und E-Autos. Das kostet wahnsinnig viel Geld."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Wirtschaftsjournalist: Ganze Regionen wären betroffen

Volkswagen beschäftigt weltweit rund 600.000 Menschen, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Sollten Zehntausende Arbeitsplätze wegfallen oder Werke schließen, hätte das weitreichende Folgen – nicht nur für die Beschäftigten selbst.

"Die Standorte Emden und Zwickau haben jeweils acht- bis zehntausend Beschäftigte. An jedem Arbeitsplatz hängen noch zwei bis drei weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern." Hinzu kämen Jobs in der Region – etwa im Supermarkt, beim Friseur oder an der Tankstelle. Insgesamt, so Nicolas Lieven, hingen an einem Arbeitsplatz bei VW rund fünf weitere Arbeitsplätze.

Schließungen stoßen auf Widerstand in der Politik

Deshalb ist sich Nicolas Lieven sicher: "Einfach durchsetzen lassen sich Schließungen und der Stellenabbau nicht."

Zum einen gebe es den Betriebsrat und die Belegschaft, die bereits auf die Straße gingen. Zum anderen werde auch die Politik mitreden. Das liege unter anderem daran, dass Niedersachsen Anteilseigner von VW sei und "alles blockieren kann, was da beschlossen werden soll". Mit Blick auf die Landtagswahl 2027 sei politischer Widerstand deshalb durchaus denkbar.

Welche Alternativen gibt es?

Welche anderen Lösungen es geben könnte, darauf gebe es keine einfache Antwort, sagt der Journalist. Im Gespräch seien unter anderem pauschale Gehaltskürzungen von zehn Prozent oder eine Vier-Tage-Woche mit entsprechenden Lohnkürzungen. Für all diese Maßnahmen wäre allerdings die Zustimmung des Betriebsrats erforderlich.

Doch trotz aller Sparmaßnahmen, egal wie sie ausfallen werden, den Volkswagen-Konzern werde es auch künftig geben, davon ist Nicolas Lieven überzeugt: "VW verschwindet nicht von der Bildfläche, die haben Cashbestände von rund 30 Milliarden Euro. Aber VW wird kleiner werden, das ist keine Frage."

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Vier Werke wackeln
Wohin steuert VW?
vom 13. Juli 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner: 
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist